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Und was könnte besser sein? Bären schlafen, Hasen hüpfen an so’nem Abend in Frieden / 8

Montag, 15. März 2021 10:56

traum1

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Wie soll man da schlafen? Wie soll man schlafen in einer Welt unter dem Diktat des Aufrechtgehers? Wie soll man da schlafen? Wie soll man schlafen, wenn das fortgeschrittene Alter den Schlaf mit ständigen Wachphasen durchschießt wie ein altes Fischernetz? Wie soll man da schlafen? Wie soll man schlafen, wenn die Stürme nachts an den Dachpfannen rütteln und es über deinem Bett rumpelt und trommelt, als sei Keith Moon wieder von den Toten auferstanden? Wie soll man da schlafen? Wie soll man schlafen, wenn der Freund und Gefährte, wie er dies gerne tut, sich mal wieder eine Zweitidentität zugelegt hat, in diesem Fall die des Skisprungkünstlers Karle G.? Wie soll man da schlafen? Wie soll man schlafen, wenn dann auch noch unter dem Bett (Glaubt der Budnikowski denn dann merkt man es nicht? Gruß Der Säzzer) wilde Siegesfeiern abgehalten werden, eben weil der Karle wieder so weit geflogen ist? Wie soll man da schlafen? Wie soll man schlafen, wenn draußen einerseits eine so noch nicht erlebte gespenstische Ruhe herrscht, die jedoch spürbar von hektischem und ungeduldigem Gemurre und Gepolter durchwoben ist? Wie soll man da schlafen?

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Tja, eigentlich schlief er trotzdem ganz gut der Archibald Mahler, der wackere Bär vom Brandplatz, wohnhaft in der kleinen häßlichen Stadt in Mittelhessen. Die Verdrängungsmechanismen funktionierten diesen Winter vor allem im Schlaf ganz vorzüglich. Was eindringt in die Winterruhe wird flugs zu Träumen umgemodelt und die läßt man dann am langen Bewußtseinsarm verhungern und dreht sich nochmal um. Und die Wellen schlagen regelmäßig ans Ufer und wiegen dich wieder in den Schlaf. Wäre da nicht die innere Uhr, die selbst wenn der Aufrechtgeher sich nicht zwischen dem meteorologischen und dem astrologischen Lenzbeginn entscheiden kann, dieser Döösbaddel, den Bären an der Kandare hält. Nicht so einfach das alles dieser Tage. Und dann noch diese dämliche Zeitumstellerei. Verschlimmbesserung, Dein Name ist Homo sapiens.

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Der letzte Traum jedoch war eine emotionale Gratwanderung. Es war einer der Träume, wo sich der Träumer ganz sicher ist, schon längst erwacht zu sein. So saß der Bär am Waldrand und blickte einen Abhang hinab, sah in der Ferne einen See und Fliegen summten und Bienen brummten an einem warmen Frühlingsabend in Frieden, als ihn eine eiskalte Bö die Decke über die Nase ziehen ließ und er zurückkehrte in den Schlaf, denn das war die Realität: eiskalte Winde vor dem geschlossenen Fenster und alle Lenze noch fern. Also sprach zu ihm der Ehrenwerte Ernst Albert. Und diese Worte drangen klar und ohne Verlust in seinen aufnahmebereiten Kopp: „Drehe Dich nochmal um. Eine Woche hast Du noch Zeit. Mindestens. Laß erstmal Ostern ins Land ziehen. Dann sehen wir weiter! Schönen Traum noch!“

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Derweilen pfiff Budnikowski ein Lied. Ganz leise nur. Er wachste seine Holzlatten. Und flog davon.

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Thema: Jetzt ist 2021 | Kommentare deaktiviert | Autor: Christian Lugerth

Und was könnte besser sein? Bären schlafen, Hasen hüpfen an so’nem Abend in Frieden / 7

Sonntag, 28. Februar 2021 10:30

traum2

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Es war ruhig geworden. Nun schon seit Wochen. Winterruhe, obwohl draußen Packeis und Warmlufteinbrüche miteinander Ringelpiez tanzten. Budnikowski sogar zwang sich zum Schlaf und es gelang ihm weitgehend. Doch gestern träumte ihm wieder, er hätte Latten unter den Pfoten, er spränge und flöge und Medaillen und plötzlich ein Kloß im Hals, der verhinderte den Siegesschrei. Er dachte voller Rücksicht (aussterbende Geisteshaltung!) an des Mahlers Winterruhe. Und so sprach der Kloß zu ihm: „Hase? Kennst Du meine Geschichte? Nein? So höre!“

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„Es lebten einmal ein alter Mann und sein Weib. Eines Tages bat der Greis die Frau: “Back mir doch einen Kloß!” “Woraus? Seit einer Woche gibt es kein Mehl im Haus.” “Feg den Speicher aus, kratz die Lade aus; so bringst du genug Mehl zusammen.”

Die Alte ging, fegte den Speicher aus, kratzte die Lade aus und brachte zwei Handvoll Mehl hinaus. Sie buk einen Kloß und legte ihn ans Fensterbrett zum Abkühlen. Da sprang der Kloß aus dem Fenster heraus und rollte auf den Boden, dann durch die Tür raus und schließlich in die weite Welt hinaus.

Er stolzierte voran, er sang und jagte Hühnern und Gänsen Angst ein: „Aus dem Speicher gefegt, aus der Lade gekratzt, in Butter gebacken, aus dem Fenster verschwunden!“

Da traf der Kloß den Hasen: „Bleib stehen, Kloß! Jetzt fress´ ich dich auf!“ Der Kloß aber sang: „Aus dem Speicher gefegt, aus der Lade gekratzt, in Butter gebacken, aus dem Fenster verschwunden, der Opa konnte mich nicht fassen, die Oma konnte mich nicht fassen und du, Hase, mach dir keine Hoffnungen!“ Und er rollte weiter.

Da traf der Kloß den Wolf: „Bleib stehen, Kloß! Jetzt fress´ ich dich auf!“ Der Kloß sang: „Aus dem Speicher gefegt, aus der Lade gekratzt, in Butter gebacken, aus dem Fenster verschwunden, der Opa konnte mich nicht fassen, die Oma konnte mich nicht fassen, der Hase konnte mich nicht fassen und du, Wolf, mach dir keine Hoffnungen!“ Und er rollte weiter.

Da kommt aus dem Wald der Bär: „Bleib stehen, Kloß! Jetzt fress´ ich dich auf!“ Der Kloß aber sang: „Aus dem Speicher gefegt, aus der Lade gekratzt, in Butter gebacken, aus dem Fenster verschwunden, der Opa konnte mich nicht fassen, die Oma konnte mich nicht fassen, der Hase konnte mich nicht fassen, der Wolf konnte mich nicht fassen und es ist mir leicht, dir, Bär zu entwischen.“ Der Bär sah ihn nicht mehr.

Da traf er den Fuchs und auch der wollte ihn fressen. Der Kloß begann: „Aus dem Speicher gefegt…“ Der schlaue Fuchs sprach: „Wie schön und gewitzt! Doch hab´ ich so schlechtes Gehör. Setz dich auf meine Nase und sing doch noch mal, so dass ich dich hören kann.“

Glücklich und froh, ein offenes Ohr zu finden, sprang der Kloß dem Fuchs auf die Nase und begann zu singen. Der Fuchs riss das Maul auf und verschwunden war der Kloß in einem Schluck.“

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Und des Bären Schlaf wurde löchriger, unruhiger. Man wälzte sich hin und her. Hatte ja jemand eine alte Erzählung aus seiner Heimat Kamschatka in die Nacht gesprochen?

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Thema: Jetzt ist 2021 | Kommentare deaktiviert | Autor: Christian Lugerth

Und was könnte besser sein? Bären schlafen, Hasen hüpfen an so’nem Abend in Frieden / 6

Freitag, 5. Februar 2021 10:12

traum3

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Auch wenn die offiziellen Verlautbarungen zur Einhaltung der Winterschlafregeln SPD – Schnauze! Poofen! Diät! – hier eventuell verletzt werden, wir sehen uns verpflichtet, schon allein um aufkommende Erregung nicht zu wilden Wutattacken gedeihen zu lassen, dem Werten Gefährten Kuno von und zu Budnikowski undsoweiter hier das Wort zu erteilen. Was nötig war, wie wir im Folgenden hören, hat doch sein alter Dialekt von ihm Besitz ergriffen, stets Zeichen großer innerer Aufgewühltheit. Drehen wir den Lautstärkepegel ruhig etwas runter.

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„Hömma hier, dat ganze Schuldgediskutiere geht mich ja gehörich auffe Karotte. Jetzt bin ich auch noch inne Verantwortung gerutscht fürre Gestalten, die dem Mahler seine Winterpoofung innen Horrorfilm verwandeln tun. Dat war ich nich. Wat ich zugeben kann, dat mir, wie ich et Sprungbrett von die Füssken abgeschnallt habe, wat auffem Parkettboden gescheppert iss. Dat kann unruhige Poofisten gewißlich inne Zuckung schicken, die kurze Wachphasierungen begleiten tun, woll. Da iss eine Entschuldigung schon inne Briefkasten versenkt. Aber das gegiggel und dat Gelache inne Fäustlinge, dat war ja woll der Meister Ehrenwert von unn zu Ernst Albert beie Presselektüre inne Küche. Und mich vorgelesen hat dat Mensch auch noch mit lautstarke Diktion. „Wer schläft, quasselt nicht“, dat sei eine tierische Dramolett und stand inne Rundschau aus Eintrachthausen am Main und verfasst hattet der Hebel Stephan un da waren eben Hase und dat Fuchstier und wollten die Höflichkeit des Gute Nacht Wünschen praktizieren tun. Und wie der Fuchs dem Hase so sacht, dat der bitte keine Märchen erzählen tun soll wegen Schlafenszeit, sacht der Hase – dat heißt der Albert hat dat giggelnd gelesen, wat der Hase da sacht: „Schade. Das ist ein schönes Märchen, weil erst der Fuchs die Semmeln alleine essen will, die sie geklaut haben, und dann sagt der Hase dem Fuchs, er soll seinen Schwanz in den See halten, um Fische zu fangen, und dann gefriert das Wasser, und der Fuchs kann nicht mehr sägen.“ „Und der Hase?“ „Knabbert die Semmeln weg, vor den Augen des Fuchses.“ „Ganz schöner Fuchs, der Hase. Ich krieg langsam Hunger.“ Und wie ich mich so wech hau vorre Amüsement, weil sonne Fuchs kannste ja auch mit Bären ersetzen tun, iss dem Mahler seine Bärenpocke am Grummeln und da tu ich denken, getz isser wach und ich könnte vielleicht inne Kommunikation rein. Da hat mich der Ernst Albert aber wohlweislich auffe Bremse getreten. Ob allerdings wat vonne Atmo inne Küche innen Kopp vom Bären rein iss als sone Art Traumlenkung? Wat weiß ich. So un getz tu ich mich entregen, sonst muß ich mich ja noch mit die schwattgelbe Pöhlerei befassen tun. Besser mal nich. Getz gehe ich wieder die fliegenden Männer mit die Bretters anne Galoschen gucken und halte die Pfoten fürre polnische Vorfahren. Und “die meisten Hütten inne Liga Rekord pro Saisong”? Und auffe Alten aufpassen tun? Woll! Nee, wat bin ich getz rechtschaffen müde von die ganze Quasselei. Weia!“

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Und dann schläft der Hase schon beim ersten Vorspringer der Qualifikation für Klingenthal ein. Der Beginn der winterlichen Ruhe? Man hegt so seine Zweifel.

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Und was könnte besser sein? Bären schlafen, Hasen hüpfen an so’nem Abend in Frieden / 5

Dienstag, 2. Februar 2021 20:28

traum2

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Ort der Handlung: der Ort im Kopp des winterschlafenden Bären Archibald Mahler, wo Bilder so wild und konkret geträumt werden, daß man oder bär gar nicht mehr weiß, was jetzt Tat oder Sache ist, also wo der Traum endet und man schon wieder wach ist und noch benommen ist oder doch schläft und nur träumt der Schlaf hätte ein Ende gefunden.

Auftritt am Ort der Handlung: ja wer schon? Der umtriebige Budnikowski. Zumindest hat er mal seine Sprungskier abgeschnallt. Muß ja, sonst hätte er gar nicht in den Kopp des Bären reingepasst. Noch nicht mal im Traum. Jetzt der Dialog:

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„Hmpf! Arghh! Puuh!“

„Herr Mahler?“

„Hmpf! Arghh! Puuh die zwote!“

„Herr Mahler? Schlafen Sie!“

„Hmpf! Arghh! Puuh die dritte! Heiliger Stremellachs aber auch. Was ist denn los, Hase?“

„Ich bin so müde!“

„Dann schlafen Sie!“

„Prinzipiell gerne, ich möchte nur die Form wahren!“

„Und das wäre?“

„Ich würde gerne Gute Nacht sagen!“

„Hmpf! Arghh! Puuh die vierte! Dann tun Sie es doch einfach!“

„Wenn ich nur wüßte, wo?“

„Hier, jetzt und sofort und dann bitte: Schnauze halten!“

„Bitte, das ist kein Umgangston. Ich suche doch nur den Ort, wo sich Hase und Bär Gute Nacht wünschen!“

„Fuchs, der Fuchs, der hat den Ort mit dem Hasen, irgendwo im Wald und auf der Heide!“

„Wenn wir so einen Ort hätten, dann könnten wir uns da treffen und das wäre das Ende einer tollen Geschichte, die wir bis dahin erlebt und erzählt hätten oder vielleicht sogar der Beginn einer langen Freundschaft! Und wir wären Titelhelden eines neuen Märchens, des Hasen und des Bärchens! Das wär scheen!“

„Herr Hase, ich befinde mich im Winterschlaf!“

„Sind Sie da so sicher?“

„Hmpf! Arghh! Puuh! Rapü! Rapüü! Rapüüü! Raus aus meinem Traum, Schaum, Pflaumenbaum!“

„Da schläft er hin. Ei: Gut‘ Nacht, Gut Nacht der Bär ist schwer und träumt sich einen Hasen her! Drehen Sie sich ruhig nochmal um. Und Gute Nacht!“

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Wenn wir jetzt wüßten, ob der Archibald Mahler das alles nur geträumt hat oder ob der Budnikowski …

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Und was könnte besser sein? Bären schlafen, Hasen hüpfen an so’nem Abend in Frieden / 4

Dienstag, 19. Januar 2021 5:45

traum1

Der Schlaf des Bären war ein unruhiger. Wie soll es auch anders sein, wenn einem die ganze Winternacht ein Hase mit Brettern an den Füßen um die Ohren fliegt und also träumte der Bär, wie leichter und leichter er wurde, schließlich abhob und was er dann sah. Und sprach so vor sich hin, das Folgende.

„Als ich ein Kind war, konnte ich fliegen. Ich hatte es nie gelernt, ich konnte es, soweit mein Erinnern reicht, und davor, das weiß ich genau, war ich eine Schwalbe gewesen: Ich weiß es, weil ich, wiewohl mein Fliegenkönnen noch immer durch die sich stützend auf das Treppengeländer gepreßte und dessen Rundung umklammernde Rechte an die Regeln des niederziehenden Raumes gebunden schien, doch stets das vollkommen sichere Gefühl hatte, nur wollen zu müssen, um, frei wie eben eine der Schwalben, in die golddurchwallte Violettluft des glastürbegrenzten Treppenhauses aufzuschnellen und durch die kleine Fensterluke oben rechts zu enteilen, wenn ich, aus der Schule heimgekehrt, mich mittags von der fünften Stufe von unten abstieß.

Fliegen war ebenso herrlich, wie es mühelos war, und es war lange Zeit nicht zu verstehen, daß die Erwachsenen es nicht aus eigener Kraft vermochten, sondern dazu tote Apparate mit metallenen Flügeln und Schrauben oder gar kilometerlange zigarrenhafte Gebilde brauchen mußten. Und dabei war es wirklich ganz einfach: Mit der rechten Hand das Geländer im Treppenhaus zwischen dem ersten und zweiten Stock umfaßt und von der fünften Stufe von unten, sich herzhaft abstoßend, kühn mitgestrecktem Rücken in die friedsam ruhende Luft aufgefahren und lange Stunden so auf ihrem Zenit verharrt, Stunden um Stunden, während drunten Farnsteppen sich zogen oder Indianerprärien mit Wigwams und Marterpfählen und rasend stampfenden Büffelherden, oder walnußgrüne, von kreischenden Affen und Papageien durchtanzte Wälder, oder das milchige Eis der schwimmenden Gletscher, darüber weiße Bären mit blutigem Maul trotteten, oder auch Ninive. Wenn Ninive unter mir auftauchte, erschien auch sofort der schlangenhäutige Fluß Nil!

…und hinter dem Nil habe ich auch manchmal Kanaan, das gelobte Land Abrahams mit seinen höckerschlenkernden Kamelen und schwereutrigen Kühen, die seltsam übereinandergehäuft um die klaffenden Zisternen gelagert waren, erblickt, allein das REICH, das Reich gleich hinter den drei geschwungenen Bergen, das Reich, von dem, wie alle Einwohner unseres Grenzdorfes, mein Vater und manchmal sogar meine fromme Mutter mit Prophetenmiene sprachen, das geheimnisvolle, phantastische Reich, das ich begehrte wie ein neues, noch nie geschautes Spielzeug, das einmal kommen und mich überwältigen würde: das REICH habe ich nie zu schauen vermocht.“

Kurz wachte er auf. Was waren dies für Worte? Und so viele. Geheimnisvoll. Doch sie kamen ihm so bekannt vor, die alten, wohlgesetzten, sprachmächtigen Worte. Dann schlief er wieder ein, der Archibald Mahler. Vielleicht hob er auch gleich wieder ab. Lassen wir ihn solange in Ruhe.

Thema: Anregende Buchstaben, Jetzt ist 2021 | Kommentare deaktiviert | Autor: Christian Lugerth