Aus der Tiefe des Raumes, weil WM is’ (5.)
Dienstag, 29. Juni 2010 12:48

„Wenn ich Sie was fragen dürfte, Herr Mahler?“
„Ich bitte darum, Herr von Lippstadt-Budnikowski!“
„Ich finde Sie hier in kontemplativer Versenkung? Beten Sie? Für unsere Nationale Jugendtruppe?“
„Wieder einmal schießt Ihre Interpretation einer Vermutung weit übers Ziel hinaus. Doch vollkommen falsch liegen Sie nicht. Übers Beten denke ich nach, das Beten auf dem grünen Rasen!“
„Das habe ich auch beobachten dürfen, eine Welle der öffentlichen Frömmelei überschwemmt die Wiesen Südafrikas.“
„Falsch und fragwürdig! Es ist davon auszugehen, daß keiner darum bittet, Gott möge ihm helfen, seine Nerven im Griff zu halten, keinen Gegenspieler zu verletzen, kein vorsätzliches Handspiel zu begehen und falls er ein mehr als eindeutiges Abseitstor geschossen habe, dieses dem Referee mitzuteilen!“
„Ein bißchen viel verlangt, finden Sie nicht?“
„Gewiß, doch ist Grundzug jeglicher Religiosität nicht die Bitte um das Wohlergehen des Anderen? Man vergißt gerne, daß sowohl Schütze als auch Torhüter – sollte es das Prinzip Gott geben, wovon auszugehen ist – beide unter dessen Schutz stehen. Mir scheint der Gebettext der Herren Kicker ist eher jener der Falschparker und Steuerhinterzieher. ‚Lieber Gott, mach’s Äuglein zu, schieb die Schuld den Andren zu.’ Was meinen Sie?“
„Verlangen Sie von den Aufrechtgehern nicht Erkenntnis, die sie nicht leisten können. Die Balltreter sind lediglich Vertreter der Gattung der nackten Affen, eine Art moderner Hohepriester. Der Zweibeiner spiegelt sich im Ritual mit den Bällen, zieht als Fan im Mensch und vice versa Trost aus der Leistung der Seinigen.“
„Und mehr noch: tiefsten Lustschmerz aus der Niederlage, die beweist, wie schlecht – wieder einmal – die Welt das gepeinigte Ego behandelt hat. Beweisführung quasi der permanent subjektiv empfundenen Benachteiligung. Bringt mir den Schuldigen! Und dann wird gekreuzigt. Zuerst die Trainer.“
„Sie erinnern sich an das Titelbild der taz? Klinsmann auf Golgatha?“
„Gewiß! Besser konnte man das Prinzip ‚Hosianna! Kreuziget ihn!’ im Fußballgeschäft nicht darstellen. In keinem anderen Bereich wird so viel gemunkelt, spekuliert. Verschwörungstheorien. Dunkle Mächte allenthalben!“
„Offensichtlich dieser Glaube ein tiefes Bedürfnis der Gemeinde “Pöhler der Ersten Stunde” und Hauptargument gegen alle Arten elektronischer Beweisführung! Der Mythos, der die eigene Niederlage verschleiert und den verdienten Sieg der Anderen kleinredet, über Jahrzehnte hinweg.“
„Dagegen ist nichts einzuwenden. Mich stört lediglich die Argumentation eines Luis Fabiano – und da steht er nicht allein – die da lautet: ‚Beschiß machte dieses Tor erst richtig schön.’ Die stolzgeschwellte Brust des Rasers, der nicht erwischt wurde. Es mangelt mir leider an jeglicher Wertschätzung solchen Tuns. Ewige Pubertät? Ihre Meinung zu Brasilien, in diesem Zusammenhang?“
„Eine Effektivität, ebenso wie bei den Niederländern, von fast schon erschreckendem Ausmaß. Nicht schön anzusehen, ermüdend!“
„Schönes Stichwort. Die Anhäufung ermüdet. Ich freue mich auf die spielfreien Tage.“
„Da sagen Sie was, lieber Herr Mahler! Das Flutlicht aus und alle Tore offen! Morgen ist kein Spiel!“
„Hosianna!“
„Übertreiben Sie es nicht! Bis Freitag dann! Schlafen Sie sich aus!“
„Danke schön, Herr von Lippstadt-Budnikowski, desgleichen. Ach: der Tipp noch!“
„Japan und Spanien!“
(Er gähnt und schläft auf der Stelle ein. Herr Mahler folgt seinem Beispiel. Ruhe kehrt ein. Zwei Stunden später: Herr Mahler erwacht: schreckensbleich.)
„Herr von Lippstadt-Budnikowski, um Himmels Willen, wachen Sie auf!“
„Hier bin ich! Sprechen Sie! Was plagt Sie!“
„Ein Alptraum, ein veritabler! Ein das Wohl der Nation gefährdender Alptraum!“
„So sprechen sie doch, ich bitte!“
„Die Merkelin, Kanzlerin auf Abruf, kündigt Ihre Ankunft für den Samstag zu Kapstadt an.“
„Menetekel! Menetekel! Stümperei ante portas! Bad Vibrations! Hängende Mundwinkel! Unvorteilhafte Kostümjacken! Wie kann man dies verhindern? Haben Sie eine Idee?“
„Gauck wählen!“
(Man schläft wieder ein. Gewitter. Unruhige Nacht. Maradona lacht. Herr Mahler spricht im Schlaf.)
“Breakings News: Herr Blatter entschuldigt sich bei England und Mehicho und denkt über Videobeweis nach! Sic!”
Thema: Aus der Tiefe des Raumes | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth






Abschied von der kleinen reichen eingebildeten Stadt. Festes Ritual immer ein letzter Blick auf das, was die Stadt wirklich reich macht, den See. Seine Weite. Sein Licht. Seine Farbenspiele. Das vergessen die lokalen Leichtgebücktgeher gerne und widmen sich lieber intensiv dem Studium der neuesten Gewerbesteuereinnahmen. Ein eiskalter Wind wehte über das Wasser. Archibald dachte, daß Herr Lenz sich genauso schoffel verabschiedete, wie er gekommen war, dieses Jahr seiner Aufgabe in keiner Weise gewachsen.
Immer wenn
Der Zug stand auf dem Gleis und wartete auf die zwei Reisenden. Ein kurzer Blick noch auf das neueste Skandalon, welches der Herr Lenk den Seehasen ins selbstgerechte Nest gelegt hatte. Der Abguß einer der zwei Figuren, welche hoch oben über der Hafeneinfahrt auf den Händen des sich drehenden Lustweibes sitzen. Ob das Robert Zimmermann sei, fragte Archibald. Wie er bitte darauf komme? „Der sieht so aus! Ein kleines lustiges Männchen, dem man auch ein Denkmal setzen sollte! Deshalb!“ „Mein lieber Genosse Bär, ach hätte meine alte Heimatstadt nur Deinen Humor! Foto?“ “Yep!” Und Ernst Albert kaufte noch am Bahnhofskiosk eine Zeitung aus seiner Neuen Heimat und begann zu lachen und zu lachen. Warum?
Da war er schon stolz. In Begleitung dreier ehrenwerter Gesellschafter der alten Markgrafenbande aus der kleinen reichen eingebildeten Stadt ins benachbarte Vorarlberg zu reisen, um Herrn Robert Zimmermann zu erleben. Die Haare der Reisegruppe ergraut und das Auto – wie die Abdomen – etwas dicker geworden als anno dunnemals Mitte bis Ende der Siebziger. Die Stimmung jedoch die gleiche. Frühes Bier, indische Heilkräuter und dezent alberne und euphorische Vorfreude auf den Meister. Archibald fühlte sich ausgesprochen wohl. Man hatte ihn sehr freundlich begrüßt. Alle dummen und gescheiten Sprüche der Troika verstand er nicht, aber er spürte durchaus, wenn Aufrechtgeher guter Laune sind und es ehrlich miteinander meinen. Und die Lieder, die aus den Lautsprecher knarzten, sie waren ihm vertraut.
Eine Reise zurück in eine Zeit, welche beim Betreten der Halle fröhliche Urständ feiert. Kaum Einlaßkontrollen, Fotoapparate erlaubt, nur kein Blitzlicht bitte, die Bühne an der Längsseite der sehr überschaubaren Halle, größtmögliche Zuschauernähe, keine feste Bestuhlung, man kann sitzen oder stehen und bezahlt doch einen Preis. Einige “VIP’s” blicken mit häppchenverklebten Fingern von einem Balkon aus schräg runter auf die Bühne: Peching! Bierstände im Innenraum, viele Bierstände, keine Schlangen davor und drei Taler zwanzig für ein großes, gut gezapftes Getränk, unter den Rauchverbotschildern blitzten die ersten Feuerzeuge auf und bald ziehen süßliche Rauchschwaden durch die Halle. „Once upon the time!“ Lob, Gruß und Dank an die Veranstalter. Vorfreude wurde hier nicht durch kranken Kontrollwahn bombardiert. Pünktlich wie immer: “Columbia recording artist B.D.” Und Archibald ist fasziniert. Ein kleiner dünner Bär, ein kleiner dünner, sehr gutgelaunter Tanzbär springt auf die Bühne. Neunmal steht er hinter seinem elektrischen Pianoforte, dreimal schultert er die Gitarre und viermal – und das ist der Moment, in dem Archibald sich in ihn verliebt – steht er im Zentrum der Bühne, nur das Mikrophon in der einen, eine Mundharmonika in der anderen Hand. Alle Kraft und alle Konzentration legt er in seine Stimme. Er knarzt, gurgelt, wütet. Er zerpflückt, zerlegt, streichelt die Worte. Fügt zusammen den Sinn. Alle Lieder, die Archibald schon öfters in Ernst Alberts Höhle gehört hat, sie beginnen zu wachsen, zu fliegen, zu glitzern und zu tanzen. Sie tanzen über den Köpfen der begeisterten Menge, sie tanzen wie dieser mit der Mundharmonika ins Publikum winkende Mann in seinem hellgrauen Südstaatenanzug mit den obligatorischen Seitenstreifen an der Hose. Und hast Du nicht gesehen: er grinst, er lächelt! Flirtet er mit dem Publikum, welches seine Lieder auf Händen durch den Abend trägt? Vor ihm kniet gelegentlich der leitende Gitarrist und feuert den Tänzer an, treibt dessen Stimme an, zieht sich zurück, um die Stimme wieder in Empfang zu nehmen. Call und Recall auf höchster Ebene. Der Mann in Schwarz mit der wummernden Gitarre fördert und fordert den
Auf der Rückfahrt wurde wenig gesprochen. Es war, da herrschte Einigkeit,