Fifty Ways to Leave Your Country / Eine Flucht

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Vom Obolus entrichten, früher oder später und zu spät

“Stellen wir uns vor, lieber Budnikowski, wir hätten es geschafft, kurz vor dem Tor zum Hades links abzubiegen, an Land zu klettern, die enge kleine Straße hinaufzusteigen Richtung bewohntes Felsenland!“

„Bei der Hitze? Mahler! Hinaufsteigen?“

„Wir haben die Querung des Meeres überlebt!“

„Wirklich?“

„Natürlich nicht, wir wollen lediglich versuchen ein bißchen was zu begreifen. Eine kleine blöde Übung in Sachen Empathie, um den inneren Kompaß mal wieder zu justieren.“

„Ist der Hades eigentlich genauso übertrieben beheizt wie die Hölle?“

„Eher nicht! Man glaubte damals an keinen Himmel, der für was auch immer belohnt. Der Hades war für alle da. Deshalb vermute ich, dort ist es angenehm temperiert. Gleichbleibende Temperaturen sommers wie winters, wie dies eben bei Höhlen der Fall ist.“

„Und warum kostet der Hades Eintritt?“

„Budnikowski, der Fährmann will ja auch nicht leben wie ein Kerberos. Irgendwann muß ein jeder seinen Obolus entrichten. Oder wollen Sie am Ufer des Totenflußes hundert Jahre lang als Schatten hin – und herspazieren?“

„Sie ham’s ja mit der Unterwelt, Herr Mahler!“

„Nun, wenn einem ein Bein vom lebendigen Leibe gerupft wurde, dieses anschließend lieblos oder im Zorn gar auf den Boden gepfeffert und der Rest gleich hinterher? Was meinen Sie, worum meine Gedanken kreisten in den langen Minuten oder Stunden bis der Ehrenwerte Ernst Albert mich fand?“

„Wahrscheinlich haben Sie Ihr Kleingeld gezählt!“

„Ihr Wort in Charons Ohr!“

„Wo sitzen wir eigentlich?“

„Auf Resten ehemaligen Wohlstands, vielleicht sollen wir hier ankern, aber auf alle Fälle darauf warten anzukommen.“

„Aber ich dachte – jetzt mal nur angenommen – wir sind nicht ganz-  aber halbtot – an Land geklettert, also angekommen.“

„Das scheinen viele etwas anders zu sehen. Von uns wird jetzt erstmal erwartet, daß wir hier sitzen bleiben und uns dafür bedanken warten zu dürfen!“

„Gibt es eine Belohnung?“

„Vielleicht, wenn hinter den sieben Bergen die Ängste schlafen gehen. Aber morgen haben wir ein vorläufiges Dach über dem Kopf.“

„Das da unten? Weia!“

„Eben, das ist das Scheißspiel! Hinter den sieben Bergen geht man davon aus, daß die hier unten, die vor kurzem pleite waren und es weiterhin sind, das wenige, was sie haben, schon teilen werden.“

„Mannomann, wenn man so Denkspiele macht, beginnt man zu frösteln. Trotzdem ist hier verdammt heiß!“

„Ach. Pustekuchen. Hinter den sieben Bergen werden sie bald an Ihrem Reichtum verdursten. Schon in Ordnung hier. Denk ich mal!“

Und so weit wir das noch vernehmen konnten, stimmte der Ehrenwerte Ernst Albert seinem Bären zu, auch wenn dieser manchmal zur Überspitzung neigt und man gewährte den beiden Denkspielern Mitfahrt ins nahe Vathia. Und während die Göttliche Pelagia das Lenkrad bediente, erzählte der Co – Pilot von einem seiner Lehrmeister – nennen wir ihn Panagiotis Krassi – welcher schon in den frühen 70ern, da man noch seine Käseigel und Bausparverträge gegen den Iwan verteidigen mußte – zu seinen Lümmeln in der letzten Bank folgende Worte sprach:

„Meine Herren, der Osten, der Osten, vergessen Sie das, das ist nicht der Punkt. Die Kampflinien verlaufen durch das Mittelmeer. Eines Tages werden sie kommen die Armen, Verzweifelten und zurückfordern, was man Ihnen seit Jahrhunderten stiehlt, abpresst, aus den hervorstehenden Rippen schneidet, sie abspeist mit Pfennigbeträgen für all ihre unermeßlichen Schätze. Richten Sie den Blick nach Süden, meine Herren!“

Und da dachte der Mahler so, warum so viele Aufrechtgeher den Blick nicht mal früher und freiwillig in die rechte Richtung recken mögen. Und daß Kassandra doch eigentlich keine Beschimpfung, sondern ein Ehrenname sein dürfte. Und was das alles mit Verantwortung zu tun hat. Und warum, wer zu lange wartet, nicht mehr in der Lage sein wird seine Rechnungen zu begleichen. Weia!

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Autor: Christian Lugerth
Datum: Sonntag, 12. August 2018 17:50
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