Beitrags-Archiv für die Kategory 'Anregende Buchstaben'

HERR MAHLER VARIIERT ÜBER ENTEN 4

Mittwoch, 5. Oktober 2011 21:22

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„Aha! So ist das also!“ Doch was ist das hier? Wo bin ich? Feldherrnhügel? Aussichtsplattform? Schiedsrichterturm? Hochsitz? Peepshow? Archibald Mahler hat am Regietisch Platz genommen. Zu seinen Tatzen die Schilflandschaft und das Sofa. Und was ist das dort unten? Folie, auf der eine Geschichte erzählt wird? Spielfläche? Catwalk? Weites Feld? Optisches Korsett? Ein Dia, welches man betrachtet, um es sogleich wieder zu vergessen? Und was geschieht demnächst dort unten? Archibald Mahler schaut hinab auf die kleine Schilflandschaft. Das macht ihn etwas nervös. Was tun? Er ist nun mal kein Regiebär und dann kommt auch noch die Panik! Schluß! Auf dem Regietisch liegt ein Text. Der Text, aus dem der Abend werden soll und kann und wird und muß. Und ein Buch namens Wunsiedel. Der Bär erblickt’s. In Arbeitspausen hat der ehrenwerte Herr Ernst Albert ab und an in diesem Buch gelesen. Dann hat er gerne mal aufgelacht. Warum? Archibald Mahler schnuppert mal rein ins Buch. „Aha! So ist das also!“:

„Mein immer wieder neu aufflammendes Grauen, wenn so ein Schauspieler die Bühne betritt und gleich einen Satz sagen wird. Ich weiß meist schon im voraus, wie gespreizt, wie verkrampft heiter, wie überartikuliert der Vers oder Satz und die ihn begleitende Geste, die Szene, das Stück, der ganze Abend ausfallen werden – eine Zumutung auch deshalb, weil diese häufig unintelligenten Wesen, jedenfalls naiven und mangelhaft ausgebildeten Wesen sich ständig enorm wichtig nehmen und für kompetent halten, sogar in geistigen und moralischen Fragen, obwohl sie doch von der Welt des Geistes sternenweit entfernt sind. Ja sie verachten und hassen nichts mehr als den Geist der Literatur. (…) Man höre nur einmal hin, mit welcher falschen Bedeutsamkeit so ein Mime gewöhnlich ein Gedicht, zum Beispiel eine Ode von Hölderlin oder eine Elegie von Rilke aufsagt, sich auf jedem zweiten Wort ausruhend und es breit sitzend, weil er das für ‘interpretieren’ hält, statt den Text schlank und locker herunterzulesen, als handle es sich um einen Kommentar im Wirtschaftsteil der Zeitung oder das Telefonbuch.“

Kämen jetzt die Mimen und beträten die Aufsagfläche aka den Darstellungsplatz und er, der Bär, er wär: der Inszenator? Weia! In Ordnung! Laßt die Löwen rein! Und Licht! Archibald Mahler kann nicht hingucken. Es blendet. Etwas blendet den Bären. Das blendet den Bären:

„Schauspieler, auch die etwas klügeren unter ihnen, sind krankhaft eitel. Ständig erwarten sie, gesehen und bewundert und gelobt zu werden, und zwar von allen, auch von ganz inkompetenten Leuten und sogar auf die plumpste Weise. Jedes Lob macht sie glücklich, es stabilisiert sie für kurze Zeit, so daß sie ihre innere Unsicherheit vergessen, ihre Ortlosigkeit. Noch die einfältigste Besprechung in der Lokalpresse beglückt sie, wenn sie nur irgendwie positiv klingt, sie tragen Sätze daraus vor und lernen sie auswendig. Unterläßt man es, aus welchen Gründen auch immer, sie ausführlich für eine Darstellung zu loben, sind sie sofort beleidigt, weil sie hinter allem und jedem eine Kritik vermuten, selbst hinter dem Schweigen.“

Zu Hülf, all ihr Musen! Bevor Archibald Mahler seine neue Aufgabe als Regiebär angetreten hat, hat er schon die innere Kündigung vollzogen. Weia! Der ehrenwerte Herr Ernst Albert betritt den Raum. Und die Anderen. Gott sei Dank! Probenbeginn!

Thema: Anregende Buchstaben, Musentempel | Kommentare deaktiviert | Autor: Christian Lugerth

WASTELANDS ODER VON TÄGLICHEN BAUSTELLEN DES MORALISCHEN / EINS

Montag, 5. September 2011 14:44

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Wenn man irgendwohin hin geht, kommt man irgendwo raus. Archibald Mahler sitzt am Ufer eines Teichs. Kann man einen Teich noch Teich nennen, der mal ein Teich war oder in nicht wirklich absehbarer Zeit wieder ein Teich sein soll und vielleicht wird? Auf der Straßenkarte der Seele gilt es zu vermerken: Teich in Bau, weil nach Wasserabpumpen verreist. Ist der Teich das Loch, welches den Bären anstarrt oder ist der Teich das abgeflossene Wasser, welches wahrscheinlich heute schon am Kölner Dom vorbeifließt und inzwischen vergessen hat, woher es kommt. Gestern regnete es gegen Abend. War da der alte Teich dabei, der den Schlamm vor Archibalds Augen wieder einfeuchtete? Kehren Wassertropfen in ihre alten Schlammlöcher zurück? Wie Lachse? Der Schlamm stinkt und tötet Schwäne. Dann regen sich Aufrechtgeher auf. Ein Teil regt sich auf, der andere will den Schlamm wegbaggern lassen. Den meisten ist die Wasseroberfläche lieber. Es stinkt nicht und will wirklich wer wissen, was auf dem Grund liegt? Die Zeit nagt und wer hat soviel an Zeit, um immer hinzuschauen? Archibald Mahler, klar! Ist sein Beruf. Andere haben sich entschieden, nur noch auf Katastrophen zu reagieren! Das langsame Wachsen, das Unbemerkte, die Anhäufung, die Überdehnung, das Überstrapazierte, Gras wächst? Mähen vergessen! Huch und Hach und Wehgeschrei! Es kommt ja auch immer etwas dazwischen. Aufrechtgeher sind lustig. Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz, sieht die Rinnsale, den Restteich, die Spuren. Sieht nicht schön aus. Doch was ist schon schön? Wenn der Schlamm Dich angrinst, grins zurück. Er hatte viel Zeit sich unter der Oberfläche zu einem ordentlichen Stinktier auszuwachsen. Jetzt brennt ihm die Herbstsonne restsommerlich auf die aufbrechende Kruste. Er liegt. Aufrechtgeher scharen ungeduldig mit der Baggerschaufel. Ob es diesmal gelingt? Und wohin mit dem verstorbenen Stinker? Archibald Mahler sucht seinen Zeigefinger. Hat er nicht. Ist er doch ein Bär. Aber Moral? Nichts dagegen. Wenn man schaut. Man sieht. Vielleicht. Manchmal. Viel ödes Land. „T.S. Eliot said that. I let you be in my dream, if I can be in yours. I said that.” Das wiederum hat der Herr Robert Zimmermann mal gesungen und so gesagt. Der Sommer geht und läßt die Muskeln zucken. Man wird etwas trauriger. Ein gute Zeit, um nachzudenken. Das tut der Bär. Eine Fledermaus zerschneidet die Abendluft. Zieht weiter. Der Teich ist leer.

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BEI PÖHLERS UNTERM SOFA (TEIL 2)

Dienstag, 30. August 2011 14:10

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Herr „Lütten Stan“ von Lippstadt-Budniskowski hat Herrn Archibald Mahler eine E-Mail geschrieben. Hä? Wie soll das bitte angehen? Ganz einfach, Archibald Mahler hat ein Mobiltelefon mit Netzflachratte! Mahler hat ein Mobiltelefon mit Netzflachratte? Wenn Mahler ein Mobiltelefon mit Netzflachratte braucht oder sich vorstellt, er könne eins benötigen, dann hat er eben eins. Mahlers Mobiltelefon mit Netzflachratte piepst. Ei schau! Archibald Mahler liest eine E-Mail.

„Hömma Kumpel, ich tu hier aussem Fenster schauen auffe Hauptstadt und denken tu ich woll auch über dat Gestrige und Ihre wohlfeilen Rügen von wegen die BILD – Zeitung un dergleichen. Dat mit die Verkürzung vonne literarische Texte iss ein Unding. Da haben sie Recht inne Gänze von Ihre Behauptungen des Denkens. Und Lesen iss ja wie Synapsen wässern, quasi. Also bin ich inne Bahnhofsbuchhandlung am Zoo inne Hauptstadt und bin getz stolzer Besitzer von zwei literarisch hochwertige Büchkes. Da iss einmal dat Werk „Schoßgebelle“ von einem Herrn Philipp Roche und dat andere tut „Das feine Kleine (unten)“ heißen tun und iss von einer Dame Charlotte zu Lahm verfaßt worden oder gelassen worden. Weißt Du dat? Egal! Innem ersten Buch spricht ein junger Pöhler anne nachwachsende Pöhlerjugend, wie er auffe Schöße von seine Onkels und Lehrers und wat weiß ich wat alles gesessen iss und immer gebellt hat, dat man ihn erhören möge und für immer und ewig zum besten Pöhler unter die Ligasonne machen möge. Und dat er aber immer schon vonne Vorsehung geküßt war, dat er sonne Art von Inkarnation vonne Pöhlerzukunft darstellen tut und deshalb die Onkels und so eh Heiopeis und Dösbattel sind und dat dat ganze Gebelle nur Zeitverschwendung iss für dat originäre Pöhlergenie wie er und nur einer Capitano anne Stelle vonnem Capitano und so weiter im Schoßgebell. Und dat er heute nur noch innem Schoß vom Bundesjogi bellen tut. Für wat und warum, dat tut er allerdings nich hinschreiben lassen tun. Ich sach mal, iss sone Art von Kochbuch, wo die Pöhlerjugend sich ein Ei drüber braten kann. Dat Werk von Frau Charlotte von Lahm wiederum iss eine Art Roadtrip annen eigene Körper hin. Und die tut schreiben, dat, weil ihre böse Tante Käthe früher nie mit ihr Sigmund Freud gelesen hat, sondern nur immer anne Playstation rumgedaddelt hat und vonne Keksfresserei voll und völler wurde, sie, Charlotte die Hellsichtige, einfach die Werke vonnem Herrn ausse Wiener Berggasse selber aussem Regal gefischt und ratzfatz gelesen hat und dabei feststellen mußte, dat sie gar keinen Schniepel inne Buchse, sondern eben wat auch immer und dat dat dann dat feine Kleine iss oder so. Jedenfalls geht et in beiden Werken umme Freiheit. Die Freiheit von wat? Dat konnte ich noch nich feststellen tun. Irgendwat da draußen iss gerade am Untergehen. So getz hau ich mich innen Schnellzuch nach Mittelhessen. Und morgen können wir konferenzieren tun. Generell glaub ich, ich muß mich vonne Pöhlerei lossagen. Bin ich zu alt für woll für diesen Kokolores. Bis die Tage Ihren Stan.“

Archibald Mahler grinst und pfeift ein Lied vor sich hin. Ein sehr altes Lied. Ein Lied ganz ohne Worte. Wie schön. Aber eigentlich wollte er doch irgendwohin gehen.

Thema: Anregende Buchstaben, Draußen vor der Tür, Öffentliche Leibesübungen | Kommentare deaktiviert | Autor: Christian Lugerth

LES VACANCES DE MONSIEUR MAHLER 6

Sonntag, 17. Juli 2011 20:37

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«Am schönsten isset, wenn et schön ess!» So sprechen die Aufrechtgeher in, um und um den Kölner Dom herum. Archibald Mahler sitzt weiterhin an seinem Eigensee, den man gemeinhin durchaus als schön bezeichnen mag und kann und darf. Und immer noch hat der Bär Ferien. Auch schön? Schönes Wetter ist eh. Entweder Gärtnerwetter oder Urlauberwetter, Reisewetter oder Grillwetter. Donnerwetter! Wie es Euch gefällt. Das ist ja das Schöne. Schön und gut, aber was tut Herr Archibald Mahler heute so? Das Land der Bären mit der Seele suchen? Nun auch ich, ich Mahler, in Arkadien? Die vollkommene, die reine, die harmonisch schwingende Landschaft als Ruhekissen für die gepeinigte, überarbeitete Seele abfeiern? Nein, altius, citius, fortius: als Spiegel der Seele gar, der baumelenden, der Ferienseele? Und ruhig fließt der Atem mit dem Wind, sind eins Atom und Molekül und Leib? Frei schwebt der Geist über den Wassern und keines Wesen Haar gekrümmt? Oder doch verdammen all den Tand, das Vordergründige, das Augenlastige, hinweg mit der Hineininterpretiererei, der Vermenschlichung von Flora und Fauna, als wären Gott der Herr und Walt Disney ein und dieselbe Person gewesen? Mit Sokratesverlangen nur nach innerer Schönheit suchen, das Auge genügsam schließen und erkennen, daß man den Göttern gleichen wird nur in der Genügsamkeit? Weder noch. Das Wörtchen schön existiert so nicht im Hirn des Bären. Und wenn schwirrt es frei dahin ohne die Farbe Bewertung. Der See, die Grauerle, die Brachse, die Brombeere und der in die Pfütze fallende Regentropfen waren was sie noch heute sind (falls nicht von Aufrechtgeherhand ausgerottet), bevor die Erfinder der Runen oder erster Keilschriften ihnen eine wie auch immer wertende Begrifflichkeit zugeordnet haben, die im wesentlichen eher mit dem Geistes-, Seelen- oder Gesundheitszustand des Wortschöpfers oder – und dies wahrscheinlich am häufigsten – mit den Wünschen und Projektionen dieses zu tun hat, als mit der Erscheinungsform des bezeichneten Gegenstandes. Wenn der Bär am Eigensee sitzt, will er nichts vom See, außer daß der See nicht aufsteht und geht und der Bär vor einer Wiese oder einem trockenen Loch hockt in seinen Ferien, wobei – so wie er seine Aufrechtgeher kennt – dies schneller Realität werden könnte als ihm lieb. Und so sitzt er und enthält sich jeglichen Geschmacksurteils, mit Kant wissend daß der allzu euphorische Ausdruck des Wohlgefallen die Schönheit mit ihr keineswegs zugehörigen Zwecken und Begehrlichkeiten verbindet und ihr nimmt: ihre Freiheit. Hüte Dich wenn Aufrechtgeher eine Gegend als schön preisen. Es wird sein die Umzäunung erst, dann der Verkauf und dann der Untergang. Also steht der Bär auf, um den Eigensee mal ein bißchen alleine zu lassen – man möchte ja auch nicht permanent beglotzt werden – und auch um den plattgesessenen Pöter mal etwas in Bewegung zu setzen. Unten an der nahen Lahn, wohin er seine Schritte lenkt, rauscht ein kleines Wehr. Dort steht am Ufer eine Hinweistafel. „Aufstiegsmöglichkeit für Fische!“ Daß dies doch mal schön sei, denkt der Bär, dann können die Fische noch schnell Karriere machen, bevor er sie frißt. Eine Brachse zögert vor dem Wehr. Denkt sie über Aufstiegsmöglichkeiten nach? „Schön!“ Archibald Mahler ist schneller. Guten Appetit! Mahler kaut, weil er kauen muß. Ein Fisch ißt sich nicht von alleine. Zurück zum Eigensee. Verdauen. Sitzend. War ein schöner Ferientag. Findet die Brachse zwar nicht, aber Archibald Mahler kann dem Begriff schön in diesem Zusammenhang durchaus etwas abgewinnen. Und sonst? Was macht bärman sonst? Fragt sich der Bär. Und dann schaut er aufs Wasser. Guck an!

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LES VACANCES DE MONSIEUR MAHLER 4

Freitag, 15. Juli 2011 17:01

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„Freiheit war ein Wort aus dem Fernsehen.“ Das hat ein Aufrechtgeher geschrieben, der gerne mal losläuft, um zu schauen. Zum Beispiel von Berlin nach Moskau oder rund um dieses Land. Und unlängst querte er von Nord nach Süd das Herz des großen Landes auf der anderen Seite des Meeres, querte das Herz jenes Land auf der Straße der Erleuchtung, nur in entgegengesetzter Richtung, das Herz jenes Landes der Urururgroßväter des Archibald Mahler, seines Zeichens Bär und sitzender Denker. Versteht Ihr jetzt nicht? Dann müßt Ihr lesen. Es ist großartig. Archibald Mahler erwacht nach unruhiger Nacht. Hinein in den vierten Ferientag. Die Sonne strahlt vom Firmament und der Eigensee glitzert .. ähem .. danke, hatten wir schon. Gestern abend hatte der Bär noch liebevoll den Schwarm Döbeln betrachtet, Speichel in den Lefzen gesammelt, den Magen wonnig vibrieren lassen, doch die große Müdigkeit und die strahlende Abendsonne über dem glitzernden See .. tschulligung .. aber man kann es nicht oft genug erwähnen: Ferien halt. Wie gesagt, Mahler war zu müde, um noch einen Fisch aus dem Teich zu pranken. Fehler! Vernehmet! Des Bären morgenfeine Nase erschnüffelt den Geruch frisch gesägten Holzes, den Odeur ebenst vergossener Tinte. Sieh an! Die nächtliche Unruhe – Trappeln, Wispern, Hämmern, Pinseln – nicht der Soundtrack eines bösen Traumes war dies, nein: es waren die Angler von Allendorf. Und der erwachende Bär blickt nach links – die Sonne scheint und der See .. (Wage es noch einmal! Gruß vom Säzzer!), dann blickt er nach rechts, zurück zur Mitte, wieder nach rechts, klassischer Doubletake und sieht eine Holztafel, frisch errichtet. Die Nachricht: „Warnung! Betreten, Befischen und Betauchen des Sees unter allen Umständen und ohne offizielle Papiere strengstens untersagt! Auch für Bären! Wir sind dann mal weg, meinen es aber ernst. Wir haben Aufpasserhechte ausgesetzt. Mit Zeigefinger und Gruß: Die aufmerksamen Allendorfer Angelbrüder!“ Man hatte den Petz verpetzt. Diese Aufrechtgeherin vom Mittwoch und ihr leptosomer Köter! Soviel zum Thema Freiheit, Natur und Vollpension! Doch Archibald Mahler erlaubt sich zu grinsen. Der Hecht, und dies auf manche Weise, ist des Bären Lieblingsspeise. Drahtiger Jäger, feines Fleisch, ein schneller Kämpfer, ein richtiger Gegner. Nacht komme herbei! Aber spitze Zähne hat dieser Kampfpfeil schon. Archibald Mahler steht auf. Dort hinten war doch ein Brombeerstrauch. Überprüfen wir mal den Reifegrad. Man ist so frei. Hinweistafeln? Vielleicht der Biebertaler Beerensammler? Der Dorlarer Dornenschützer? Keine Schilder! Aber die ersten süßen Kügelchen. Er schmatzt. Er kehrt zurück auf seinen Ausguck. Die Freiheit! Ist so eine Sache. Wahrscheinlich ist sie dann da, wenn sie einen umgibt wie eine Stille, eine noch nicht wahrgenommene Stille, eine Stille, die ihre Zeit benötigt bis sie ins Bewußtsein dringt. Dieser Moment von Begreifen, das etwas da ist, schon lange und doch so plötzlich. Vielleicht ist das die Freiheit? Die Ruhe nach dem Kampf. Laut und schrill und ist sie jedenfalls nicht, die Freiheit. Das war am vierten Ferientag. Und sonst? Was macht bärman sonst? Fragt sich der Bär. Und dann schaut er aufs Wasser. Guck an!

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LES VACANCES DE MONSIEUR MAHLER 3

Donnerstag, 14. Juli 2011 19:18

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«Ich möchte den Totenkopf des Mannes streicheln, der die Ferien erfunden hat.» Das hat der ehrenwerte Wortschöpfer Jean Paul niedergeschrieben, der solch klarsprechende Worte wie Selberlebensbeschreibung, Herzpolypen und Dentalbuchstaben ersonnen hat und diese Wunderausdrücke gerne in einer Gaststube namens „Rollwenzelei“ zu Papier brachte. Wohl gedacht, doch hat man Ferien, hat man sie an der Backe. Es ist, als wäre die Zeit, die dieselbe Zeit ist wie vor Beginn der Ferien, nun keine Zeit mehr, keine schlichte Zeit, die es zu durchatmen und ohne Verletzungen hinter sich zu bringen gilt, nein, diese Zeit namens Ferien tut  oder scheint so zu tun, als befände sie sich in einem Zustand profane Zeit transzendierender Qualität, sie gebärdet sich als eine Zeit der Güteklasse allumfassendes Glück und Erfüllung gebärende Leichtigkeit – Silbersekunden, Goldminuten, Platinstunden – und macht so einen Bären am Eigensee gar eifrig denken. Archibald Mahler blickt auf das Silbertablett, das ihm der neue Ferientag gereicht. Fein säuberlich darauf drapiert kleine lustig herausgeputzte Häufchen kostbarer Ferienzeit. Forderungen. Rufe. Bitten. Anweisungen. Tipps. Reiseführer. Leihfahrräder. Fahrpläne. Abkürzungen. Geheimtipps. Insiderhinweise. Der Bär schnauft. Gut daß immer noch die Sonne durch die fettwülstigen grauen Wolken strahlt und man bei knappen fünfzehn Grad Celsius so richtig ins Schwitzen kommt. Das ist das Schöne an der Ferienzeit. Potzrembel die Aufrechtgeher! In großem Bogen fliegt ein Silbertablett in den Eigensee, die Zeithäufchen durchschneiden die Wasseroberfläche, ein Schwarm Döbeln (für die Freunde im Heckerland: Alet) freut sich über die Zusatzfütterung. Archibald Mahler holt seinen Laptop aus der Pelztasche und schreibt an die Allendorfer Angler: „Meine Herren! Das Silbertablett ist ein Gedankenträger und virtuell. Nie würde ich solchen Schatz im Eigensee versenken. Herzlichste Feriengrüße von Old Mahler“ Aber die Döbeln sind da und wahr. Und der Hunger. Und der Bär denkt, daß er doch sowieso das ganze Jahr sitzt und schaut und sinnvoll faulenzt und keine Untergebenen oder Übergebenen hat, von denen er sich erholen muß und nicht über Betonpisten hetzt mit einer stinkenden Blechmilbe, Tag und Nacht auf Fremdweltbildschirme schaut und auch kein Spiegelbild braucht, welches ihm in zwei Wochen zurufen soll: „Bär bist braun!“ Was ist das denn für eine Farbe, die sein Pelz trägt? Eben. Und trotzdem, das ist das Schöne an einem dritten Urlaubstag, daß bärman auch braun werden kann, obwohl bärman es schon ist. Und sonst? Was macht bärman sonst? Fragt sich der Bär. Und dann schaut er aufs Wasser. Guck an!

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AUF MEINEM BALKON IN DER WIEHRE 13

Dienstag, 3. Mai 2011 16:22

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„Ist Ihnen nicht kalt und feucht, lieber Herr Mahler?“

„Und ob!“

„Trotzdem?“

„Sehen Sie denn? Ach ja, sie sehen ja nichts. Sähen Sie denn, würden Sie sehen, daß der nächtliche Regen, im Gegensatz zu den Vorgängerschauern des letzten Wochenendes, es nun endlich vollbracht hat diese fiese gelbe Schicht, welche seit Wochen und Einsetzen der ersten warmen Periode dieses Jahres, Baum, Busch, Blatt und Blechmilbe versiegelte und den Atem nahm, wegzuwaschen. Es ist, als ob mein Zwerchfell sich im Gleichklang mit dem nun frischgeduschten Grün hebt und senkt. Die Nase kitzelfrei und kein tränendes Aug, als dächte ich ausdauernd in Rührung und Heimweh an die Mittelhessianer, mit denen wir sonst die Höhle teilen, bester Herr Albert. Angenehmer Nebeneffekt, die Buchstabenriechleserei fällt wieder leichter.“

„Was liegt denn auf Ihrem Nachttisch, hätten Sie einen?“

„Ein Buch über eine paar Aufrechtgeher da oben im Norden, wo die tutenden Häuser auf dem Wasser rumschwimmen, und wie sie an den Tresen stehen und reden und viel trinken und die Liebe ihren Weg kreuzt und die Frauen und die Liebe wieder Ausreiß nimmt und natürlich zuerst die Frauen und dann wird noch mehr getrunken und dem Leben soviel Spaß abgerungen, bis es ordentlich weh tut!“

„Kenn ich!“

„Ist aber nicht sehr gesund!“

„Da sagen Sie was, lieber Herr Mahler!“

„Es gibt auch Grünen Tee!“

„Wollen Sie einen?“

„Sie haben schon verstanden, lieber Herr Albert!“

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AUF MEINEM BALKON IN DER WIEHRE 08

Sonntag, 24. April 2011 17:39

frohe ostern

„Herzlich willkommen im Süden, Herr von Lippstadt – Budnikowski!“

„Gerne folgte ich Ihrer Einladung, Herr Mahler. Sie haben Ihren Balkon verlassen?“

„Der Bär auf dem Balkon ist Alleinstellungsmerkmal. Bären, Zen und hohe Balkone quasi. Kommuniziert wird im Garten!“

“Eine Bemerkung nur, dieser Garten mutet japanisch an.”

“Kein Zufall. Auch nicht Überraschung. Man geht dorthin, wohin einen der Weg führt.”

„Wohl gesprochen, jedoch: Balkon? Garten? Ist der Wohlstand ausgebrochen?“

„Man nimmt mit, was sich anbietet. Sturmfreie Bude über die Feiertage und noch länger.“

„Nobel! Wieviel Zimmer?“

„Noch nicht gezählt! Sieben vielleicht? Acht? Diverse Sanitäranlagen. Man braucht es nicht. Aber schaden tut es auf keinen Fall. Und Mittelhessen?“

„Bleibt weiterhin bescheiden!“

„Erfreulich! Ach, das Ding in unserem Rücken, ein Mitbringsel von Ihnen anläßlich des heutigen Tages?“

„Scherzkeks Mahler. Fühle mich leider nicht im Stande für jedes Ei dieser Welt eine Verantwortung zu übernehmen. Dennoch: was mag es beinhalten?“

„Überraschungen? Oder einfach gar nüscht!“

„Was ja oft dasselbe ist!“

„Sie sagen es, Herr von Lippstadt – Budnikowski. Oder gar die Meisterschale?“

„Herr Mahler, rühren Sie nicht an diesem Nerv. Ich werde mich in meiner Funktion als Lütten Stan morgen ausführlich dazu äußern.“

„Man ist etwas gereizt, nicht wahr?“

„Reichen Sie mir einfach ein hart gekochtes Ei und lassen Sie uns die ersten Regentropfen seit Wochen genießen.“

„Ihr Wunsch sei mir Befehl. Sie sind der Gast! Was hatten wir noch vergessen?“

„Allen frohe Ostern zu wünschen.“

„Dann tun wir das doch!“

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DIE BADEWANNE NAMENS FANTASIE (I)

Freitag, 29. Oktober 2010 16:02

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Die Suche nach dem ersten Schritt benötigte einige Schritte mehr, immer am linken Rand der Förde entlang, stadtauswärts. Und da lag es. Festgezurrt, vertaut an einem Baum, den die Aufrechtgeher ins Wasser gehauen hatten: ein Haus, das auf dem Wasser lag. Aber kein solches Stahlmonstrum wie die tutenden Häuser von gestern. Dieses Haus war aus Holz. Es hatte keine Ecken, keine Kanten. Es war ein mildes und friedliches Schwimmhaus. Und es hieß “Hispaniola”. Und diese Farben! Oben – ein Seebär würde sagen: die Planken – war es wunderbar grün angemalt wie eine Wiese. Unten – der Seebär spricht hier vom Schiffsrumpf – war es rot angestrichen wie sein alter Freund SIMCA. Und in der Mitte des kleinen schwimmenden Holzhauses stand ein hoher Baum und an diesem Baum hingen unzählige miteinander verknotete und verwobene Taue und Seile. Ein undurchschaubarer Wirrwarr, der im heute recht warmen Wind vor sich hin klickerte und klackerte. Und das gefiel Archibald sehr. Und wo er gestern so gar nicht begreifen konnte, daß ein gigantischer Haufen Stahl nicht auf der Stelle versinkt und sein restliches Dasein auf dem Meeresgrund fristen muß, dachte er daß – So kann man das sagen! – Holz schwimmen kann. Nicht so gewandt wie ein Bär – wenn er will – aber immerhin. Aber wo ist jetzt hier der erste Schritt?

„Sieht so der erste Schritt aus?“ „Denke ja, Käptn Mahler!“ „Warum?“ Und Ernst Albert erzählte. Davon daß er als Junge lange bevor er das erste Mal mit einem richtigen Schiffe auf einem richtigen Meer fuhr, alle Meere dieser Welt hundert- und tausendmal durchquert und durchsegelt hatte. Und davon daß er dabei immer fachkundige Begleitung gehabt habe. Und die fachkundige Begleitung habe Jack London und Magellan und Vasco da Gama und Gulliver und James Cook und Huck Finn und Captain Ahab und Wolf Larsen und Humphrey von Weyden und Sven Hedin und Alexander von Humboldt und Robinson Crusoe und Daniel Dafoe und Captain Bligh und Fletcher Christian und Leif Erickson und Sir Francis Drake und Amerigo Vespucci und Roald Amundsen und Vitus Bering und Thor Heyerdahl und Friedrich Gerstäcker geheißen. „Und Käptn Teague!“ „Nein, Archibald, den gab es damals noch nicht! Aber Du hast recht: The trick is: It’s in yourself!“ Und so wollte Archibald Mahler, angehender Weltenumsegler wissen, wie und wo Herr Ernst Albert so rumgesegelt sei. Und der sagte: „In der Badewanne der Fantasie!“

„Und was findet man, da drüben, auf der anderen Seite der Badewanne?“ Das fragte der Bär, nachdem er eine ganze Weile nachgedacht hatte. „Tempel, versunkene Inseln, verwunschene Städte, Flüße ohne Wiederkehr, Tahiti, Pitcairn, El Dorado, Shangri La, die Reeperbahn, Portsmouth, den Hafen von Amsterdam und Schätze!“ Da wollte der Bär wissen, was für Schätze, und wie man die findet, und ob man die behalten könne, und ob man dann reich sei und alles gut ist und überhaupt. Und Ernst Albert sagte nur: „Mal so, mal so! Und wer den Schatz für sich allein beansprucht, der stirbt meistens, bevor Du das Buch zugeschlagen hast!“ Und Ernst Albert erzählte nun dem Bären  – natürlich eine Kurzfassung – die alte Geschichte von Captain Flints Schatz, von Jim Hawkins und Long John Silver, von Israel Hands, dem Blinden Pew, von der seltsamen Begegnung mit Ben Gunn, dem wegweisenden Skelett und wie das alles enden kann. Und Archibald summten die gespannten Ohren vor Freude und er lichtete den Anker, setzte Segel und nahm Fahrt auf. Da draußen, auf der Badewanne Fantasie. “Siebzehn Mann auf des Toten Mannes Kiste, hohohoooooo und die Buttel voll Rum.”

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SO ISS DAS DANN WOHL!

Dienstag, 26. Oktober 2010 15:49

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„Aha!“, dachte der Bär, und: “So iss das dann wohl!“ Das erste Mal in seinem Leben blickte er aufs Meer, oder zumindest auf ein Gewässer, welches man als den Beginn oder Anfangs eines Meeres bezeichnen konnte. Natürlich jubelte es in ihm und sein Herz schlug ihm bis in den sprachlosen Hals, aber da er sich hoch im Norden befand und als feinfühliger Reisender die doch ganz andere Atmosphäre hier oben erschnupperte, zeigte er das nicht. Da bleibt man dann nordisch gelassen, sollen die am Alpenrand oder über dem großen Meer wegen jedem Furz hysterisch rumschreien und jubeln. Und daß man am Rande eines Gewässers sich eher ruhigen Ausdrucksweisen zuwendet, hat er schon während seiner sommerlichen Wassertage erkennen dürfen. Aber es schaut sich hier besonders komfortabel, das muß man schon anmerken dürfen, denn die Aufrechtgeher hier an der Förde haben ein ganz besonderes Händchen bei der Wasserrandgestaltung. In regelmäßigen Abständen haben sie große und runde Eisenklötze ans befestigte Ufer gebaut, auf denen ein Bär wunderbar sitzen und sich seiner Lieblingsbeschäftigung, der Wassermeditation hingeben kann. „Viel aufs Wasser schauen macht offenbar gescheit!“ Das dachte Archibald Mahler, heute ein Pollerbär.

Dann schaute er nach oben. „Aha!“, dachte er, und: „Die haben hier weiße Raben! Und wie viele! Und was die für einen Krach machen!“ Und die Möwen kreisten über ihm und Herr Ernst Albert, der hinter ihm saß und die Möwen schauten recht interessiert auf die beiden ruhigen Wasserschauer herunter und machten einen Heidenkrach und das was aus ihren kleinen Augen blitzte war Hunger, mehr noch: Gier. Und Archibald fühlte sich ein wenig unwohl, aber Ernst Albert hinter ihm schien das Gezeter und hektische Rumgefliege zu gefallen und er erzählte irgendwas von Hitchcock und wildgewordenen Vögeln, was der Bär gar nicht verstand und dann roch es nach Fisch. Und Archibald sah, was die Möwen sahen und weshalb sie den Bären und seinen Chef kreischend umkreisten. Herr Ernst Albert hielt etwas in den Händen. „Das will ich auch! Unbedingt!“ „Kriegst Du! Morgen!“ „Versprochen?“ „Versprochen!“ „Aber Du mußt dann die weißen Raben fernhalten!“ „Besser ist das wohl!“

Und dann hat ein Aufrechtgeher, der eine orange – gestreifte Weste trug, die zwei gebeten – natürlich sprach er mit Ernst Albert, denn wasserschauende Bären aus Mittelhessen nimmt das gemeine Nordlicht nicht wahr und wenn, dann zeigt er das nicht – sie mögen bitte aufstehen und gehen, denn dies sei Hafengelände. Und das haben sie gemacht und Ernst Albert hat sich ein Buch gekauft, ein Buch, in dem die kürzlich gestorbene Frau des Alten von Bergedorf von ihrem ereignisreichen Leben erzählt. Und wenn der Mann, der sie interviewt hat und das alles aufgeschrieben hat, sie zum Beispiel fragte, ob dies und das damals denn wirklich so geschehen sei, was sagt sie dann? „Na, dann war das wohl so!“ Das las Ernst Albert dem Bären vor und der hörte gerne zu.

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