Fifty Ways to Leave Your Country / Rückseite

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It isch not over til its over!

Dieses Land mit der Seele suchend, es gelegentlich finden, falls die Seele nicht grad eben unter einem riesigen Haufen ungewaschener Belanglosigkeiten, Alltagsplackereien, Pflichten und schrecklich Schlichtem unauffindbar verborgen liegt. Man berichtet – dies sogar häufig – von Reisenden, welche nach ein oder etlichen Aufenthalten in diesem gesegneten (Ne!!!) Land sich in der Lage fühlten der zuvor arg ramponierten Seele wieder einen Ehrenplatz in der Erzählung ihrer selbst zu gewähren. Doch dies mag nicht immer und jedem gelingen. Gefahr in Verzuge lauert bei denen, welche im Ticken fremder Uhren, bei der Betrachtung fremder Ordnungsprinzipien und beim Kauen fremder Brote Panik befällt. Dürfen die das ohne daß ich ähem wir? Gerade der teutonische Aufrechtgeher – selbst wenn sein Erbgut schon längst nicht mehr einbahnfrei in Richtung deutschtugendlicher Abstammung zu entschlüsseln ist – neigt zu einer gewissen Anfälligkeit diese Angst betreffend. (Nun gut, nur wer hat, viel hat, weiß was es heißt dies viele zu verlieren!) Paart sich jedoch diese Grundnervosität mit alemannischer Besserwisserei und daran gekoppelten Ordnungswahn, isch es subber schnell over mit dem Spaß. So geschehen vor einigen Jahren als die Apolegeten einer gnadenlosen Austeritätspolitik das Land der Griechen mit Massenarbeitslosigkeit, wirtschaftlichen Niedergang, radikalen Rentenkürzugen und einem absurden Neuwahlkarussel beglückten. Klar ist allen, daß im Seelensuchland Hellas viel Scheiße gebaut wurde, brauch man nicht den Zeigefinger auszufahren. Jedoch setzt sich bei den damals Handelnden langsam die Erkenntnis durch, daß brutale und – auf die Formulierung besteht Archibald Mahler – aufrechtgeherverachtende Sparmaßnahmen ein Land nicht wieder auf die Beine bringt, zumal ein sogenanntes Land weder die Regierung, der Etat und die Nationalbank sind, sondern die darin wohnenden Aufrechtgeher (siehe oben) und ihre Lieder, Erzählungen, Bücher, Kochrezepte und überlebten Katastrophen.

Dies nur als ein knapper Abriß der noch lange nicht zu Ende angerissenen, assoziierten und angeleckten Gedanken unserer zwei Reisenden, welche denen in ihre Köppe fielen, da sie sich umdrehten, um diese zerfallende Fabrik, die hoch über einem der Strände in Kardamili thronte, zu erblicken und zu besuchen.

„Budnikowski, mir gefällt das!“

„Wie, Mahler? Das ist doch kaputt! Und wir kommen nicht rein!“

„Wir sind unwissende Betrachter. Reicht doch!“

„Das sieht aber nicht toll aus!“

„Ochi, der Anblick ist schmerzvoll. Aber ich halte es für angebracht eine offene Wunde, die Dokumente des Niedergangs, hinterlassene Ruinen lange und ohne Eile zu betrachten. Das schamhafte aka aggressive Verhüllen und Leugnen bringt eh nichts!“

„Aber das hier ist keine Katastrophia neueren Datums, oder?“

„Eher nicht! Als Romantiker vermute ich „The Full Katastrophy“! Im Nachbarort lebte der Zorbas. Und der Nikos, der von ihm berichtete!“

„Aber spielt diese Geschichte nicht auf Kreta?“

„Dichterische Freiheit braucht keine Gründe!“

„Mahler, was haben die hier früher produziert? Fischkonserven? Olivenöl? Marmelade? Lammkoteletts?“

„Mein Gott Budnikowski, habe ich einen Hunger!“

Und eben als die Gedanken der zwei Herren vom Hehren hinab in den Ranzen rutschten, zog ein gewaltiges Gewitter auf. Ursprünglich hätte es sich in diesen Tagen eher in Schweden austoben sollen, aber so wirr wie die Aufrechtgeher dieser Tage über ihren Planeten und den angeschlossenen Rasen stolpern, whatever. Mahler lobte trotz grummelnden Ranzens das Dramatische des Anblicks, Budnikowski jedoch mopperte und forderte die Nähe eines TV – Apparats. Alte Gewohnheit. Teutonenbeine und Bälle. Und – zack – fiel der Strom aus.

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Autor: Christian Lugerth
Datum: Montag, 23. Juli 2018 16:50
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