Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Fünf.

Montag, 5. März 2018 16:55

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„…jedes Ding ist über und über mit Spuren bedeckt.“

Das Meer war fort. Doch der frostige Wind hatte die letzten Wellen der letzten Flut gepackt und an den Strand geklebt. So war das Meer noch da. Kunstvoll verschlungene Ornament hatte „Meister Namenlos“, der große Schöpfer, die große Künstlerin Dame Natur auf den gefrorenen Sand gemalt. Doch die Reisenden hatten anderes erhofft. Sie wollten mehr vom Meer zu ihren ungeduldigen Füßen, doch da sie sich auf den Weg gemacht hatten, um etwas zu begreifen ohne danach unbedingt greifen zu müssen, murmelte ein jeder Braves vor sich hin. Zuerst der Hase, etwas schlaumeierisch, der Bär nicht minder, jedoch überzeugt.

„Was mich betrifft, ich erwarte nichts von der Natur. Ich verweile einfach in ihr. Ich gehe und spüre die Erde unter meinen Füßen, ohne über den Ort nachzudenken, an den ich gelangen werde. Ich atme und beobachte die Gegend, die ich durchstreife. Das tut meiner Lunge, meinen Muskeln, meinem Kopf gut.“

„Budnikowski, was auch immer Sie in der Natur anzutreffen erwarten, Sie werden dort zunächst sich selbst begegnen!“

„Gut Herr Mahler, aber das Meer hier ist nur noch Relikt, Fundstück, Widerhall, Kopie? So auch ich?“

„Ach, der Reisende meint oft, wenn er die Mauer der Stadt hinter sich gelassen hat, würden ihn Trübsinn und Niedergeschlagenheit blitzeschnell verlassen. Man mag sich täuschen. Das wußte schon Herr Sokrates!“

„Wat, dat iss doch die Abwehrrecke vonne Schwatt – Gelben?“

Der Bär runzelt die Stirn im auf West drehenden Wind.

„Mahlerken, Witz! Witz! Her mit den Zitat!“

„Was wunderst du dich, daß dir Reisen nichts nutzen, wo du doch dich herumträgst? Dich bedrückt dieselbe Ursache, die dich hinausgetrieben hat.“

„Sollen wir heimfahren und eine Sakekur machen?“

„Wie meinen?“

„Schreib eine starke Zeile / die wie eine Nadel / den Schmerzpunkt an deinem Arm trifft! / (…) / Sauf Sake und sing / bis die die Stimme wegbleibt / dann kommen die Worte von selbst!“

„Charles Bukowski?“

„Nee. Ikkyu Sojun. Ein Zenmeister. Hab ich aus Ihrem GehBuch! Übrigens, da sind Spuren!“

„Bleiben wir vorerst nüchtern! Folgen wir den Spuren!“

„Warum?“

„Wir folgen immer den Spuren. Uns bleibt keine Wahl. Es sei denn wir wären Blinde.“

„Hä?“

„Ist aus meinem zweiten GehBuch!“

Dann begann es zu schneien. Und der Schnee schien vom Abschied zu singen, vom Abschied vom Winter.

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(text / fotos: christian lugerth)

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Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Vier.

Donnerstag, 1. März 2018 10:11

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Wanderung zum Meer, welches gewesen ist, um zu bleiben

Der Bär hatte umgeblättert in dem Schönen Buch des Edo Popovic und in seinem Kopf und zitiert:

„Gehen wir die Bürgersteige entlang, vorbei an Schaufenstern, gehen wir durch den Park, über den Jahrmarkt, gehen wir in den Wald, gehen wir durch die Felsen, gehen wir die Küste entlang, gehen wir in irgendeine Richtung – egal in welche. Beim Gehen werden wir die eigenen Schritte hören und auch den eigenen Atem und das eigene Herz, und wenn wir uns vollständig entspannen, werden wir auch unsere eigenen Gedanken hören.“

„Dann gehen wir also, Mahler! Wo Gleise aufhören, fangen sie auch an.“

„So iss das wohl. Kommt die Lok nicht zum Bären, geht der Bär zur Lok.“

„Desgleichen der Hase!“

Aufbruch. Links Salzwiesen, vorne Eisen und Holz, hinten Ostwind, rechts Dünen. Dahinter spricht die See. Murmelt. Schweigt kurz. Dröhnt umso heftiger. Die Bärennase riecht Salz. Die Hasenlöffel folgen den Schreien der Möwen und dem Wispern der Wattwürmer. Vier Augen sehen, wie das Meer sich im Himmel spiegelt.

„Biegen wir ab?“

„Und was ist mit den Geleisen? Dem Weg? Der Richtung?“

„Wenn sie jetzt auch noch Bestimmung sagen, fresse ich Ihnen ihre letzte Karotte weg, Budnikowski!“

„Nun denn, wahrscheinlich haben sie recht, strenger Mahler. Wir können uns gar nicht verirren, denn wir haben ja gar kein Ziel!“

Gesagt und den Dünenkamm erklommen auf genehmigten Holzwegen. Doch was ist das? Die See ist da, aber lediglich in einer Art Vergangenheitsform.

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(text / fotos: christian lugerth)

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Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Drei.

Dienstag, 27. Februar 2018 11:41

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Alle reden vom Wetter, Mahler will beim Einsteigen aussteigen

Wenn der Wind – auch noch von vorn – bläst, ist es ratsam den Mund geschlossen zu halten. Dazu raten nicht nur Bärengroßmütter auf Kamschakta oder in Wyoming. Vor den versiegelten Lippen herrscht weiterhin Wetter. Dies ist nicht ungewöhnlich. Sollte bär meinen. Doch vernehmt das Gezwitscher der hysterischen Aufrechtgeher. Aus jeder Schneeflocke machen sie ein Skandalon, jeder heftigere Ausschlag der Thermometer endet in atemlosen Superlativen oder Medaillenspiegeln und dabei merkt seine Zweibeinigkeit meist nicht, daß die steigenden Weltenwasser ihm schon bis zum Hals stehen. Möge er sich doch an die Lokomotiven erinnern, die vor etlichen Dekaden, in Zeiten versunkener Pünktlichkeit und mützentragender Bahnhofvorsteher, gelobten vom Wetter zu schweigen und zu tun, was zu tun ist. Schnee schippen, Sonnenschirme aufspannen, Regentonnen leeren, Weichen enteisen, Reisende ans Ziel bringen. Heute jedoch, der scharfe Ost warf immer noch seine Eismesser nach den zwei Reisenden, verbarg sich die erhoffte Lok wohl und feil in irgendeinem Schuppen, statt für Bewegung zu sorgen. Wahrscheinlich quasselte sie mit dem Tender. Falls es so etwas noch gibt. Auf der windschattigen Westseite abgestellter Waggons, auf einer Insel, unweit der See, wurde gewartet, als der Bär anhob zu sprechen.

„Wir sprechen überhaupt viel zu viel. Wir sollten weniger sprechen und mehr zeichnen. Ich meinerseits möchte mir das Reden ganz abgewöhnen und mich wie die organische Natur in lauter Zeichnungen ausdrücken. Jener Feigenbaum, diese kleine Schlange, der Kokon, der dort vor dem Fenster liegt und seine Zukunft ruhig erwartet, all das sind inhaltsschwere Zeichen; ja, wer nur ihre Bedeutung recht zu entziffern vermöchte, der würde alles Geschriebene und alles Gesprochene bald zu entbehren imstande sein! Je mehr ich darüber nachdenke, es ist etwas so Unnützes, so Müßiges, ich möchte fast sagen Geckenhaftes im Reden, daß man vor dem stummen Ernste der Natur und ihrem Schweigen erschrickt, sobald man sich ihr vor einer einsamen Felsenwand oder in der Einöde eines altes Berges gesammelt entgegenstellt!“

„Von Ihnen, Meister Mahler?“

„Nein, vom ehrenwerten Geheimrat. Sie erinnern?

„Gewiß, aber Goethe, diese geschwätzige Elster und das große Schweigen?“

„Ist auch gelesen und geliehen. Hier: Schauen wir den Elstern zu, die in Paaren um die Plätze in den Kronen der Pappeln im Park kämpfen. Sehen wir dem Mann zu, der über den Parkplatz läuft und die Tür seines silbernen Autos aufschließt. Sehen wir, wie sich die Äste, gespickt mit jungen Blättern, leicht im Wind wiegen. Die Kinder, die im Hof des Kindergartens lärmend umherrennen. Die Wolken, die nach Süden gleiten und ihre Schatten auf die Hochhäuser werfen, auf die Wälder und die verwaisten Bergweiden. Eine Frau, die ihren Kinderwagen schiebt und ihre Lippen schürzt und dem kleinen Wesen vor sich etwas erzählt. Und dann noch: Betrachten wir die Meeresstille.

Schönes Buch. Und wenn wir irgendwann fertig geschaut haben? Oder neugierig sind. Oder ungeduldig.“

„Warten Sie, lieber Budnikowski.“

Der Bär lehnt sich in den Wind und blättert um. In seinem Kopp.

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(text / fotos: christian lugerth)

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Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Zwei.

Mittwoch, 21. Februar 2018 16:40

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Den Plan machen, keine Pläne zu erstellen

Der Wind pfiff. Kalt, waagrecht, klar, atemlos, schneidend. Den zwei Reisenden schien es, als würfe ein schlechtgelaunter Wetterkoch ohne Unterlaß seine Lieblingsmesser nach ihnen. Es roch nach Schnee. Und nach Salz. Nach Schlick. Die Möwen schwiegen und gingen zu Fuß. Eine Bärennase reckte sich nach oben. Man hatte unter Mühe und Geschnaufe den alten Güterwaggon erklettert und sich einen – in Maßen – komfortablen Sitzplatz ergattert. Da war ein Gleis, aber wo stand der Bahnhof? Ein zartes Gefühl von Abgestelltseins schlich sich in die Herzen der sehenden Passagiere, doch der unermüdliche Luftbeweger blies Bewegung in die Hirne. Fuhr man schon oder bewegte sich nur die Welt drumrum?

„Das Jahr beginnt bewegt. Ist es nicht, Herr Mahler?“

„Wie man’s nimmt. Diesem Waggon fehlt noch die Lokomotive.“

„Dreht die Welt sich eigentlicher schneller, wenn es so pfeift?“

„Man könnte es meinen, lieber Herr Budnikowski. Der Ohrenabrieb ist ein gewaltiger!“

„Ihre Nase hebt sich verdächtig. Wohin riechen Sie?“

„Die geliebte See, sie scheint mir nicht allzu fern!“

„Meine Löffel sind gespitzt doch unter dem Rauschen des Windes vernehme ich kein zweites Rauschen denn meine noch winterlich müden Gedanken. Nebenbei, mir ist nach Nahrung!“

„Lassen Sie sich nicht bremsen! Ich justiere derweilen meinen Kompaß.“

„Können Sie, Freund Mahler, riechen, was dies Jahr auf uns zuweht?“

„Ach, da ich kein Aufrechtgeher, ist die Zukunft mir schnuppe. Lassen sie uns Augenblicke sammeln und gelegentlich danach schnuppern, wo wir herkommen. Das was da über bleibt, ist belastbarer!“

„Nun denn, so verspeise ich meine Winterschlafbegleitmöhre. Soll ja gut für die Augen sein.“

„Sehen Sie!“

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(text / fotos: christian lugerth)

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Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Eins.

Montag, 19. Februar 2018 19:57

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Vom Winterschlaf hinter offener Tür

Manche Türen stehen stets offen. „Hier raus, bitte und gerne!“ Ist aber nicht für jeden so sichtbar. Andere sind schon längst rausmarschiert. Kriegt nicht jeder der Jeden mit. Gelegentlich selbst die nicht, welche eine dieser Türen schon hinter sich geschlossen hatten. Wer noch im Zimmer zu verharren scheint, steigt vielleicht schon dem nächsten Hügel den Rücken hinab. Einfach ist es jedoch selten aus einer alten und hübschen Geschichte auszusteigen. Beschädigt eine Flucht nun die Geschichte oder den Davoneilenden? Oft ist man einfach zu müde, um zu bleiben. So ging es den beiden Reisenden. Glücklicherweise stand da die kleine Tafel in den Wiesen. „Exit!“ Da haben die Inselbewohner zur Zeit auch viel Spaß mit. Muß man halt lernen. Und plötzlich griff Winterschlaf nach Herrn Mahler.  Budnikowski schloß sich dem Bären an. Durch die offene Türe wehte ein Gedicht.

Winterschlaf

Indem man sich zum Winter wendet,

Hat es der Dichter schwer,

Der Sommer ist geendet,

Und eine Blume wächst nicht mehr.

Was soll man da besingen?

Die meisten Requisiten sind vereist.

Man muß schon in die eigene Seele dringen

Jedoch, da hapert’s meist.

Man sitzt besorgt auf seinem Hintern.

Man sinnt und sitzt sich seine Hose durch,

Da hilft das eben nichts, da muß man eben überwintern

Wie Frosch und Lurch.

(Klabund, 1890-1928)


Wer sich auf einer nicht endenden Reise befindet, muß damit rechnen auf einem Bahnsteig aufzuwachen. „An Gleis West, einsteigen bitte, wir rechnen fest mit einer Abfahrt.“ Gähnen. Sich strecken. Budnikowski hat schon wieder Hunger. Gut, isst das erste Mal in diesem Jahr. Dem Bären macht der Anstieg noch zu schaffen.

„Mensch Hase. Was rast er so hinauf!“

„Bär, Ihr Motto für 2018?“

„Faced with a choice, do both!“

“Uff! Gut, daß wir des Englischen mighty sind. Heißt Exit eigentlich raus oder rein?“

„Sehen Sie meine vorherige Bemerkung!“

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(text / fotos: christian lugerth)

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Tales and tellings between lechts und rinks / six

Freitag, 29. September 2017 21:51

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chapter six: the end of our elaborate plans, the end

In jenem Moment nach dem großen Plan, wenn Vorsatz und Mut nur noch ein magenkranker Schatten, da unter den Füßen der Boden flieht, stehend an der Kante, dort wo es bricht, in jenem Moment, meist ist es dann zu spät und der Schwindel fasst nach dir. Meist träumt man solchen Moment, doch gelegentlich ist es ein klarer und gewollter Blick am Tag, der die Tiefe sucht.

Da die zwei Gefährten nach wild durchträumter Nacht auf einer harten Kirchenbank zu Morwenstow erwacht, sich dankbar von den tanzenden Nachtmaren verabschiedet hatten, drängte Duke Rabbit aka The Hare who never wore spectacles gen Klippe und harter Kante. Sir Teddingtons noch von tiefer Müdigkeit geäußerte Warnungen schlug er in den über Nacht eingeschlafenen Wind. So schritt man hinaus, blauer Himmel wölbte sich und entzückte die Herzen, um hinab zu spähen in der Hoffnung die nächtliche See habe Verwertbares an Land geworfen. Der Gang der Reisenden war rasch und voller Gewißheit, jedoch nur wenige Meter galt es noch zu überwinden, zwei, drei hurtige Schritte auf den Pfad zu setzen, um zu sehen, daß die Welt auf den Kopf gestellt.

“Mahler, man hat meine Füße in den Boden genagelt!”

“Wie meinen?”

“Ich kann mich nicht mehr bewegen! Weder rück noch vor!”

“Haben Sie nach unten geblickt, Budnikowski?”

“Das befürchte ich!”

“So stirbt ein ausgefeilter Plan!”

“Hatte ich je einen?”

“Wollte man nicht die Hinterlassenschaften der Gestrandeten versilbern?”

“Wir wollten aber auch retten, helfen, Gutes tun!”

“Und nun?”

“Ich bin es nicht gewohnt in den Abgrund zu blicken!”

“Macht keiner gern! Schadet jedoch nicht! Bewegung ist weiterhin von Nöten!”

“Vorwärts???”

“Alles besser als der bleierne Stillstand!”

(…)

Etwas bis sehr viel später finden wir die Beiden sicher, sonnig, wohl, verwirrt noch und vereint an einem der schönsten Ecken der Küste Cornwalls. Im Gedärm des Duke Rabbit weiterhin ein Kettenkarussel, Sir Teddington soweit in der Lage sein Selbst zur Seite zu schieben und dem Gefährten Trost und Tröster zu sein. Über der glitzerden See jedoch harren geduldig die Fragen.

“Budnikowski, wie kamen wir hierher!”

“Mahler, was geschah in den letzten Stunden?”

“Tagen?”

“Jahren!”

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Tales and tellings between lechts und rinks / five

Donnerstag, 21. September 2017 16:36

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chapter five: all i have to do is dream and work

Ist Sommer friert es den Kirchgänger. Im Winter ist auch nicht wärmer. Gott, Dienst und Heizung sind ein einziger Widerspruch. So schläft der Willige zumindest nicht ein, wenn der Reverend spricht. Tedding und Rabbit (keine Titel zu Füßen des Gekreuzigten!) betraten (Untertreibung!), waren gestürzt in den Betraum, drei tiefe Atemzüge, die Schwaden wirken, ein zweifelnder Blick, Taumeln, Staunen und der Schlaf, welcher den Entkommenen winkt, nahm sie in seine Arme. Dann nichts mehr was gewiß. Da lag dieses Buch. Unter dem Union Jack (Flagge im Tempel?), mind you, unzählige alte Schinken lagen da Rum und Whiskey. Warum darf man Schriftwerke Schinken nennen? Kann man Buchstaben oder Gedanken essen? Sollte man? Wohnt dem Bein der Sau ein notiernotwendiger Gedanke inne? Die Schwaden wärmten. Und der Schlaf war keiner, sondern ein nächtlicher Tanz. Alles ganz einfach. Es ist die Gleichzeitigkeit. Die Erinnerungen wandern von hinten nach vorn. Der Bär streichelte die alten Schinkenseiten. Dazu muß man nicht die englische Sprache beherrschen müssen. Er war froh und das mochte er, auch an sich selbst. Was für ein Aufrechtgeher, der Reverend, der aufrechte Greifvogler. Tut seine Pflicht und vernachlässigt sie. Glaubt und fällt ab vom Herrn und lebt noch eine weitere Runde. Trägt schwarze Socken und bunten Wams. Nachdem er die angeschwemmten Leichname den steilen Pfad hinaufgeschleppt hat, liegt er seinem jungen Weibe zur Seite, und eilt – das vierte Kind vermeidend – in seine Denkhöhle (Was eine Architektur!), schmaucht die Kräuter des fernen Osten, blickt dabei gen Sonnenuntergang, um sich zu vergessen und zu vermessen, daran erinnernd, wer er wäre, könnte er ein Anderer sein. Den zwei lesenden Gefährten fällt der alte Pelz vom Leib, ihre Augen fahren Kettenkarussell und so, geschätzter Leser, sehen Sie hier ausnahmsweise kein Abbild der zwei Genossen. Man mag den Rausch nicht so gerne dem Blick der Nüchternen preisgeben, auch wenn der Rausch eigentlich Menschenrecht und sogar von Sinn.

„Budnikowski, sind wir von Sinnen?“

„Ach, Tedding Mahler, sinnvoll ist es! Tanzen Sie mit?“

„Bei mir ringelrei(h)ern eben nur die Innereien!“

„Aber sehen Sie doch! Die Geretteten! Diejenigen, die einst auf Fahrt! Dann gegen Klippen geworfen! Heute Nacht danken sie dem Reverend und verlassen ihre Betten!“

„Hase, das sind Gräber!“

„Diese Bruchbuden der versenkten Erinnerung kann man jederzeit verlassen!“

„Geben Sie mir die Hand!“

„Tanzen wir?“

Und so tanzten und träumten und tanzträumten Sir Archibald Teddington of Raginton und Duke Joe Rabbit upon Castlepool (Alle Titel im Namen der Ekstase wieder zugelassen!) zu Ehren des Ihnen bis heuer gänzlich unbekannten Reverend Hawker und wie die vom Vicar des Westens ehrenvoll Bestatteten ihnen unter die Arme griffen und sie im wilden Reigen durch die mittlerweile angewärmte Kirchenluft wirbelten, da meinten die zwei Reisenden zu erkennen, daß die Götzen, welche ständig nach vorne hetzen, gerne durch die Geister ersetzt werden dürften, die Freude daran haben gen rückwärts zu reisen. Wer Du gestern warst, magst Du erahnen. Morgen? Gute Nacht erstmal. Dann schliefen die Gefährten ein. Und träumten von der unsichtbaren Würde des nahenden Tod.

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Tales and tellings between lechts und rinks / four

Dienstag, 19. September 2017 17:45

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chapter four: the wind cries gimme me shelter

Zuerst war da kein Sommer, später kam auch noch der Herbst dazu. Ein wütiger (oder spielte er nur?) Nordwest jagte die Klippen vor Morwenstow auf und ab, verbiß sich in den Kanten, fraß Geröll, Sand, entwurzelte Gräser, verwelkte Blumen und geknicktes Gestrüpp und spuckte das ganze Zeugs hinunter auf den schmalen, meist gefluteten Strand. Die unwirtlich tanzende Luft sang und pfiff in höchsten Tönen und wilde Crescendi trafen auf aufgestellte Lauscher. Kein Geländer streckte sich dem rudernden Arm des Wanderers entgegen, unter seinem unsicheren Tritt schoß der Regen über die in die Klippen getretenen oder gehauenen Stufen und sobald der flachatmende Blick sich vom dunstigen Horizont löste und mutig gen Tiefe strieff, trat ihn unerbittlicher Schwindel in die Magengrube.

Sir Tedding und Duke Rabbit hatten Zuflucht gesucht hinter dem schützenden Rücken der Pfarrkirche von Morwenstow. Der Regen hatte aufgehört und der Unermüdliche wurde vom Dach des Gotteshauses über die Köpfe der Gefährten ins Inland gelenkt. Kein Grund den Weltuntergang zu beschwören, gewiß, vor allem angesichts der Jagden die unerbittliche Windhosen zur Zeit in anderen Gegenden feiern, aber gestatten wir den Reisenden ob ihrer Größe und Ungeschützheit ein gewisses Maß an Übervorsichtigkeiten. Aber kaum da den Zweien ein Gefühl des Davongekommenseins über den durchpusteten Pelz glitt, griff neuer Schreck nach den bummernden Herzen. OH! Sehet nur diesen Totenacker.

„Mahler, mir ist flau!“

„Weia! Budnikowski, ich fürchte wir sind hier nicht alleine!“

„Gespenster?“

„Na ja! Wanderseelen. Ewiges Strandgut! Klippenhänger! Seelenfänger!“

„Denke mir, daß mancher Segler da unten gegen die Küste donnerte und die Balken sich bogen und der Rumpf zerknirschte!“

„Bei diesem Wind- und Wellengewüte kein Wunder. Da liegt wohl einiges rum noch auf dem Meeresgrund!“

„Meinen Sie, da gibt es was zu holen? Ich meine, wir sind nun schon länger unterwegs und irgendwann müssen auch Einnahmen an Land gekarrt werden.“

„Duke Rabbit, der einäugige Strandpirat?“

„Schlag ein, Old Buckinghamshire!“

„Klappen Sie Ihre imaginäre Augenklappe hoch, mein teurer Gefährte!“

„Bär und Kupferstecher, da geht noch was! Wer sucht, der findet, auch wenn es windet! Bei allen gottverlassenen Klabautermännern!“

Und kaum war dies letzte Wort in den Wind gefallen, hob da an ein Gemurmel, Gewisper, Geächze und Gestöhne zwischen den verwitterten Grabsteinen, daß Mark und Bein sich am liebsten in die nächste wärmende Brühe gestürzt hätten. Selten hat man zwei behaarte Agnostiker, schlotternd vor gewaltiger Kälte, so geschwind das Innere einer Kirche aufsuchen sehen. OH! Betäubende Schwaden.

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Tales and tellings between lechts und rinks/three

Donnerstag, 14. September 2017 16:04

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chapter three: fear and loathing in heddons mouth

Nun saßen die Herren Sir Archibald Teddington of Ragemouth und Duke Joe Rabbit upon Castlepool schweigend und dies seit bald zwei Wochen. Es gäbe einiges zu besprechen und aufs Maul gefallen sind die beiden wahrlich nicht. Doch angesichts der tobenden Natur übten sie sich in Verzicht und schwiegen und froren und wurden feuchter als naß, um zu trocknen und der Sonne den Pelz entgegen zu strecken und dachten und sangen auch beizeiten und des Lebens froh und doch in wilder Sorge, ein  jeder Tag jagte alle vier Jahreszeiten ans Gestade, die See kam und ging in ewigem Gleichklang, der Himmel beschäftigt vom Wolkengejage spannte sich, verdunkelte, sternlichterte und keiner wagte den ersten Satz zu sprechen. Die Herzen sanken manchmal wie ein taumelndes Lot auf den Grund hinab, um gleich darauf mit den Großen Silbermöwen auf den Klippenwinden rauf und runter zu surfen. Der Hunger war ein gewaltiger und als diese eine erschreckende Wolke dräute, endete des Hasen Schweigegeduld.

„Mensch, Mahler. Das Meer ist aber sehr ungehalten!“

„Dem ist es zu warm!“

„Und ich habe fürchterlichen Hunger!“

„Das ist ja das Problem!“

„Daß man Hunger hat?“

„Daß alle meinen fürchterlichen Hunger haben zu müssen! Erinnern Sie sich noch, damals in Ihrer Pöhlerzeit, an diesen Dösbaddel von Opelfahrer mit der Gier, die nie enden dürfe?“

„Was hat das mit der See zu tun?“

„Nun, wenn der noch halbwegs vernunftbegabte Aufrechtgeher sich nicht darüber aufregt mit welcher Gedankenflachheit solch Zeugs in den Orkus hinausposaunt wird, übernimmt das eben die See!“

„Ach Sie und der Weltuntergang!“

„Budnikowski, im Gegensatz zum Aufrechtgeher ist die See sehr vernünftig und wehrt sich, wenn nötig!“

„Oder ist es vielleicht doch was Göttliches, was da rumtobt? Also so Offenbarung des Johannes oder ähnlich?“

„Quatsch, die Götter haben doch auch längst Merkel gewählt!“

„Sie springen ja mental rum wie ein Hase auf Koks!“

„Tja, Jahre an Ihrer Seite prägen. Blödsinn an die Seite. Zynismus soll nicht an die Stelle der Sorge treten. Wir sollte uns etwas vom Ufer entfernen und höhere Gefilde aufsuchen, sonst wird das nichts mit den Geschichten, die wir noch vorhaben zu erzählen!“

„Eine praktische Frage nur: und unser Lebensunterhalt hier auf der Insel? Wie wird das bewerkstelligt? Gibt es da Pläne?“

„Nun eine Anregung gäbe es! Lernen von den Altvorderen!“

„Phantastisch! Laß uns darauf schütteln die Hände!“

„Splendid! Wonderful!“

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Tales and tellings between lechts und rinks / two

Montag, 28. August 2017 20:30

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chapter two: before the thinking listen to natural noise

Der Transportaufrechtgeher stand nun schon eine gewisse lange Weile still. Dies ließ die zwei Rucksackfahrer vermuten, daß mit baldigem Ausstieg zu rechnen ist. Die, oft nur empfundene, Stille, welche dennoch jegliches Warten begleiten sollte, war eingehüllt in wildes Ge–Tose. Da donnerte eine aufgewühlte See ans Gestade. Dort gurgelte ein nachts unwetternd angeschwollener Wasserlauf eine Schlucht hinab und ergoß sich ins Meer. Über die schweigend anwesenden Klippen pfiff ein kühler und selbstbewußter Nordwest. Zu den wartenden Füßen des Transporters intonierten Kiesel, Steine, Spalten die Begleitmusik zum Kommen und Gehen der See und gelegentlich klatschte eine der höheren Wogen gegen hinderliche Felsbrocken und Vorsprünge und setzte Akzente. Den Herren Mahler und Budnikowski schoß eine vergangene Wanderung ins Ge-Sichte.

„Wenn in tiefer Winternacht ein wilder Schneesturm mit seinen Stößen um die HÜTTE rast, dann ist die hohe Zeit der Philosophie. Ihr Fragen muß dann einfach und wesentlich werden. Die Durcharbeitung jedes Gedankens kann nicht anders denn hart und scharf sein. Die Mühe der sprachlichen Prägung ist wie der Widerstand der ragenden Tannen gegen den Sturm.“

„Mahler, sprechen Sie von diesem kuriosen Giganten-Gnom, dessen HÜTTE wir Sein/ER/Zeit sinnend umwanderten? Ich verstehe und verstand kein Wort, jedoch will ich nicht eine gewisse Erregung leugnen wollen!“

„Teurer Budnikowski! Das Sichverständlichmachen ist der Selbstmord der Philosophie. Die Götzendiener der `Tatsachen` merken nie, daß ihre Götzen nur in einem erborgten Glanze leuchten. Sie sollen dies auch nicht merken; denn sie müßten dann alsbald ratlos und damit unbrauchbar werden. Götzendiener und Götzen aber werden gebraucht, wo Götter auf der Flucht sind und so ihre Nähe künden!“

„Uff aber auch!“

„Das unum necessarium ist der Rückzug aus der Öffentlichkeit!“

„Mahler, da mach ich mit!“

„Gut, obwohl es das originäre Ziel des Bedenkens etwas verwässert. Der gemeinsame Blick in den Spiegel schadet aber manchmal kaum!“

„Ich wüßte auch schon wo man blickt!“

„Weia! Man entlädt uns! Wo, Hase meiner Gunst, werden unsere Pöter ruhen und die Augen sehen?“

„Hier, Bär des Zweifels, wo die See sich ans Gestade wirft das Land zu verschlingen und eben im selben Atemzug ein Fluß sich in die Wogen des Atlantiks schmeißt, in Furchtlosigkeit, verschmelzend, verwässernd auch.“

„Sie sehen, große Güte, mich erfreut zu sitzen hier und zu denken nach über den rechten Pfad des Lebens!“

„Jedoch lassen Sie mich bitte erwähnen die Tatsache, daß die Nebel fallen sehr schnell in dieser Gegend!“

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