Beitrags-Archiv für die Kategory 'Robert Zimmermann'

Ein Monat belangloses Geschwätz / Scene Five

Montag, 9. Dezember 2013 20:47

kaktus rücken an rücken

(Es war ruhig gewesen die letzten Tage in Brownsville. Finger schnipsten, verlangten nach Regen aus tiefblauem Himmel, das Pfeifen des Abendzuges verstummte, es wurde dunkel, zu dunkel, um noch irgend etwas erblicken zu können, nicht wirklich dunkel, aber ich war auf dem Weg, lange schwarze Wolken eben, schwarzer Regen. Einer war aufgestanden, stieg hinab ins Tal, sang sein Lied, sang es laut, sang es kräftig, das Echo solle entscheiden, wer richtig liege oder falsch, der Andere setzte seine Zukunft auf die Hölle Vergangenheit, das Morgen rauschte heran, unerwartet schnell und gebrochene Verträge wurden verbogen von gebrochenen Händen auf zerbrochenen Pflügen. ‚Du bist ein Lügner, ich glaube Dir nicht, spielt es verdammt laut!’ Da draußen, weit entfernt, heulte eine Wildkatze, so sprach der Joker zum Dieb, diese sieben Tage würde er überleben, bis sie am Bahnsteig steht, es liegt an Dir und wenn Du sie siehst, sage ihr, mir ginge es gut, ich habe gelernt den Lärm in meinem Gehirn abzustellen. Silvio mußte gehen. Er wußte, daß weder Gold noch Silber das erkaltete Herz wieder schlagen lassen. Er wollte herausfinden, was nur Tote wissen können. Sagte Silvio. So ruhig war es gewesen in Brownsville. Erzähl das dem Alten Bill. So ruhig war es gewesen in Brownsville in den Letzten Tagen.)

„Bob, soll man über die Welt jaulen?“

„Sam, man soll von der Welt jaulen!“

„Bob, soll man über die Welt krächzen?“

„Sam, man soll von der Welt krächzen!“

„Bob, soll man über die Welt nuscheln?“

„Sam, man soll von der Welt nuscheln!“

„Was ist die Welt?“

„Frag Donovan!“

„Wo ist er?“

„Im Kleiderschrank!“

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Ein Monat belangloses Geschwätz / Scene Four

Sonntag, 1. Dezember 2013 18:38

urne

„Keith, Bob, Keith hat die Asche seines Vaters gesnifft.“

„Hat er gesagt, Sam, hat er gesagt! Ja! Dig it!“

„Genau! Dig it!“

„Da gehören die Väter hin, in die Mägen, in die Venen, in die Nasen. Vielleicht.“

„Subkutane Liebe! Was sniffst Ihr am Anfang von Eat the Document? Your high school diploma? Dad? The Past? The Future? Die Gegenwart?“

„Ich ist kein Anderer als ich und mich gibt es nicht. Melodielinien, Kratzer auf den mir abhanden gekommenen Platten, Eselsohren in geklauten Büchern, rostiger Fingerschweiß auf Gitarrensaiten, ein Resümee vor der Zeit, Summen zu schnell addiert, Nebel, Wolken. Das alles nimmt Gestalt an.“

„Jede Urne trägt einen Zylinder, ist es das, was Du meinst?“

„Ich trage meine Sonnenbrille und färbe meine Zähne schwarz, um gut auszusehen, frage mich nichts über irgendetwas, sonst könnte ich Dir die Wahrheit erzählen.“

„Ich bin es nicht, nach dem Du Ausschau hältst?“

„Die Zeiten haben sich geändert!“

„Die Zeiten werden sich ändern?“

„Das hat T.S. Elliot gesagt! Ich sage, wenn Du mich in Deinem Traum spazierengehen läßt, darfst Du in meinem Traum übernachten!“

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Ein Monat belangloses Geschwätz / Scene Three

Freitag, 29. November 2013 16:36

kaktus gemeinsam

„Ich ist ein Anderer, aber man kommt so selten dazu!“

„Ja. Klar.“

„Sicher?“

„Ich habe heute Nacht auch nicht geschlafen. Ich stand an dieser Kreuzung!

„Hast Du den Deal gemacht?“

„Ich weiß es nicht mehr, aber irgend etwas muß passiert sein heute Nacht! Da war dieses Lied, als ich erwachte und es lief los, bevor ich dazu kam, einen Kaffee zu trinken. Und jetzt ist es da draußen und ich habe schon wieder vergessen, wie ich es sang!“

„Hat das Lied Stacheln?“

„Oh Mann, es muß Stacheln haben. Ein Lied darf man nicht streicheln können!“

„Hast Du Freude daran, anderen Schmerzen zuzufügen?“

„Wenn Du in einer Wüste hängengeblieben bist, und dein Mund voller Sand und Dein Herz rauh und trocken ist wie der große Salzsee, findest Du im Inneren des Kaktus letzte Feuchtigkeit.“

„Hugh!“

„Davon singt Neil!“

„Wovon möchtest Du nicht singen?“

„Davon daß das, was ich am 17. Juni 1997 oder am 3. April 1983 gesagt haben könnte, heute immer noch seine Gültigkeit hat!“

„Leben als Karteikarte!“

„Frag mich was!“

„Wärst Du gerne ein Schwarzer?“

„Ich bin es nicht!“

„Wann träumst Du am liebsten? Nachts oder tagsüber!“

„Tags! Immer tagsüber! Mit offenen Augen! Nachts gehe ich in mir selbst spazieren!“

„Begegnest Du nachts jemandem, der Dir ähnlich ist?“

„Nein, Bildern, Schemen, Schamanen vielleicht. Nein, nachts bleibe ich allein!“

„Stachelig?“

„Cactus! Ja, Mann.“

„Gute Band!“

„Ja, Bedroom Mazurka!“

„Ja, Mann. Schamanenlied.“

„Frauen tanzen länger!“

„Genau!“

„Man muß das Leben in sich aufbewahren!“

„Ja! Die Stacheln!“

„Frauen tanzen länger! Genau! Das Leben!“

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Einen Monat belangloses Geschwätz / Scene Two

Donnerstag, 21. November 2013 18:13

radio

„Songs? Ja! Lieder? Ja!“

„Woher kommen sie?“

„Sie sind einfach da. Sie waren schon immer da!“

„Wo? Im Kopf?“

„Ja! Im Kopf! In der Haut! Leber! Überall!“

„Wem gehören die Lieder?“

„Allen! Niemandem! Gott!“

„Deine Lieder?“

„Kennst Du ‚Alien’?“

„Den Film?“

„Ja, so schießen sie aus der Brust, manche Songs! Und plötzlich sind die Lieder da, man kann sie hören!“

„Und manche erschrecken sich vor ihnen!“

„Au ja, viele erschrecken sich!“

„Warum?“

„Sie erwarten etwas anderes, etwas Neues und sie vergessen, daß sie nicht so schnell vergessen können, wie sie es sich erträumen! Das Alte ist zäh, auch wenn man es nicht mehr sehen kann!“

„Man kann es noch begreifen, anfassen vielleicht?“

„Jeden Morgen, wenn Du Dir das Gesicht wäschst! Wir sammeln alle!“

„Ja. Tage. Niederlagen. Illusionen. Unter den Fingernägeln.“

„Man hat seinen Körper! Nicht mehr!“

„Es gibt Prothesen!“

„Klar! Prothesen! Schallplatten! Phantomschmerzen!“

„Das Radio spricht nicht mehr zu uns, Bob, es schreit uns an!“

„Es wird immer schwerer den Schlaf zu finden!“

„Manchmal braucht man Freunde, Tom.“

„Laß uns über fliegende Wesen reden!“

„Engel?“

„Später!“

„Jüdische Flüche?“

„Mögen alle Deine Zähne ausfallen, bis auf den einen mit dem Zahnschmerz!“

„Mögest Du wachsen wie eine Zwiebel, den Kopf in der Erde, die Füße in der Luft!“

„Möge Gott nach Deinem Lied verlangen und Deine Feinde es singen!“

„Uuuh! Gibt mir nur einen Freund!“

„Schalt ein!“

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Einen Monat belangloses Geschwätz / Scene One

Dienstag, 19. November 2013 21:24

brownsville

„Fertig?“

„Warte!“

„Bob?“

„Du heißt Sam?“

„Heute! Ja, heute heiß’ ich so. Denk ich mal!“

„Sam, ich hab’ ein Lied mitgebracht!“

„Willst Du es singen?“

„Nein, es befindet sich noch in meiner Schreibmaschine!“

„Gibt es eine Frau in diesem Lied?“

„Es gibt keine Lieder, in denen keine Frau wohnt!“

„Und was ist mit Henry Porter?“

„Das einzige, was wir wissen, ist das Henry Porter nicht Henry Porter heißt!“

„Du bist heute Bob?“

„Sie gaben einem von mir diesen Namen!“

„Trägst Du gelegentlich einen Ausweis bei Dir?“

„Ich kenne Menschen, die mich zu kennen meinen, das reicht! Hast Du Bier mitgebracht?“

„Ja, aber es befindet sich noch in meinem Notizbuch! Weißt Du, wo ich am Sonntag war?“

„Hmm?“

„Esch sur Alzette!“

„Eine harte Stadt!“

„Harte Stadt, uuh! Leere Schächte! Portugiesisches Bier! Slips über diesem Tresen an die Wand genagelt! Fußballpokale! Kinderspielzeug!“

„Frauen, die Bier verkaufen?“

„Billiges Bier, aber man muß es trinken! Und die Frauen lachen dich an!“

„Seltsam, Menschen, die zusammen etwas erleiden, haben mehr gemeinsam als die Zufriedenen!“

„Genau! Honey, bleib bei mir und laß uns hoffen, daß das Dach nicht wegfliegt!“

„Ich muß kurz mal telefonieren!“

„Ich erinnere mich noch heute an den Tag, an dem Du mich in der bunten Wüste besuchen kamst! Lange bevor man die Sterne vom Himmel riss!“

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Zum 35ten Male besingt Zimmermann eine Scheibe, alles neu und alles bleibt und gut (3)

Mittwoch, 12. September 2012 13:50

tempest3

Heute ist ein sehr kalter Tag. Der Herbst kriecht unter des Bären Fell und da wird ein Bär auch sogleich von unerbittlicher Müdigkeit befallen. Was singt der Zimmermann heute?

“Letzte Nacht hörte ich Dich sprechen im Schlaf.
Du sagtest Dinge, die Du vielleicht besser nicht, na ja!
Ein Tages wirst Du vielleicht hinter Gittern sitzen!”

Und:

“Das hier ist anstrengendes Land, will man hier leben.
Die Luft voller Rasierklingen, sie zerfetzen meine Haut.
Bis unter die Zähne bin ich bewaffnet. Mühsames Kämpfen.
Ohne Narben kommt keiner davon.
Es ist eine lange Strasse, ein sich ziehender und schmaler Weg.
Und wenn ich es nicht schaffe, mich auf Deine Höhe hochzuarbeiten,
wirst Du Dich wohl oder übel eines Tages auf meine Ebene hinunter begeben müssen.”

Herr Zimmermann ist ein Künstler. Und ein alter Mann. Ein Überlebender. Was könnte seine Aufgabe sein? Zu unterhalten? Schon alleine beim Gedanken daran schüttelt sich Herr Mahler und ist da ganz gelehriger Schüler des Ehrenwerten Herrn Albert.
“Geschichte erzählen. Eine einzige, eine lange und sich ziehende, manchmal sehr schmale Geschichte erzählen. Immer und immer wieder. Jeden Tag geht irgendwo eine Titanic unter. Und sei es nur in der Badewanne.”
Das ist wohl so, denkt auch der Bär. Dann muß er vom Moped runter und in die Reisetasche. Heckerland wartet mal wieder. Hoffentlich ist da wärmer, am See.

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Zum 35ten Male besingt Zimmermann eine Scheibe, alles neu und alles bleibt und gut (2)

Montag, 10. September 2012 18:17

tempest2

„Ein Simsonroller hat ein ähnliches Alter wie der Zimmermann. Als ein Zimmermann seine ersten Töne sang, dachte man: ein Simsonroller ist keine Harley – Davidson und der Zimmermann ist nicht der „Kleine Richard“. Aber Zimmermann fühlte sich nun mal wie ein Kleiner Richard’ und der Simsonroller fühlte sich mindestens so schnell wie eine Kreidler ‚Florett’. Was das heißt? Rote Ampeln haben ab einem gewissen Alter keine Bedeutung mehr. Und Exegese ist der Zeitvertreib der Orientierungslosen. Wie bitte? Dig it: Man liest seine Bibel oder liest sie nicht.“

So sprach der Herr Albert am Tage nach dem Eintreffen des Sturms. Archibald Mahler hatte den Silberling termingerecht abgeliefert. Jetzt dreht er sich vor den Ohren des Ehrenwerten Herrn Albert in schwerer Rotation. Dreistellig? Noch nicht ganz, ein ordentliche Zweistelligkeit ist erreicht, aber wenn das so weiter rotiert, ist die Hundert keine allzu ferne Utopie. Und was hört der Bär mit? Ein bisserl anglikanisches Wörterbuch hat er sich schon angeeignet im Laufe seines Unterschlupfes beim Herrn Ernst A. und das Knarzen des Zimmermanns ist ihm so seit Zeiten Kopfkissen und Ansporn. Ein kurzes Anriechen der neuesten Worte des Sturmes:

„Dummer Junge, Du glaubst ich bin eine Heilige? Deine Klagegesänge mag ich nicht mehr hören. Was schenkst Du mir? Süße Lügen? Halt Deine Zunge im Zaum und entdecke Deine Augen!“

Oder:

„Mein Herz ist voller Freude und ohne Angst. Ich war da unten, wo es richtig schmerzt. Ich habe keine Eile mehr. Deine Wut, davor fürchte ich mich nicht mehr. Ich stand schon vor dickeren Mauern.“

Oder:

„Wenn Liebe eine Sünde ist, dann ist die Schönheit ein Verbrechen. Jedes Ding atmet Schönheit, von Zeit zu Zeit.“

Und die Musik der Mitbarden des Robert Z. schwingt und walzert vor sich hin und des Bären Pöter tut da mit. Keine Musik für junge Menschen ist das oder für jene schon gar nicht, welche da nicht altern mögen. Und heute war ein heißer Tag. Morgen gedenkt sich die Welt mal wieder der Tatsache , daß sie um beinahe den Preis eines getöntes Haares untergegangen wäre. Tut sie das übermorgen nicht auch?

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Zum 35ten Male besingt Zimmermann eine Scheibe, alles neu und alles bleibt und gut (1)

Montag, 10. September 2012 12:29

tempest1

„Frisch gepresst. Druckfrisch noch. Man muß sich beeilen. Quatsch. Einstens mußte man sich tatsächlich beeilen. Die Platte kaufen. Diese Platte nicht wie die anderen beim Händler vorhören. Einfach rein in den Laden und das Ding aus dem Regal ziehen und es kaufen, unter den Arm klemmen und aufs Moped und heim. Alleine. Diese Platte muß man alleine ersthören. „Ah, der Nasenbär wieder!“ Die Anteilnahme von Banausen benötigt man in solchen Momenten nicht. Erwartung. Nadelknistern. Erstes Rauschen. Euphorie oder tiefe Enttäuschung, man mag dies nicht teilen. Verschlungene Wege, die der Meister ab und an beschritt. „Ich verstehe nicht. Warum macht er das?“ So war das mal. Irgendwann kommt der Tag, da läßt man all seine Zweifel am Rande der verschlungenen Pfade fallen und folgt. Die Aufregung bleibt. Und heute? Nun gut, man trickst sich aus. Platten kaufen nur noch die letzten Mohikaner und die Nachrückfanatiker. Wenigstens noch den Originalsilberling erstehen und sich nicht fremde Mucke runterholen. Was Fremdes anfassen und nicht nur sich! Morgen ist der Tag! Denkste! Man trickst sich weiter aus. „Sie können das gesamte Album schon mal im Streaming vorhören.“ Häppchenweise. Vorfreudetöter. Und die Worte. Die vielen neuen Worte? Wo sind Sie? Hat ein fleißiger Phisher sie schon in seinem Net? Ach. Hier noch warten. Gott sei Dank mit scharrendem Huf! Ach!“

Während der Ehrenwerte Herr Ernst Albert vor sich hin grummelt, klagt und wartet, alte Zeiten besingt, nimmt Archibald Mahler seine Aufgabe sehr ernst. Der Silberling lag pünktlich im Regal, der Simsonroller war vollgetankt, doch die Ampel, die die Kreuzung bewachte, war eine rote Ampel. Wer den Sturm unter seinen Armen trägt, kann leider keine Rücksicht darauf nehmen.

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VON DER SCHWINGENDEN SULTANINE UND DEM SINGENDEN STEINBRUCH

Freitag, 11. November 2011 10:52

nbg5

Herr Karl Ehrenfeld, der Honorige nebst Gattin und Herr Ernst Albert sind schon oben in der Nemmbercher Bleibe. Der Bär hat darum gebeten, noch etwas in der historischen Briefkastenanlage des Gebäudes verweilen zu dürfen. Nachsinnen möchte er über das Gehörte und Gesehene. Außerdem hält Archibald Mahler Ausschau nach einem komfortablen und standesgemäßen Örtchen in Sachen Winterschlaf. Konzentration! Also hatte Herr Zimmermann, der Ewige, gesungen. Zuerst jedoch ein ebenfalls älterer Herr, Kopf einer Musiktruppe, deren größter Hit vor mehr als dreißig Jahren „Wir sind die schwingenden Sultaninen“ war. Die Halle war voll, übervoll, überheizt und stickig. Die Musik? Harmloses Geklimpere aus dem Biosupermarkt! So würde es Herr Ernst Albert ausdrücken. Archibald Mahler fand es schlichtweg langweilig und vertrat sich derweilen vor der Halle die Tatzen. Da war er nicht alleine. Man ließ den Bären am Tucherbier nippen. Oder Ducher? Basst scho! Umbaupause. Black. Der Alte und seine Musikantentruppe entern die Bühne. Licht. Die ersten zwei Minuten des ersten Liedes atmen mehr Kraft, Freude, Spiellust und Spontanität als der gesamte Set des Vorgängers. Der darf aber bei den ersten vier Liedern Gitarre spielen, was er sogar kann. Warum tut er es dann nicht? Dann ist er weg. Und dann geht es noch mal richtig los. Zwar nur ganze zehn Liedlein lang, aber dafür laut, dreckig, grinsend, tänzelnd, bösartig, liebevoll, bis zu drei Gitarren schrammeln gleichzeitig, das elektrische Piano quietscht und über allem diese Stimme, die klingt, als sei sie ihr eigner Steinbruch, diese Stimme, die das ganze Leben eines Aufrechtgehers nimmt, zerpflückt, mit den Versatzstücken gurgelt, diese ausspuckt, ausbellt und wieder zusammensetzt, um sie im nächsten Moment den Zuhörern wieder vor die Füße und Ohren zu knallen. Friß oder leb! Und ja, einige Aufrechtgeher flüchten. Wahrscheinlich müssen sie noch in einen Biosupermarkt. Archibald Mahler hatte sich einen wunderbaren Platz erobert, einen Stehplatz, denn wie bei der Pöhlerei gilt beim Rock’n’Roll: Sitzen iss fürn Arsch. Er stand an der Seite der in die Halle hineinragenden Bühne, zwanzig Meter vielleicht entfernt vom, und Aug in Aug mit dem Sing- und Tanzmann. Der hat natürlich anderes zu tun als einem entzückten Bären zuzuwinken, aber gegrinst hat er schon, der Herr Zimmermann. Den ganzen Abend lang, von dem Moment an, als er sich den Leopardenfellhut aufsetzte, alles vorbei war für die traurige Maid, weil die Dinge sich geändert hatten am Mississippi, und, sei ehrlich zu mir, er dermaßen in der Traurigkeit gefangen war, daß alle Dämme brachen, er in die Straße der Verwüstung einbog, um seine Reise auf dem Highway 61 fortzusetzen, wo der Mann mit dem langen schwarzen Mantel auf ihn wartete und der Donner von den Gipfeln der Berge ins Tal rollte, bis ein balladesker dünner Mann den Raum betrat, nicht begriff was hier geschah, daraufhin den Wachturm bestieg und sich selbst in der Ferne davon rollen sah, heimatlos, wie ein Stein. Dann war Schluß. Kurze Verbeugung. Ab. Black. Es war großartig und Archibald war glücklich. Das war besonders. Fanden die Herren Ehrenfeld und Albert auch. Die müssen es ja wissen. Die haben den Meister schon oft genug gesehen und gehört. So sinnt der Bär nach, in einem Briefkasten in Nemmberch, als ihm einfällt, was er vergaß. Weia! Frau Elvira Bühne wartet auf ihn. Die vorletzte Antwort auf die letzte Frage! Die leeren Vorratskammern! Der Winterschlaf! Er stürzt hinaus in die freie Luft und ein Radfahrer kommt vorbei. Es hätt’ ja auch eine Trambahn sein können, aber nein, ein Radfahrer war’s. Er winkt und fragt den Pedaleur, ob er ihn denn ein Stück des Weges mitnehmen könne. Richtung Mittelhessen. Man hält an.

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HERR MAHLER VARIIERT ÜBER ENTEN 5

Donnerstag, 6. Oktober 2011 18:28

enten5

Probenbeginn? Endproben! Schon wieder ist es dunkel, wie es eigentlich immer dunkel ist in den Eingeweiden der Musentempel. Archibald Mahler fällt ab und hat so einige Fragen übrig. Zum Beispiel, ob das alles hier auch mal entet! Verzeihung! Blödes Wortspiel, aber warum: davon gleich. Entenendproben also! Die Lichter an, die Musik wird eingespielt, die Mimen kommen und los. Man schaut. Dann ist es fertig! Schön wäre es! Dann geht es erst los. Man müßte noch hier und dort hast Du vergessen und wenn die Lampe dann da grün, dann Du nach rechts und noch mal von vorne. Die Intendantin ist geblendet. Nicht von der Leistung der Mimen, nein vom Umbaulicht. Schieben nach rechts, schieben nach links, dunkler, heller: es bleibt wie es ist. Morgen wird es sowieso keiner merken. Warum? Ist das nicht frech? Nein! Morgen schauen Zuschauer und keine Mitwirkenden! Trotzdem: Umbaulicht zwanzig Prozent runterziehen. Mist, das Armband der Uhr eines der zwei Mimen ist kaputtgegangen. Die Requisite kann gerade nicht. Sie feiert, weil sie ab morgen einen neuen Vertrag hat. Glückwunsch! „Wem soll ich einen Kaffee mitbringen?“ Wer das gefragt hat? Der Mann mit den angeklebten Haaren ist wieder da. Er spielt wieder Klavier. Und Baß auch. Aber nicht richtig und lebendig, sondern aus den Lautsprechern. Komponieren nennt man das. Die Klaviermusik hüpft und der Baß erzählt davon, wenn das Hüpfen aufhört. Endgültig! Puuh! Da kommt der Mann mit den angeklebten Haaren wieder und der Kaffee auch. Immer noch keine Pause. Die Haare des Mannes mit den anklebten Haaren sind nicht mehr angeklebt. Sie fliegen wild. Das Blut der Aufrechtgeher färbt sich braun. Koffein! Keine Pause in Sicht. Weiterhin! Gut, die Mimen machen Mittagsschlaf. Der Aufrechtgeher, der die Bühne gebaut hat, schabt mit einer Drahtbürste am Sofa herum und macht das, so daß es kaputt aussieht. Was das wieder kostet. Das Licht am Ende ist zu bedeutungshuberisch. Sagt einer! Hat Recht! Weg damit! Wer was vergessen hat, bitte vortreten. Hast Du schon dran gedacht? Oder auch daran? Längst geschehen! Eigentlich reicht es jetzt. Das Schilf verliert an Form und schlägt um sich! Wird in Form gebracht. Schon wieder was vergessen. Restalkohol schleicht durch den Musentempel. So ist gut! Bitte genau so lassen! Alles! Markierungen? Markierungen! Noch einmal die Mimen. Alles mit Allem. Geht doch! Und morgen abend? Gar nicht dran denken. Der Aufrechtgeher, der auf den ehrenwerten Herr Ernst Albert dramaturgisch aufpaßt, sagt: „Herr Robert Zimmermann hat den Literaturnobelpreis nun nicht bekommen!“ Man ist empört. Weiterspielen! Wird gemacht! Die Mimen sind heute sehr beseelt. Das ist schön. Am Ende der Entproben darf auch mal lauter gelacht werden. Ein Danke an alle. Der Grill wird angeschmissen. Herr Ernst Albert und der Mann mit den einst angeklebten Haaren trinken Bier und sprechen davon in der kleinen Schilflandschaft irgendwann mal Lieder des Herrn Zimmermann zu singen. Wenn er schon keinen Nobelpreis. Und der Bär? Archibald Mahler ist rechtschaffen müde. Die spinnen, die Musentempler!

Thema: Musentempel, Robert Zimmermann | Kommentare deaktiviert | Autor: Christian Lugerth