Beitrags-Archiv für die Kategory 'Anregende Buchstaben'

Mit den Augen des befreundeten Fremd / Fünf

Freitag, 22. Mai 2015 21:36

fenster5

Alle reden vom Wettern, Budnikowski aber blickt weiter. Es besteht immer die Möglichkeit ein Gemeines Blutströpfchen zu erspähen, eine Gammaeule, einen Admiral. Eventuell und gerade heute fällt ein Mönchs – Kotkäfer, eine Blattschneiderbiene oder gar ein Trauerrosenkäfer ins Auge. Malt sich da ein Pinselkäfer ins Bild? Die Möglichkeit besteht. Jedoch besteht ebenfalls die Möglichkeit, daß alles Getier heute streikt und die Leinwand vor des Betrachters Auge öd und leer. Diese Möglichkeit besteht durchaus. Dann mag der Blick schweifen gen Innerei. Das tut der Mahler eben, wobei die Innerei in diesem Fall kein seelisches oder anderweitiges Gekröse darstellt, sondern den Raum hinter dem Fenster, durch welches Budnikowski hinausblickt. In diesem Raum, am anderen Ende des Raums, unter dem gegenüberliegenden Fenster zum Hinterhof hin, da steht ein Schreibtisch. Es ist der Schreibtisch des Herrn Ernst Albert. Auf dem Schreibtisch liegt ein aufgeschlagenes Buch. Mahler räuspert sich. Budnikowski erschrickt, kippt nach vorn und berührt die Fensterscheibe. Leichtes Scheppern. Vibration.

„Aua und verdammt! Mahler, elender! Jetzt ist der Pinselkäfer verschreckt davon.“

„Oh! Verzeihen Sie bitte! Aber dieses Gedicht da!“

„Ich weiß! ‘Krulls!’ Das Gedicht von Herrn Robert Schindel in diesen aufgeschlagenen Buch auf Ernst Alberts Schreibtisch. Ich kann es aufsagen, wenn gewünscht.“

„Haben Sie auch hinten Augen?“

„Das nicht, aber Sie haben mich gebeten für Sie zu schauen und ich pflege die mir gestellten Aufgaben ernst zu nehmen. Also hören Sie:

Krulls

1

Manche werfen zu viel ihrer Wörter

Aus der Seelengehirnfalte raus in den Schlund

Ohne fünf Texte ist der Tag gar nicht fertig

Stehn am Muskel und schleudern

Das Echo des Eignen auf den Marktplatz

Stapeln die Empfindlichkeit hoch die überwächst

Das genickgerechte Schauen. Durchfall

Des Wortdirigats und Winde. Sonnen

Fallen aufs Wortwerk, die Schatten im Ton

2

Nichtmal im Ton, die Wortscheißerei

Lässt zurück das lautlose widerristliche Harren

Zu viel schreiben viele. Die Krulls. Zu wenig

Noch mehr

Das war’s.“

„Weia! Und wer sind wir?“

„Tja, wenn ich das wüßte. Wir finden es aber raus!“

„Eine Idee, Herr Budnikowski?“

„Wir verabschieden uns und lassen nur mehr schauen.“

„Für uns?“

„Quatsch! Auf uns!“

„Na dann!“

„Darf ich jetzt weiter blicken! Der Pinselkäfer tunkt sich eben in den Farbtopf!“

„Gerne!“

„Danke, Herr Mahler.“

(Fortsetzung folgt)

Thema: Anregende Buchstaben, Das Fremd, Küchenschypsologie | Kommentare deaktiviert | Autor: Christian Lugerth

Ein dritter Brief an den Ehrenwerten Hr. Albert, der aber lediglich eine Postkarte ist mit Bildern

Dienstag, 14. April 2015 13:24

stromschnelle

Sehr geehrter Herr Ernst Albert,

immer iss was und dann ist wieder einer einfach weg. Schneller rauscht ein neuerlicher Abschied an Dir vorbei als ein nicht gefangener Lachs an der Stromschnelle. Deshalb die versprochene Geschichte über Fritz und Peter später. Der, der gegangen ist, hat mal getrommelt: „Man kann eine Geschichte in der Mitte beginnen und vorwärts wie rückwärts kühn ausschreitend Verwirrung stiften.“ Ich denke so mache ich das auch mit meinen Briefen, die ich noch an Sie zu verfassen gedenke und es tun werde. Kurz also nur ein Gedicht mit Schnäuzer zum Angucken für Sie und für alle anderen Abschiedsträumer.

Bis dahin mit allerherzlichstem Bärengruß. Und nicht vergessen: „Im Krebsgang den Fortschritt messen“ werden wir.

Ihr Herr Archibald Mahler

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PoesieSlambum revisited / Steputat S. 85 & 168

Montag, 2. März 2015 18:29

poe04

(Und im Tal schwollen die Bäche an und oben am Hang nahm der frisch gefallene Schnee sich Zeit, um zu verschwinden. Den Herren ward kalt geworden beim Sinnen über das jetzt auch nicht mehr nur taufrische Jahr. Kalt am Pelz, aber auch kalt in den Innereien. Im Hirn erst recht. So blieb der Schnee auf den Freiluftpoeten liegen. In kleinen Dosen zwar, jedoch sicht – und nachweisbar. Dieses sei aber nicht Grund – wie es der Alte aus HH – Langenhorn gerne wiederholt – die Pflichten, und dieses in Gelassenheit, zu erfüllen. Muß man deshalb die „Selbstbetrachtungen“ des Marc Aurel lesen? Warum nicht? Wenn es dem Alten geholfen hat. Erst jedoch der Reim.)

„Budnikowski, ich funktioniere heute nur eingeschränkt. Gehen Sie bitte voran!“

„ABC, die Katze lief im Schnee!“

„Wie meinen? Kinderreime?”

„Warum nicht! Herr Zimmermann tut es auch ab und an! Statt Malen nach Zahlen: Reimen nach Ziffern!“

„Werden Sie jetzt Kabbalist? Oder Hells Angel? Wißmar ist ja nicht weit. 81? 161? 2121, oder was?“

„Nee. Addieren der Ziffern der Reihenfolge der Buchstaben im ABC. Zum Beispiel Schneefall ist gleich fünfundachtzig.“

„Ach so! Sehr schön! (A.M. denkt nach. Ordentlich lange. Er hat die Rechenstunden auch meistens am Bach beim Lachse fangen absolviert. Bis dreizehn kann er zählen. Mehr geht nicht rein in den Wanst pro Tag. Aber dann:) Einhundertachtundsechzig!“

„Was ist das denn?“

„Severin Freund!“

„Sehr gut! Der Schnee der letzten Woche! Springen wir!“

Am Hang der eig’nen Nichtigkeit

Lebenslang nur Lobgesang

Wiege Dich nicht in Sicherheit

Schon schläft und schnarcht der Schaffensdrang

Sonnt sich in Selbstgefälligkeit

Der Pflichten Liste ellenlang

Jenseits aller Parteilichkeit

Ein halbwegs aufgerichtet’ Gang

Auch auf dem Weg zur Örtlichkeit

`S ist von Belang nur Stetigkeit

Ansonsten saust der Bumerang

Und donnert Dir direktemang

Ans Hirn Oh Überheblichkeit

Da hilft auch keine Trunkenheit

Ein Hoch auf die Vergänglichkeit

Aus tausend Kehlen Abgesang

Verriegelt ist der Notausgang

Und dies schon lang Seit seinerzeit

Am Hang der eig’nen Nichtigkeit

(budnikowski UND mahler  °2015)


(Die Sonne zeigt Wirkung. Ist ja auch schon März. Mittlerweile. Und die Reime wärmen von innen her. Aber die Pöter zumindest bleiben kalt. Ziele werden gerne erlitten. Dann ruft jemand nach Archibald Mahler. Archibald Mahler steht auf und geht.)

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A. Mahler macht sich selbstständig / Ankommen, um zu gehen und der Teppich nicht zum Gebet

Donnerstag, 5. Februar 2015 15:09

kiel27

Es war seine Nase, die Archibald Mahler weckte. Vertrauter Geruch. Ernst Albert? Es zieht. Die Türe eines Hotelzimmers steht offen. Mahlers Blick fällt auf den nächtlichen Zettel. „571. Herr E. Albert!“ Auf der offenen Türe steht? Erraten. Der Bär fasst sich an den Kopp. Der ist noch nicht ganz in den Tag eingetreten. „Ich Dummbatz aber auch!“ Man hätte eine gemütliche Nacht im und nicht vor dem Zimmer verbringen können. Wobei, nach einer Premierenfeier gibt der Herr Albert im Schlaf meist fürchterliche Geräusche von sich. Archibald Mahler huscht in das Zimmer. Leer. Fast. Was er sieht, lässt ihn erbeben. Nun ja, das ist doch etwas übertrieben. Er staunt. Da sitzen also der Anderbär vom Feldberg, der Schatten seiner selbst und Herr Archibald Mahler in persona pelzis ursorum und betrachten sich gegenseitig. Wer war aber zuerst da? Wer ist überhaupt wer? Sind alle nur einer? Oder ist keiner, der der er sein könnte, wollte oder ist? War Mahler gar die ganze Zeit hier oben in Kiel gewesen, während er noch dachte zu reisen? Träumt er schon oder ist er noch wach oder andersrum? Der Bär, der nicht da war und trotzdem schon da ist. Immer schon war? Es noch werden muß, um zu sein? Das Buch? Diese Geschichte wollte er doch erzählen. Gemeinsam mit Herrn Albert. Für den Musentempel. Jetzt fällt es ihm ein. Er muß nach Hause. Mittelhessen. Sofort.

Man muß anmerken, daß der Herr Archibald Mahler sich noch immer im Zustand der Mittellosigkeit befindet, er eigentlich auf der Flucht und er sich zudem – hinten rum – in ein Hotel rein geschlichen hat. Und das in einer Zeit, wo das Reiche die Zäune immer höher zieht. Gefahr. Dann liegt da dieser Teppich. Es ist ein Original – Gebetsteppich. Der reisende Muselmane hat so was im Koffer. Erschrecken! Ist der Herr Albert jetzt ein Konvertit geworden? Weia! Aber hat man nicht schon in alten Geschichten gelesen, daß ein solcher Teppich manchmal ein Fluggerät sein kann? Einen Versuch ist das immer wert. Mahler nimmt Platz. Wie startet man so ein Ding? Gibt es einen Anlasser? Muß man einen Teppich volltanken? Und wenn, wo? Hat das Teil noch TÜV und wo ist die Plakette? Welcher Flugschein ist gültig und wer erteilt die Starterlaubnis? Da gibt es doch diese Zaubersprüche. „Allah ist groß, Allah ist mächtig ohne Hut!“ Nichts. „Mekka, Mokka, Magenbitter!“ Nichts. „Heil’ger Vorwerk, Deine Gnad’ ich erbitt’!“ Nichts. „Je suis Archibald!“ Der Teppich hebt ab. Und die Winde wehen von Nord gen Süden. Gute Reise, Bär! Wir warten!

kiel28

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A. Mahler macht sich selbstständig / Zumutung

Freitag, 30. Januar 2015 22:09

kiel20

„Moin Mahler, ich muß Sie leider verlassen. Schnellstens!“

„Warum? Und schade ist das auch. Warum nun?“

„Sie erinnern sich an unsere Schandtaten? Die Flucht?

„Verdrängt!“

„Das Blaulicht macht mir Angst! Schland vergisst nur eigene Schuld, niemals fremde!“

„Dann schnell weg!“

„Folgendes: ‘Es gibt eine tschetschenische Spruchweisheit: Spät geölte Gefühle weisen abgestandenes Wasser ab, und beide vermodern zu Erinnerungsjauche.’ Ich weiß, es ist aus allen Zusammenhängen gerissen, aber bedenkenswert.“

„Budnikowski, ich folge Ihnen gerne, jedoch gerade sind Sie sehr forsch im Tempo des Hirnens!“

„Ok. Eine Neuentdeckung. Rudolf Walther. Die erste.

„Aha! Heino und Nervsack Broder und Lena und das dicke Tenniskind in wenigen Absätzen gemeinsam verwurstet. Chapeau!“

„Und das noch: ‘Der Gesinnungstest, der da gefordert wird, hat Tradition im “Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten”, wie der Philosoph Ulrich Sonnemann (1912-1993) in einer Essaysammlung schon 1963 anmerkte. Zumutbar ist nach der neudeutschen Tugendlehre, dass der Angeklagte seine Unschuld und nicht der Kläger dessen Schuld belegen muss; zumutbar ist auch, dass sich der seines Glaubens Bestohlene für Taten entschuldigen soll, die Diebe im Namen seines missbrauchten Glaubens begingen. Der Geschlagene soll niederknien und öffentlich um Verzeihung und Vergebung bitten bei der in “pan-deutscher Gemeinsamkeit” (Sonnemann) nach Sündenböcken jagenden Koalition der guten, willigen und rechtgläubigen Abendland-Unionisten.’ Auch nett, aber aktueller.“

„Sie springen durch die Felder des Denkens, wie ich es nicht könnte mit meiner dicken Denkplautze und dem den Winterschlaf vermissenden Hirn! Der Walther jedoch mich interessiert! Aber die Zusammenhänge? Und wer ist dieser Sonnemann?“

„Das Buch ist geordert und liegt in Mittelhessen bald. Ich muß also heim. Und auch die Pelagia braucht meine Gesellschaft!“

„Und das Zitat?“

„Walther, die zweite!

„Wie reisen Sie gen Heimat?“

„Auf dem Rücken meines Pferdes!“

„Und ich im Schneegewitter verharrend in Einsamkeit, nicht wissend, wo das Hotel? Ist das nicht eine Zumutung?“

„Wollten Sie nicht selbstständig werden? Halten Sie die Augen auf! Man hat Ihnen in dieser Stadt schon ein Denkmal errichtet!“

„Hase, Du hast doch einen am Löffel. Hau ab!“

„Mahler: Seni seviyorum!“

„Budnikowski: Ben de seni seviyorum!“

„Bis bald!“

„Ich schicke Ihnen baldigst eine Postkarte! Und Sie mir bitte das Buch von diesem Sonnemann!“

„Das lesen wir gemeinsam zu Hause! Tschüß!

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A. Mahler macht sich selbstständig / Befreiung

Dienstag, 27. Januar 2015 18:00

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Dieses Boot kannte er doch. Kleiner zwar und von Zigarettenqualm umweht und nicht vom feuchtkalten Westsüdwest. Damals als er mit Herrn Albert hier oben so manche Kaschemme besucht hatte, da stand das Boot auf einem der Tresen, an den Zapfhahn angekettet und mit oben einem Schlitz drin. Vor wenigen Minuten noch schaukelte das Boot – und jetzt ordentlich viel größer – über die Förde Richtung Möltenort und fischte einen durchfrorenen weiß – gelblichen Hasen, der auf dem Rücken einer Robbe durch die kalten Fluten ritt, aus dem Wasser. Der Schiffsführer und erste Retter, der den am Ufer von Holtenau entschlossen und wild Richtung Ostufer gestikulierenden Archibald Mahler an Bord genommen hatte, stoppte die Maschine, belohnte die Helferrobbe mit einem Sixpack Heringe. Und Mahler so wie Budnikowski wurden an Land gesetzt, nicht ohne sie mit den notwendig üblichen Belehrungen und Warnungen zu versehen. Besser ist das.

Die Langeweile sei es gewesen, die den Kuno von Lippstadt – Budnikowski diese nicht ungefährliche Reise antreten ließ. Mahler flüstert dem heftig nachbibbernden Gefährten eine Geschichte ins Ohr, genauer gesagt einen Essay. Den Essay aus  seinem liebsten Nachttischbuch, aus dem ihn der Herr Albert in letzter Zeit öfters vorgelesen hatte, wenn die Nächte mal wieder wacher waren, als sie sein sollten.

Eine Reise in die Langeweile

Robert Musil in ‘Grigia’: „Es gibt im Leben eine Zeit, wo es sich auffallend verlangsamt, als zögere es weiterzugehen oder wollte seine Richtung ändern. Es mag sein, daß einem in dieser Zeit leichter ein Unglück zustößt.“

Ja. Ein Jahr ist so kurz, und eine Stunde kann sehr viel länger sein. Wie in der Schule die Physikstunden nie enden wollten und die Turnstunden mit den hellweißen Bällen beim Volleyball so schnell wegflogen. Aber nicht nur für das einzelne Leben gilt das, sondern auch für eine ganze Gesellschaft. Die große Leere wird panisch mit großer Aktivität – Reisen, Sektierertum, Radikalisierung – gefüllt.

Musil schrieb seinen Satz im Rückblick auf den Ersten Weltkrieg und in der Ahnung eines kommenden. Ich erinnere mich an die Bilder vom Kriegsausbruch: Rowdies, die endlich ihre Langeweile loszuwerden glaubten, indem sie auf andere trampelten.

Wichtig wäre es, mit der Langeweile im eigenen und im kollektiven Leben umgehen zu lernen, die scheinbare oder wirkliche Bewegungslosigkeit nicht mit erfundenen Aktivitäten und Betriebsamkeit vollzustopfen. Einmal nicht zu reisen, sondern die Landschaft vor dem Fenster oder die Landschaft des eigenen Lebens auf sich zukommen zu lassen

(Ilse Aichinger)

Und während der Bär in ein Gegenüberohr wisperte, der Hase nickend zuhörte und beide ordentlich Hunger bekamen, dachte Mahler darüber nach, ob er nicht eben mit sich selbst spräche. Möglich ist das. Dann lief man los und entdeckte im Hafen von Möltenort den alten Kahn.

„Budnikowski, lassen sie uns den Bauch dieses Kahns betreten und nachsinnen!“

„Gerne folge ich Ihnen, Mahler. Und des weiteren denke ich, daß am heutigen Tage das ganze Schländle die Arbeit niederlegen und nachsinnen sollte!“

„Gewiß! Und das auch noch die nächsten siebzig Jahre!“

„Sagen wir hundertsiebzig! Und zwar bei vollem Lohnverzicht!“

„Auch dies schadet nicht!“

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A. Mahler macht sich selbstständig / Aufräumen

Dienstag, 20. Januar 2015 18:39

kiel08

Da sitzt Archibald Mahler am Rande des Kleinen Kiel. Er will aufräumen. Im Gedankenschrank. Das junge Jahr trägt schon jetzt schreckliche Augenringe. Müll türmt sich auf schlammiger Wiese. Zeigefinger strecken sich in die Luft und bohren sich mit wachsender Freunde oder Ratlosigkeit in die Augen der Gegenüber. Aufgeräumt werden sollte. Erst der Gedankenschrank. Die Welt wird warten. Mahler hört, wie man im hiesigen Radio ein altes Gedicht verliest. Bedenkenswert!

Kriegslied

‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg!

O Gottes Engel wehre,

Und rede Du darein!

‘s ist leider Krieg –

und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen

Und blutig, bleich und blaß,

Die Geister der Erschlagenen zu mir kämen,

Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,

Verstümmelt und halb tot

Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten

In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,

So glücklich vor dem Krieg,

Nun alle elend, alle arme Leute,

Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten

Freund, Freund und Feind ins Grab

Versammelten und mir zu Ehren krähten

Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?

Die könnten mich nicht freun!

‘s ist leider Krieg – und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein!

(Matthias Claudius)

Derweilen sendet Kuno von Lippstadt – Budnikowski eine Botschaft mit der Post.

Kuno

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A. Mahler macht sich selbstständig / Versuch 4

Samstag, 10. Januar 2015 19:45

kiel04

Das Photo da oben. Die letzten 72 Stunden auch. Als hätte Archibald Mahler einen Plan gehabt. Das Photo aber war schon geschossen gewesen. Geschossen? Geschossen! Das Photo da oben wurde geschossen. Geschossen schon vor mindestens zweihundert Stunden. Geschossen, als man begann vor 72 Stunden 72 Stunden lang zu schießen, zu schießen und zu schießen. Der Schuß des Photos war nicht geplant, er erfolgte vor – schon gesagt – vor mindestens zweihundert Stunden. Die Schüsse der letzten zweiundsiebzig Stunden waren sicherlich geplanter und wann die Stunde ihrer Geburt? Wann? Mein Gott! Seit Oh Jahwe, Oh Buddha, Oh Allah und Oh Hanuman, du Gott aller Affen! Die Tempel, ach, die elenden Tempel! Was war noch der PLAN des Herrn Archibald Mahler gewesen?

Archibald Mahler ist ein Bär und Solitär und kein Aufrechtgeher und demnach muß er jetzt keinen Kommentar abgeben. Er will lediglich nach Kiel die Tage. Das gibt es Ratsherrn – Pils. Und Fischbrötchen. Er will da hoch, obwohl es stürmt, Bäume umfallen und die Züge nicht fahren. Fähren schon gar nicht. Und die See da „kocht“ ab Stärke 11. Die Welt kocht eh und seit 72 Stunden mal wieder ganz besonders hoch. Also kein Kommentar. Nur ein Gedanke, bevor der Bär, der sich von Kugeln nichts anhaben lassen will, einen nächsten Aufbruch wagen mag, will und muß. Ach so, fast vergessen: das Photo. Wegen dem Buch hier. Jetzt beim dritten Betrachten: Wie schwer das Buch auf dem Schoß des Bären lastet!! Weia!!

Zurück zum Gedanken! Was ist die Plage? Die Dauerbeleidigten? “Ich bin das Opfer. Für immer und ewig!” Eventuell. Der ewig zu kurz Gekommene, wie er meint? Oh, trauriger Determinismus. Ist eventuell nicht die Religion der große Stolperstein, sondern das Geschlecht? Der dauerbeleidigte Mann gar? Die Ehre? Vielleicht! Mahler denkt nur mal und mahler nach. Die Wut rammt das Messer in die Brust des Gegenüber. Der Haß schießt in den Rücken. Vielleicht ist es so. Archibald Mahler aber will keine Antwort. Wo gibt es die auch zu kaufen, wohlfeil und so gelungen – geklungen, um damit auch noch Geld zu verdienen? Seine kleine Sehnsucht erbittet Schweigen. Ante Portas jedoch rauschen die Kaskaden der Experten durch den Äther, die Bächlein der Expertenbezweifler antworten. Archibald Mahler würde jetzt gerne einen Bleistift in die Luft halten. In Paris. Aber er ist nur ein kleiner Tastaturbär. Sonst nichts. Doch er wird bald aufbrechen. Heute nicht. Morgen gewiß. Was soll man tun? Der Beginn der Reise verzögert sich ein drittes Mal. Und solange spricht Herr Archibald Mahler ein kleines Mantra vor sich hin: „Allah ist groß. Allah ist mächtig. Ohne Hut ist er ein Meter sechzig. Und nicht nur der.“ Und denkt dann, daß Charlie Brown, der seinen Kopf trauernd in seine Hände stützt, eine gute, angenehm angemessene Antwort ist. Eine erste.

Thema: Anregende Buchstaben, Aufbrüche 2015, De re publica | Kommentare deaktiviert | Autor: Christian Lugerth

A. Mahler macht sich selbstständig / Versuch 3

Donnerstag, 8. Januar 2015 19:34

kiel03

Hat man die Chance gleich vier Männern eine Frage stellen zu dürfen, könnte es eine Antwort geben. Das denkt Archibald Mahler, der zweimal schon den Aufbruch wagte und dennoch keinen Schritt nach vorne tat, was heißt gen Norden, was ihn aber nicht wirklich entmutigte. (OK! Stand heute und jetzt am Abend eben!) Jedoch das Bedenkenswerte, also das Bemerkenswerte am Bedenkenswertem, ist daß diese vier Männer – Abbild sowieso und nicht mehr – einer sind nur. Der Herr Buchhalter Pessoa – das ist der kleine sitzende schwarze Mann vorne – lebte ein ganzes Leben in Lissabon in Portugal und blieb dort, tat sein Tagwerk und reiste nie. Ein ganzes langes Leben lang pendelte er täglich gewissenhaft zwischen Einraumwohnung und Kontor hin und her. Abends dann, an der heimischen Schreibmaschine, spaltete er sich auf oder ab und dann saßen die Herren Alvaro do Campos (der Grüne?), Alberto Caito (in der Mitte und anthrazit!) und Ricardo Reis (der Blaue rechts dann wohl!) vor, hinter und neben Fernando Pessoa und durchreisten im Auftrag ihres Schöpfers alle inneren und äußeren Welten des Erdballs. Und dies kann der Portugiese: – zumindest tat er es Jahrhunderte lang – die Meere besegeln und etliche Welten entdecken. Aber irgendwann kam die Zeit, da segelte er müde und geschlagen in seine kleines Land zurück, kehrte indigniert Resteuropa seinen Rücken zu, blickte hinaus auf Tejo und Atlantik und reiste nur noch im Kopf durch die Länder seiner Sehnsucht, während herrlich traurige Lieder wie heimatlose Möwen ihn umschwirrten.

Letztes Jahr hatte der ehrenwerte Herr Ernst Albert im Musentempel Mittelhessen ein Theaterstück bearbeitet, welches eine alte Geschichte aus Lissabon erzählte und der Bär hört heute noch diese traurig – lebensfrohen Lieder, die damals Tag und Nacht die Höhle in der Kleinen Häßlichen Stadt durchwehten. So schön. Sind Bären nicht auch an Land gesetzte Seefahrer ohne eigenes Schiff? Ist Archibald Mahler nicht ein Portugiese, eigentlich? So denkt er gerade mal und bleibt hocken, weil die Heizung so wohltuend blubbert und für das Wochenende oben an der Küste fürchterliche Orkane, Sturmfluten und umfallende Bäume angesagt sind. Ich bleibe hier, sagt er sich, und lasse wie der Meister Pessoa Abspaltungen meiner Eigenheit durch die Welt tappern. Wie könnten die dann heißen? Otto Pasulke? Karl – Heinz Hoppenstedt? Jeremias Heinrich?

„Ich höre?“ Kiel hatte angerufen. „Bär! Willst Du nur von Fischbrötchen quatschen oder sie wirklich kauen? Bär! Willst Du Dich in Aufrechtgeherbadezimmern lauwarm föhnen oder willst Du in Strande die feuchte Wucht eines Sturmes auf Deinem Pelz spüren? Bär! Weißt Du noch wie die Möwen kreischten? In Laboe! Und Deine Angst damals?“ Archibald Mahler legt auf. Er will nachdenken. Er hat immer noch keine ordentliches Reisebudget zur Verfügung. Möglichkeiten? Im überdachten Mittelhessen bleiben? Das beheizte Mittelleid kultivieren? Mittelmäßig verharren oder wilder Aufbruch, einen Taxifahrer als Geisel nehmen, als blinder Passagier über regennasse Autobahnen hoch und weiter? Was schrieb Stendhal? „Die Welt ist gleichsam ein Buch, von dem man nur die erste Seite gelesen hat, wenn man nichts als seine Heimat kennt?“ Und was schrieb Ilse Aichinger? „Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen. Das fiel mir schon ziemlich früh auf. Die unglaubliche Sprachlosigkeit Gesellschafts – oder auch Einzelreisender. (…) Dann gibt es Lichtbildervorträge. ‘Hier siehst Du mich! ‘ – aber wen sieht man, zwischen Eisbergen oder an Dattelpalmen gelehnt? Wieder nur sich selbst!“ Der Beginn der Reise verzögert sich ein drittes Mal.

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A. Mahler macht sich selbstständig / Versuch 2

Dienstag, 6. Januar 2015 16:48

kiel02

Das ist also das Buch. Das Buch ist ein schönes Buch. Ein wunderbares Buch. Das hatte der Herr Budnikowski gelegentlich schon erwähnt gehabt, aber jetzt hat der Mahler mehr als nur rein geschnuppert und ist froh. Wer solche Bücher geschenkt bekommt, ist vielleicht ein netter Bär. Vielleicht! Schon der Anfang des Buches! „Es war einmal ein Juckreiz!“ Und aus dem Juckreiz erwächst ein Bär. Und der bricht auf und begegnet Blumen und der Stille, trifft den Saumseligen Salamander, den Vorletzten Vorzeige – Pinguin und viele andere, steht vor dem Kompass – Baum, reitet auf einem Schildkröten – Taxi durch den Wald, in dem sich alle verirren und kommt an bei dem Bär, der er sein sollte und wahrscheinlich sogar ist. Vielleicht!

Archibald Mahler ist begeistert. Aber die Begeisterung bringt ihn keinen Schritt weiter, keinen Zentimeter nach vorne, bringt ihn nicht vor den salzigen Wind da oben, nicht an das Ufer, wo der weite Blick über die Ostsee schweift und selbstredend schiebt die Begeisterung ihm kein Fischbrötchen zwischen die hungrigen Zähne. Das ersehnte Gekreische der Möwen hallt lediglich durch die Vorzimmer seiner Erinnerung. Hilft alles nicht und keiner sowieso. Warum? Ganz simpel. Der Bär, der nicht da war, also der Genosse Pelz aus dem wunderbaren Buch, ist zwar inzwischen angekommen oder endlich und überhaupt, aber Mahler, ein anderer Bär, der noch nicht da ist, hat noch den Weg vor sich und nur weil der eine Bär kann der andere Bär noch lange nicht und der Anderbär vom Feldberg ist noch ein Thema auf dem Weg. Zusammenfassung: Der Mahler muß alleine da hoch reisen. Eine weitere schmerzliche Erkenntnis! Archibald Mahler bleibt erstmal auf seinem Pöter sitzen. „Wie komme ich nach Kiel?“ Da liegt noch ein Buch. Vorne auf dem Buch sind vier Männer drauf. Auf dem Deckel! Einer der vier muß doch einen guten Tipp parat haben, denkt der Bär und singt sich ein Mutmachlied zur Reise. Aber dann wird es schon wieder dunkel. Der Bär bereut eine lange Sekunde lang – eine knappe Sekunde lang – daß er dieses Jahr auf den Winterschlaf verzichtet. Ein kleines Nickerchen aber? Der Beginn der Reise verzögert sich ein zweites Mal.

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