Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 022

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Guten Tag!

Heute bin ich alleine. Also nur ich. Früher mochte ich das sehr gerne. Das Alleinesein. Dasitzen. Und aufs Wasser gucken. Lachse fangen. Und dann nachsinnen. Oder Buchstaben sortieren. Und die dann in den Gedankenschrank packen. Das übliche solitäre Dasein eben. Heute wird mir alleine manchmal bange. Also bange vor mir selber. Man braucht schon jemanden an seiner Seite. Früher habe ich da gerne mal entschieden den Kopp geschüttelt, wenn wer fragte, ob ich jemanden brauche. Jetzt ist das anders. Das macht halt die Zeit mit einem. Zwar möchte ich immer noch jedem Aufrechtgeher oder Sonstsowesen, die mir mit dem dämlichen Spruch „Die ZEIT heilt alle Wunden!“ kommen, beherzt in die Wade beißen oder dem Sprücheklopfer einen Haufen vor die Haustür setzen – das machen Bären halt so, um ihr Revier zu markieren – aber so ist es jetzt halt nicht mehr und ich beginne zumindest in Betracht zu ziehen, daß auch ein anderer als Archibald Mahler recht haben könnte. Wie gesagt: könnte heißt nicht kann. So schnell hüpft keiner aus seinem Fell. Gell! Vielleicht ist es auch das Alter, obwohl man behauptet wir, also solche Bären wie ich, seien alters -, zeit- und sonstwielos. Jedenfalls fehlt mir heute mein guter Budnikowski. Aber ich ließ ihn allein. Nein. Ich habe ihn nicht verlassen. Könnte ich gar nicht. Weil auch Solitäre sind tief drinnen im Gedärm treue Seelenhasen. Man kann es halt nicht immer so zeigen. Blöd wie man ist. Also ich habe dem Hasen Zeit gegeben, die er sich nahm. Ohne mich zu fragen. Wie auch immer. Der Budnikowski hat seit gestern Nacht ein wenig Pöhlerleiden. Und er hatte doch schon ein großes Poem im Kopf. Wegen dem Streich. Und jetzt ist halt alles anders oder so. Muß er sich eben sortieren. Braucht seine Zeit. Oder wie ich einwerfen mag, vor der Zeit ist nach der Zeit und wegschmeißen ist oft doof, aber manchmal nötig. Was wollte ich eigentlich sagen? Ist auch wurscht wie Hose. Einen Reim muß ich noch machen.

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Ich drehte mich um

Hinter meinem Rücken Wuchs

Ich erwarte nichts

*

Schönen Sonntag noch

Ergebenst Ihr Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 021

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„Und dies wäre nun unsere Aufgabe? Diesen Acker befeldern?“

„Befürchte es. Sogar, obwohl das Photo geschönt wurde.“

„Woher wissen Sie das, Mahler?“

„Wir kennen doch den Ehrenwerten Herrn Ernst Albert. Und seine große Freude daran zu manipulieren!“

„Entziehen Sie bitte Ihrer Äußerung die Negativität. Manipulieren heißt nichts anderes als Hand anzulegen. Falls ich die Griechen recht verstanden habe.“

„Entschuldigung, Herr Budnikowski, ähem …“

„Schlechter Versuch schlechten Humoreinwurfes! Aber Sie haben recht. Vertrauen wir darauf, daß Mutter Erde und die Elemente alle und generell, das was unter unseren Pöter noch nicht mal schlummert, baldigst wachküssen mögen!“

„Bei mir kitzelt es schon!“

„Darf ich zweifeln?“

„Darf ich reimen?“

„Sie müssen, liebster Mahler!“

„Budnikowski! Ranzen Sie sich bitte nicht so unverschämt an mich ran!“

„Äh! Darf ich noch was sagen wegen Pöhlerei?“

„Große Güte! Heute fällt das Niveau aber schnell. Schneller als der Nebel zu London!“

„Eben! Die vereinten Westschinken aus der Stadt, wo der jüngste Leimener aller Zeiten eingebuchtet ist, sollen heute bitte verlieren.“

„Budnikowski! Ich warne entschieden! Wir verirren uns!“

„Ja! Sie haben recht! Ab morgen wieder japanische Fassung unserer selbst. Her mit dem Reim!“

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„der winter nahm mir

letzte kartoffeln barg ich

den vollen keller

*

wir werden warten müssen

bis neigen sich die halme

*

es schreit ein milan

da! wolken über dem kopf

küsse den himmel

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 020

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„Uff!“

„Mehr Buchstaben benötige ich heute auch nicht!“

„Da haben wir uns mal wieder was vorgenommen!“

„Müssen wir die Kartoffeln ausbrüten?“

„Wahrscheinlich jede einzelne!“

„Ich wollt ich wär‘ ein Huhn, Mahler!“

„Sie sind Hase und Ihre Eroberung der Eierwelt war mir eh schon immer suspekt!“

„Herr Bär! Diese bescheuerte Eierauslieferungspflicht haben mir irgendwelche Aufrechtgeher an die Löffel gepappt!“

„Wehren Sie sich!“

„Mahler! Wir befinden uns in diesen Minuten auf niedrigem Niveau. Halten Sie Reime noch für möglich?“

„Ich zweifle so beherzt daran wie Sie!“

„Und wenn wir einfach mal nichts tun?“

„Budnikowski. Da fällt mir was ein. Oder um!“

„Her damit!“

*

„nichts

nichts tun

das nichts

das tun des nichts

tu das nicht

das nicht

aber

später

wenn der nebel

tee geworden

trink ihn aus in ruhe“

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 019

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„Mahler, da haben wir den Salat!“

„Budnikowski? Wie meinen?“

„Wir spiegeln uns!“

„Wer in den Teich blickt!“

„Machen Sie sich keine Sorgen?“

„Sie meinen?“

„Na ja! Man verweilt länger und verliebt sich in das, was sich einem entgegenspiegelt!“

„Das, Budnikowski, hatte ich befürchtet!“

„Das Verweilen? Das Spiegeln? Das sich verlieben?“

„Mahler! Ich mache keine Vorwürfe!“

„Ich weiß, bester Freund und Budnikowski. Das Narzißgemütlein ist eine eitle Blüte, aber dieses Wasser unter uns wird man nutzen müssen. Denken wir an die schlummernden Samen!“

„Sie und Ihre Äußerungen machten mich in den letzten Tagen hin und wieder traurig!“

„Ich weiß! Aber die ein oder andere Träne, wie wir gestern bemerkten, würzt jegliches Gießwasser! Düngt vielleicht sogar, was wachsen mag in diesem Sommer!“

„Und was tun wir nun?“

„Dichten Sie einen Vers, der ihre und die meinen Schleusen öffnen mag!“

„Ham‘ Sie noch alle?“

„Budnikowski, überraschen Sie mich!“

*

„nach fest kommt lose

das gewinde schreit auf laut

das bild fällt hinab“

*

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Nachbemerkung: Und des Bären Schleusen öffneten sich. Gewaltiger als befürchtet. Hätte er den Hasen in seiner tiefen Aufwallung umarmt, hätte der Hase auch noch angefangen Tränen ins Gießwasser zu schütten. Dann fing es an zu regnen. Besser so. Ist der Mai zu trocken, wir die Ernte halt verbocken. Oder so ähnlich. Sagt man das so? Vielleicht. Morgen aber endlich an die Arbeit. Na ja!

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 018

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„Und jetzt schweres Gerät einsetzen? Was sagen Sie, Mahler?“

„Weshalb?“

„Na ja, die ganzen Steine im Acker!“

„Budnikowski, ich befürchte je schwerer das Gerät, welches wir einsetzen, desto größer die Anzahl der Steine, die wir noch nach oben befördern werden. Manche Steine fühlen sich wohler in der Unsichtbarkeit. Sollen sie doch!“

„Aber der Acker steinfrei, ist das nicht erstrebenswertes Ziel? Falls ich Sie zitieren darf?“

„Irgendwann schon. Die Betonung liegt auf irgendwann. Doch versuche ich eben von Ihro Geduldigkeit zu lernen.“

„Hä?“

„Nun denn. Wir wissen doch nicht wie viele Samen aus den letzten Jahren noch rumliegen im Feld. Und was da plötzlich alles aufploppt. Oder, wünschen wir es uns auch noch so sehr, einfach stille bleibt und nicht keimen will. Wir sollten vielleicht nur die Fingerspitzen benutzen! Das schwere Gerät fördert vielleicht Dinge noch oben, die wir so nicht sehen wollen! Aber, es gibt Samen, welche um Steine herum nach oben ranken können. Und es wollen.“

„Könnten Sie Recht haben. Aber Fingerspitzen? Haben wir Viecher nicht! Halt nur Pfoten!“

„Verzeihung, Meister Budnikowski, auch Ihnen ist das Metaphorische nicht gänzlich fremd!“

„Ah, der alte Moralbär Mahler haut wieder einen raus! Was tun?“

„Wichtig ist, daß es regnet!“

„Zur Not auch zwei bis drei Tränen?“

„Wenn es dem Wachstum dient!“

„Mahler? Wer reimt?“

„Der, der blöd fragt!“

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„blühender kirschbaum

wir tanzen unter blüten

die amsel erntet“

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 017 / Heute notwendige Abweichung und kein Reim

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„Mahler! Sie knirschen mit den Zähnen! Was ist!“

„Heute keine Reime!“

„Was dann?“

„Budnikowski, mein Hase im kalten Maiwind, eine kleine Erzählung!“

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Ein Bär und ein Hase saßen am ersten Mai, nackten Pöters, auf kalter Erde, die frisch umgepflügt. Ein kühler Ostwind kämmte ihnen das Fell. Man konnte, wenn man denn wollte, selbst in diesen Tagen der Untergänge, ein Wachsen ahnen. Unter sich. Der Hase, geringer an Gewicht und Alter denn der Bär, erwog die Flucht. Nicht nur genetisch bedingt, sondern aus Überzeugung. Der Himmel wölbte sich grau und schwer über den beiden Feldbesitzern. Im Bären rumorte es heute. Der erste Mai. Dieser Tag, der so vielen, denen das Alter schon am ergrauten Zopf zieht, stets ein kleines Ritual der Hoffnung auf gemeinsame Kräfte, Triebe und Erwartungen war, stand in diesen Zeiten seltsam unentschlossen in der Gegend rum. Was einen Bären ärgern kann. Gelegentlich. Na ja. Eigentlich stets. Die Samen seien gesät, ruhten in der Erde und die Erwartung in seinen Eingeweiden blähte so vor sich hin. Und nichts geschah. So sprang er auf und schrie der Scholle entgegen: Heraus zum ersten Mai! Heraus! Mutter Erde zuckte noch nicht einmal mit der Schulter. Auf der Schulter des Bären aber ruhte die kleine, feingliedrige Pfote des Hasen. Druck, bester Bär, Druck, nein, das ist Ihro Abwartigkeit doch nicht angemessen und fremd. Auch ich friere, alter Freund. Lassen Sie uns zuerst die Steine aus diesem Acker lesen und zur Seite räumen. Damit haben wir genug zu tun. Der Bär, dem es stets schwergefallen war, dem Hasen den Vortritt zu gewähren, nickte. Selbstverständlich so, daß es der Hase nicht sehen konnte.

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