Ein Leben ohne Peng! / Teil Sechs / Dritte Antwort

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Den Budnikowski erfasste Vertigo. Ein Schwindel. Oder der Schwindel. Er hatte des Bären Antwort erhalten und sah ihn nun sitzen. Da. Wo? Er ahnte. Zu den Füßen eines kleinen Baumes sitzt der Mahler. Zu den Wurzeln eines kleinen Baumes, nun wieder auf dem Pöter, sitzt der Bär, zu den, am Fuße des kleinen Baumes wurzelnden, Füßen, an den kleinen Baum gelehnt, der in diesem Lande niemals wird tragen eine Frucht, außer in sentimental verlogener Rückschau eventuell. In Budnikowski reimte ein Poem, welches er vor wenigen Tagen, geschuldet seiner bärenfreien Langeweile, auswendig lernte. Wer macht so etwas schon dieser Tage noch. Er rezitiert und denkt so vor sich hin:

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Der Pflaumenbaum

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Im Hofe steht ein Pflaumenbaum
Der ist klein, man glaubt es kaum.
Er hat ein Gitter drum
So tritt ihn keiner um.

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Der Kleine kann nicht größer wer’n.
Ja größer wer’n, das möcht er gern.
’s ist keine Red davon
Er hat zu wenig Sonn.

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Den Pflaumenbaum glaubt man ihm kaum
Weil er nie eine Pflaume hat
Doch er ist ein Pflaumenbaum
Man kennt es an dem Blatt.

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(Bertolt Brecht / 1934)

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So dachte er also nach und entschied sich für eine neuerliche Antwort an den Mahler.

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Yassu, bester Mahlerios!

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Ich vermute, ich kann Sie erblicken. Von hier und von da. Da wo ich bin, also ich. Ein wenig bewegen muß und kann ich mich dann schon auch. Den Blick schärfen und dann wird gesehen. Mir schwindelt. Oder haben Sie etwa geschwindelt? Ist Ihr Foto und sind die Oliven von (K)einer (I)ntelligenz produziert? Man wird ja immer furchtsamer dieser Tage. Ich stehe nun auf und begebe mich ans Fenster. Nach hinten. Gaanz laangsaam. Da auch ich dieser Tage gerne an unsere Hellasereien erinnere: Treffen wir uns einfach dort.

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S’agapo, mein bester Bär

Ihr Haselaos Budnikomnos

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Ein Leben ohne Peng! / Teil Fünf / Drittes Schreiben

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Archibald Mahler sitzt wieder auf seinem Pöter. Macht darum kein großes Bohei. Es geschah. Wie? Warum? Woher? Jetzt sitzt er draußen. Es ist unerquicklich heiß und in der Luft dräut ein Gewitter, was leider meist um die kleine häßliche Stadt in Mittelhessen einen Bogen macht. Schade eigentlich. Zurück zu Mahler. Wie? Warum? Woher? Es wird sich schon weisen. Erstmal muß sich der Bär bedanken und schreiben dem Budnikowski. Inklusive eventuell notwendiger Entschuldigung, weil man sich einfach so vom Acker machte. Man mag ja nicht versinken im Selbstmitleid, wie es dem Aufrechtgeher gerne behagt. Was hatte der Geist, bevor er den letzten Brief des Budnikowski verlesen hatte, noch geflüstert?  „Und nur nichts dramatisieren, hier und jetzt, das Drama, es ist da, es läuft längst ab, Schritt für Schritt, von vornherein.“ Sagte er. Der Geist.

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Sehr geehrter Meister Budnikowski!

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Erstmal gilt es mich zu entschuldigen, konnte ich doch Ihre äußerst kompetente und weitgefasste Nachricht nicht so recht würdigen, stand ich doch noch auf dem Kopp und latsche auf meinen Ohren rum. Aber ein Geist – er stellte sich als ein Peter Handke vor – las mir vor, was sie verfasst hatten. Für mich als seit Bärengedenken analoger Leseursus etwas gewöhnungsbedürftig, habe ich doch die meiner Langsamkeit geschuldete Angewohnheit jeden Satz zwei- bis dreimal wiederkäuend zu lesen. Jedoch, dies will ich nicht unerwähnt lassen, ausreichend Erhellung trat ein beim Hören Ihrer Worte. Dafür danke ich sehr. Ich schicke meine Antwort Ihnen per Post und spreche sie aber auch ganz laut in die heiße Luft. Vielleicht können Sie das hören. Irgendwie und irgendwo. Zur Not irgendwann. Und auch wenn ich mich wiederhole: Wir müssen uns wieder treffen. Denke in letzter Zeit öfters an Hellas und des Odysseus Spuren in unseren einstigen Erörterungen.

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Yassu und Adios

Ihr Archilleos Mahlerios

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Ein Leben ohne Peng! / Teil Vier / Zweite Antwort

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Der Budnikowski ist nicht doof. Er weiß zwar auch nicht, wo der Mahler auf dem Kopf rumsteht oder seinen Ohren, aber antworten will er doch. Auch auf das zweite Schreiben des Bären. Und wenn der Bär nicht lesen kann, dann muß er eben hören. Unten eine Abschrift der Sprachnachricht, die der Kuno versandt. Sprachnachricht, weil er halt nicht doof ist.

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Lieber Herr Andersrumbär Mahler!

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Ein paar Worte, die unlängst aufgeschlagen auf dem Küchentisch lagen. Passt irgendwie wie Faust auf Goethes Auge. Hören Sie selbst!

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Tyche

(aus „Laubgehölz im November“ von Uwe Grüning)

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„Alle glücklichen Familien gleichen einander, unglücklich ist jede auf ihre Art.“

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Glück scheidet nicht; eine Scheidemünze ist erst das Unglück. Das grelle Licht blendet, doch auch der Schatten verbirgt uns die Bilder, lässt Konturen verblassen, taucht in ein unterschiedsloses Dunkel, was zuvor ununterscheidbar in der spiegelnden Helle lag. Wenn uns das Glück verläßt, hören wir auf, blind zu sein, aber unser Sehendwerden erweist sich oft nur als eine andere Art von Blindheit. Wir wissen, daß das Glück im Schöpfungsplan keinen Ort hat. Aber so sicher wissen wir es wiederum nicht.

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Wer sagt, daß es ihm schwerfalle, nicht glücklich zu sein? Goethe war es nicht. Kaum sechs Wochen schenkt er von seinem Leben dem Glück. Sprach der Altgewordne die Wahrheit, oder schaute er in den Zauberspiegel des Unglücklichseins, der uns allzu leicht die glücklichen Stunden vergessen läßt, der uns nur zeigt, was wir sind, nicht aber, was wir glauben.

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Der Geist der Resignation offenbart uns die Kindheit und Jugend als unbeschattete Orte des Glücks; und wir erinnern uns nicht mehr, daß es solche Orte nie gab.

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Alle Überlieferungen beginnen mit einem goldenen Zeitalter. Wäre Leben demnach nur ein Verlust und das Glück der Garten Eden, aus dem wir vertrieben sind? Warten wir, in die Hölle halber Erkenntnis gelangt, auf den Abend? Denn der Minerva Eulen fliegen erst in der Dämmerung – oder ist Glück nicht dort, wo wir es suchen: in der ereignislosen Beständigkeit?

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So, Mahler, vielleicht liest einer Ihrer Geister Ihnen die Worte vor. Kurz noch zur Erläuterung: Tyche ist die griechische Schicksalsgöttin. Bei den alten Römern wäre das die Fortuna. Minerva wiederum ist die römische Göttin der Weisheit und des Handwerks, wohlgemerkt nicht die Göttin der Weisheit und der Schwätzer. Im alten Athen wäre dies – sic! – Athene. Und die Eulen der Minerva, also auch die Athenes, waren Vögel der Klugheit, aber auch Boten des Unglücks. Wie es eben so ist.

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Bleibt mir zu grüßen in der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen.

Ihr Budnikowski

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Ein Leben ohne Peng! / Teil Drei / Zweites Schreiben

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Archibald Mahler steht Kopf. Warum und vor allem wo, wir wissen es nicht. Vielleicht gibt uns folgendes Antwortschreiben an den Herrn Budnikowski einen Hinweis. Wir werden sehen und bleiben geduldig.

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Mein lieber Budnikowski!

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Man hat mir Ihr prompt erfolgtes Antwortschreiben übergeben. Aber wie Sie sehen, kann ich es momentan nicht lesen, was natürlich heißt, daß Sie dies nicht sehen können, da ich zum einen in ferner Ferne und Sie, wie ich auch, in kompletter Unkenntnis bezüglich meines derzeitigen Aufenthaltes. Ein guter Geist, ja, denke ich, Geister sind es wohl, die mich umtanzen in diesem Raum, sei es Anstalt, sei es Traumzimmerflucht, hoffentlich einer der Geister, der nicht nur das Gute will und beschreibt, sondern auch tut, handelt, jener stellte mich auf den Kopp, hatte ich doch geklagt, die Welt liefe herum auf ihren Ohren statt auf dem Fuße und der Geist teilte mir mit, nun solle ich solange auf meinen Ohren herumstehen bis es mir aus selbigen rauskomme. Vielleicht könne ich, wer immer dies auch ist, so gewisse posttomatische Verknitterungsstörungen, die sich meist eh als narzisstische Chimären herausstellen, in die Flucht jagen. Verzeihen Sie mir mein laienhaftes medizinisches Fachbärisch! Aber der Kopfstand scheint mir gut zu tun. Das Blut rauscht zurück in den Denkkasten und solang nicht der rote Nebel vor meinen umgekehrten Augen wabert, gibt es keinen Grund diese Übung abzubrechen, zumal ich kein Aufrechtgeher bin, dem der rote Nebel Lebenselixier ist. Oder wie der gescheite Aufrechtgeher Peter Sloterdijk schrieb: „Es geht vielen nicht mehr um ein gutes Leben, sondern darum den eigenen Haß loszuwerden.“ Ich halte Sie auf dem Laufenden .. äh .. dem Kopfstand der Dinge.

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Freue mich immer über eine Antwort

Herzlichst Ihr

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Ein Leben ohne Peng! / Teil Zwei / Erste Antwort

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Da hielt nun der Budnikowski des Bären Nachricht in den Pfoten. Er hatte sich nicht wirklich riesige Sorgen gemacht. Er kennt seinen alten Kumpanen und Nachdenkbären gut genug, um zu wissen, daß dieser immer wieder seine Rückzüge benötigt. Ein wortloses Hinausblicken und ein aufmerksames in sich Hineinhorchen sind dem Mahler Lebenselixier. Vermisst hat er ihn dennoch. Und freut sich also antworten zu dürfen. Lesen wir rein.

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Teuer äh treuer äh teurer Mahler!

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Da sind Sie ja wieder. Man hat mir Ihr Schreiben übergeben. Selbstredend, Sie Kokettier, können Sie mit Antwort rechnen. Ich hoffe Ihnen helfen zu können in Sachen Selbstentdeckung und momentanen Aufenhaltsort. Wo Sie sich befinden, ist auch mir momentan noch vollkommen unbekannt. Was ich erinnere ist, wie Sie am Ende unserer letzten gemeinsamen Wanderung die Hand des verehrten Geheimrates berührten. Und plötzlich begannen Sie in Zungen zu reden. Mir schien Sie machten sich selbst fürchterliche Vorwürfe. Sie seien faul geworden, zu faul, hörten nicht mehr auf Ihre innere Stimme, Zeit wäre es, höchste Zeit einiges auf die Füße zu stellen, was dieser Tage auf seinen Ohren durch die Welt laufe. Dann waren Sie fort. Erst dachte ich eine Faust hätte Sie ergriffen und hinaus ins Grüne geschleudert, aber dann sah ich doch, wie Sie von dannen tapperten, Ihr ehemals Abbes Bein hinter sich herschleifend und hörte Sie noch rufen in der Ferne: „Nachdenken muß ich! Nachdenken!!!“ Und da ich Sie nun lang genug kenne, dachte ich mir: „Laß Ihn ziehen den Denkbären und mach Dir keine Sorgen!“ Lieber Mahler, sollten Sie sich, worum ich herzlichst bitte, nochmals melden, lese ich Ihnen was vor. Auch über den Geheimrat. Und verlieren Sie nicht den Humor. Wir alle laufen mit einer Pappnas‘ durchs Leben.

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Einstweilen Grüße und bis denne

Kuno von und zu Budnikowski

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Ein Leben ohne Peng! / Teil Eins / Erstes Schreiben

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Wo nur steckte und steckt noch Archibald Mahler, unser aller Bär vom Brandplatz aus der kleinen häßlichen Stadt in Mittelhessen? Man hatte ihn vermisst. Er ist wieder da! Na ja. Zumindest hat er ein Lebenszeichen gesandt. Jedoch von wo bitte? Er bittet darum eine Botschaft an seinen Gefährten Kuno von und zu Budnikowski weiterzuleiten. Diese lag gestern vor unserer Haustür. Wie kam sie dahin? Und wo ist denn nun der Mahler? Aber lesen Sie erstmal selber.

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Sehr geehrter Budnikowski und alter Mitstreiter!

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Da wäre ich wieder. Aber wo befinde ich mich? Wie ich mich befinde, könnte ich vielleicht beschreiben, aber wo? Ich weiß es selbst nicht. Gestern dachte ich kurz, möglicherweise befinde ich mich in einem Bärenaltersheim in Peru, unter der Obhut von Paddingtons Tante Lucy. Aber wie bitte soll ich da hingekommen sein? Ich kann nicht schwimmen und meine Flugangst ist legendär. Nun jedenfalls sitze ich vor mich hin und stricke. Was ist das? Ein Therapieprogramm? Soll ich hier die weiblichen Anteile in meiner Bärigkeit entdecken und ein durch und durch empanischer oder so Gutbär werden? Stecke ich gar in einer Anstalt? Geschlossen gar? Stecken hinter dem Stecken Aufrechtgeher? Ist’s gar nur ein Fiebertraum? Das Letzte, was ich erinnere, ist die kupferne, von Frühlingssonne aufgeladene Hand unseres ewigen Geheimrats! Dann ward es dunkel in, um und um mich herum. Budnikowski, ich hoffe sehnlichst, daß meine Worte Sie erreichen. Darf ich mit Antwort rechnen? Vielleicht finden wir mich gemeinsam.

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Mit etwas wirrem, aber liebem Gruß

Ihr Archibald Mahler

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