Von den Zurückeroberungen eines Alltags in den Tagen des herannahenden Lenzes sprechen, dichten oder singen / 7

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„Mahler? Entschuldigung!“

„Ja, Budnikowski?“

„Also! Ähem!“

„Man mukscht rum! Oder sehe ich das falsch?“

„Na ja! Ist mir ein wenig peinlich!“

„Heraus damit! Was ist Ihr Begehr?“

„Na ja! Schon ein bisserl frisch hier draußen so gegen Abend!“

„Ha! Ich ahnte es! Mir tut das Kühle besser. Man ist nicht mehr geblendet vor der Zeit und schmerzfrei nun mein Bärenkopf!“

„Otepää!“

„Wie meinen?“

„Na ja! Als Sie noch winterschliefen, schaute ich über die Schulter des Ehrenwerten Laufen im Schnee mit Schießgewehr. Und der Ort, wo geschossen wurde, hieß Bärenkopf, also dort vor Ort: Otepää!“

„Estnisch. Ja!“

„Woher wissen Sie?“

„Na ja! Entfernte Verwandschaft dort, mein lieber Jänes!“

„Wie meinen?“

„Jänes nennt man dort die Art der Ihren. Im übrigen die Lieblingsspeise meiner estnischen Sippschaft!“

„Hoffentlich gibt es da bei Ihnen keine genetischen Überschneidungen!“

„Kaum! Dies hätten Sie wohl schon vor längerem bemerkt. Hark! Heute ist übrigens der Welttag der Poesie. Wollen Sie?“

„Danke für das Vertrauen. Aber ich reiche gerne weiter. Meine Synapsen sind etwas unterkühlt! Und unerhörte Neuigkeiten!“

„Nun denn. Memoriere ich ein Fremdwerk. Derweilen verorten wir uns ins Warme.“

„Ich pfeif ein Lied dazu und entsorge das Schnittgut!“

(Otepää rezitiert und der Jänes pfeift vom Lenz. Zurück ins Warme!)

…..

Immer dem Fuchsbalg nach
*

Das vollkommene Gedicht

wird nie einer schreiben.

*

Es ist 11 Uhr vormittags

ich setze aus der Einfahrt

raus, ein Stück den Berg

rauf, winke meiner Frau

fahr die Straße runter und

in die Welt.

*

Das vollkommene Gedicht

wird nie einer schreiben.

Nicht hier, nicht

sonstwo, nicht auf

ein Blatt Papier

auf die Straße

an die Mauer

in Paris

in Peru

im Männerklo

im Wartesaal

auf eine Plakatwand

auf einen Stecknadel-

kopf. Nie wird jemand

das vollkommene Gedicht

schreiben.

*

Dafür

wollen wir

den Göttern

dankbar

sein.

(Charles Bukowski)

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„Also eine Frage nur, sehr geehrter Budnikowski, würde ich gerne in meiner momentanen Blendung loswerden!“

„Wertester Mahler, warum befinden Sie sich im fröhlichsten Sonnenlichte hier draußen in akuter Verblendung?“

„Blendung, Budnikowski, Blendung sagte ich. Und eben die Sonne. Nach Monaten schützender Finsternis brazzt der Gelbe Planet volle Kanne uff meinen Tschero!“

„Was für eine unflätige Sprechkultur, welche Sie hier und heute am Tage des Kompromiß zu pflegen scheinen!“

„Grrgh! Kompromist! Ich habe Hirnweh und sehe nüscht! Reim gar nichts!“

„Aha! Was war es denn noch, was Sie zu fragen anhuben, bester Mahler?“

„Doppel – Grrgh! Aber ich bleibe beherrscht und frage: Sind wir denn nun unter die Blumenbefreier gegangen? Wir sitzen draußen neben Drinnenblümchen und die sprießen garnicht lenzgemäß, sondern siechen so vor sich hin!“

„Dies ist nunmal das Schicksal der Abgeschnittenen. Ein kurzes Feuerwerk der blühenden Erfreuung und dann welkt es sich in die Biotonne!“

„Und das erfreut Sie, Budnikowski?“

„Ich gebe zu: Ja! Solange der Lenz draußen noch nicht allzuviel zu bieten hat. Und ich dachte, ich laß sie noch einmal die Sonne spüren!“

„Sie hören mich sprachlos, das heißt eben nicht. Ich schweige. Ich muß!“

„Reim gar nichts? Verstehe! Ich übernehme!“

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Ein scharfes Kneipchen

Todgeweihte Blütenpracht

Erweckt zum Leben

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„Tja!“

„Da kannste mal seh’n!“

„Wie meinen, Meister Mahler?“

„Sagt man so, Meister „Lampe“ Budnikowski, konstatiert man Unvermeidliches!“

„Da gibt es keine Kompromisse?“

„Schon, man sitzt nur etwas unbequemer.“

„Und, wie geht es bei Ihnen da drüben auf der Spätwinterseite?“

„Kalt am Pöter ist halt kalt am Pöter. Und bei Ihnen in Vorlenzhausen?“

„Die Farbenpracht hinter mir ist unleugbar vorhanden. In Sachen Celsius und Fellgefühl gebe ich Ihnen recht! Was tun?“

„Sitzenbleiben! Aushalten! Irgendwann eventuell Bewegung!“

„Recht so! Immer wieder vergesse ich, daß wir keine Aufgeher!“

„Wohl bemerkt! Es gibt ein Leben jenseits von Daumen hoch oder Daumen runter!“

„Hoch die Ambivalenz! Hihi!“

„Sehr schön spitzerfindig!“

„Können Sie eine Ambiguität reimen?“

„Man kann es versuchen!“

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Erwachte. Griesel

Sanft schlug auf das Fensterbrett

Noch schneit die Sonne

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(Da sitzen sie die Herren und Gefährten Mahler und Budnikowski. Selbstredend sitzen da auch die Gefährten und Herren Budnikowski und Mahler. Wir befinden uns ja in einer kippelig kniffligen Situation. Den Großteil der hinter uns, Ihnen, allen liegenden Ereignisse können und wollen wir uns, Ihnen, allen ersparen. Vollmundige Vorankündigungen, das ermüdend repetitive Auseinanderklamüsern und Aneinanderreihen des eigenen, unverrückbar klaren Standpunkts, das hektische Getrippel und Getrappel auf den Fluren, in den Hinterzimmern, die unsäglichen Büffetts und bekleckerten Krawatten und Hosenanzüge, durchgestochene Frechheiten und freche Präcoxereien, Bonusmeilen, Bonusmeilen, Begleitdetonationen und Drohnengeschwirr. Nur so viel: Friedensverhandlungen haben stattgefunden und – glauben Sie es oder nicht – man hat eine oder zwei Einigungen erzielt. So glauben wir es verantworten zu können jetzt in den „lebendigfluß“ zu wechseln.)

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„Und nun Mahler, eine (vielleicht) letzte Frage: wer oder was ist dieser stachelige Gummiigel, der seit Tagen oder Wochen zu unseren Läufen?“

„Werter Herr Budnikowski: dieser stachelige Gummiigel, der seit Tagen oder Wochen zu unseren Läufen, man nennt das den Kompromiß!“

„So stachelig?“

„Gewiß! So stachelig!“

„Aber doch für beide Parteien!“

„Gewiß! Für beide Parteien!“

„Nun denn!“

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Als ich erwachte

Auf einer Rose Nachlaß

Ich dachte an dich

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„Budnikowski! Ich will nicht weiter stören. Einfach nur … einfach … nun gut: Einen guten Morgen erstmal! Budnikowski?“

„Hm!“

„Budnikowski! Ich weiß … will nicht weiter in Sie dringen … aber … dennoch … na ja … wie Sie meinen … gibt es eine …“

„Hmm!!“

„…Möglichkeit? Wären Sie … eventuell … ich sehe es ja ein ein … aber … sind Sie denn nur noch …“

„Hmmm!!!“

„… eingeschnappt, Budnikowski, ja fast schon … wie soll ich bemerken … eingerastet … aber …“

„Hmmmm!!!!“

„… die Rosen sind doch schön … obwohl ich von deren Herkunft … na ja … ahne und … jedoch …“

„Hmmmmm!!!!!“

„ … sonnenbeschienen auch …“

„Placebo, Mahler! Plaaceeboo!“

„Wie meinen? Die Sonne?“

„Argh!“

„Die Blumen?“

„AArgh!!“

„Mein Reden?“

„AAArgh!!!“

„Gut! Ich erkläre mich bereit zu Verhandlungen auf der Suche nach Zweisamkeit!“

„Puuuh!“

„Solange einen Reim?“

„Hm! Argh! Puh! Genehmigt!“

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Ein Zweig im Schnabel

Weiße Brustfeder gerupft

Ein neues Morgen

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Von den Zurückeroberungen eines Alltags in den Tagen des herannahenden Lenzes sprechen, dichten oder singen / 3

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„Guten Morgen, Budnikowski! Aha! Leichte Veränderungen!“

„Fortschritte jedoch, Mahler, ich kann keine erkennen nicht!“

„Bleiben wir bescheiden, in Warteposition!“

„Nicht Ihr Ernst. Draußen geht anders!“

„Die Nächte endlich aufgeklart, doch eben so recht kalt. Meine alten Narben erfreut dieses keineswegs.“

„Sie zwingen mich schon wieder über den Kompromiß nachzusinnen?“

„Die Kätzchen hier sind Boten und sie kamen von draußen her!“

„Ja ist den schon wieder Weihnachten?“

„Budnikowski! Sie sind ungeduldig. Man fand die Kätzchen am Strassenrande. Eben noch am Boden, nun gerettet uns zum Anblick in der Vase …“

„ … meine Nase! Die juckt!“

(Budnikowski erleidet einen monströsen, seiner Größe kaum angemessenen, Niesanfall. Man sollte über die Entfernung der Pollenschleudern nachdenken.)

„Gesundheit, Glück und ein langes Leben!“

„Weia! Ich glaube, ich lege mich besser noch etwas auf meine Löffel. Bevor ich explodiere. In mannigfaltiger Hinsicht. Und warte, welchen Kompromiß der Herr Lenz in und um unsere Hütte hereinschneien läßt.“

„Ich reime derweilen mal!“

„Tun Sie dieses!“

..

Die Knospe trudelt

Zu Boden, noch glänzet Eis

Ein Hastender fällt

..

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