Schritt für Schritt / Stenzereien 1 / Erste Ankunft und Rast

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„Mahler! Wir wären also nun oben, ist es nicht?“

„Budnikowski! Lassen Sie mich anmerken in aller Bescheidenheit, wir wären sogar oben oben, was ich nicht bezweifle!“

„Dies, mein Herr, bedarf einer Erklärung!“

„Wie Sie sehen können, sind wir, ohne zu klagen und zu Fuß, gänzlich nicht nach Art der Zechpreller, hier hinaufgestiegen, dorthin, wo die roten Kugeln auch dieses Jahr wieder wohnen und wachsen werden und daselbst, oben angelangt, suchten wir, des Überblicks halber, den obigsten Punkt!“

„Ich danke Ihnen, Sir Otepää, für Ihre prompte und überaus geradlinig mäandernde Erklärung, doch dies bitte ich hinzuzufügen Ihrer Erklärung: wer und was, große Güte, sind die besagten Zechpreller?“

„Nun, ich habe mir erlaubt, da Sie, teurer Ritter Jänes, wir stenzten hier hinauf, die Landschaft wohlwollend in Augenschein nahmen, was wir bis gestern noch die Aufrechtgeher nannten, in besagte Zechpreller umzutaufen. Quod erat demonstrantum!“

„Diesem, oh Vortrefflicher, kann ich folgen mit Zustimmung und ohne Umschweife! Fressen und saufen sie doch den Planeten unser kahl und leer. Die Zeche zu begleichen ist ihnen aber fremd!“

„Dies, oh Recke und Page auf meinen ohnmächtigen Ritten gegen die Hirnfaulheiten, tun dann zum Beispiel orientierungslose Buckelwale, bis zu 300 Tausend im Jahr, die, Gott sei Dank nicht mit dämlichen Kosenamen versehen und von auf verlogene Emphatiegesänge verengten Kleinhirnen bis ins sichere Siechtum „gerettet“ werden, sondern still und unbemerkt zahlen und gehen für immer. Weia gebrüllt!“

„Ich höre und sehe Sie, verständlich, außer Atem und in aufrechter Wut! Lassen Sie uns aber sehen, ob und was wir sehen hier, oben oben. Nichts?“

„Nein. Ein Nichts existiert nicht. Vor uns freies Feld. Weit. Leer. Kein Nichts!“

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„Ah! Möglichkeiten!“

„Ja! Möglichkeiten!“

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jeden morgen haben wir die möglichkeit

daß wir liegenbleiben oder gehen

daß wir blinde bleiben oder sehn

breiten wir die flügel aus oder stehn wir zögernd auf dem dach

jeden morgen haben wir die möglichkeit amboß oder hammer sein

blumen werfen oder einen stein

halten wir den finger hin oder geben wir die ganze hand

wollen wir auf sparflamme drehn oder sind wir bald verbrannt

(Gerhard ‚Gundi‘ Gundermann)

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„Mahler? Sind wir hier, weil wir uns erinnern wollen oder sind wir hier, weil jemand uns daran erinnert hat?“

„Budnikowski! Wohl eher Nummero Zwo Ihrer Vermutungen! Falsch wäre ebenso nicht, sagte man, wir müssten uns erinnern!“

„Seltsam! Schon wieder führt uns die Reise, naja, ein Ausflug zurück ins Innere! Aber das Erinnern in diesem Fall ist ein draußiges Damals!“

„So ist es wohl!“

„Dann aber schnell raus wieder! Sind dies wohl Abkömmlinge jener erinnerten überreichen Ernte?“

„Man weiß es nicht wirklich. Nicht in jedem Samen lauert reiche Zukunft!“

„Nun denn, aber die noch sehr jungen roten Kugeln, ohne rote Kugeln selbstredend, haben es recht eilig in Sachen himmelwärts!“

„Das ruft nach Aufbruch! Lassen Sie uns bald das Vorfeld beäugen!“

„Yieha! Ab in die Vergangenheit!“

„Auf die Zukunft, die ein Heute ist. Gibt es dazu ein Lied in Ihrem überreichen Plattenschrank?“

„Eine Variante. Bittä schön!“

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Ich brach eine Frucht

Das neue Jahr trieb mir aus

Alte Erfolge

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„Werter Budnikowski! Die Frage sei erlaubt: handelt es sich hier, um an unser letztes Gespräch anzuknüpfen, um einen Flugversuch?“

„Nun ja, bester Mahler, zum Adler wird es mir nicht gereichen, soviel Erkenntnis darf schon in meinem Hasenherz Platz nehmen, aber ein wenig nach dem Überblick zu suchen, dies wär‘ mein Begehr!“

„Fein! Jedoch passen Sie auf, daß die Winde Sie nicht mitnehmen!“

„Besser fortgetragen von den Winden denn von einer Möwe oben am Meer, als wäre man ein Fischbrötchen!“

„Oh ja, ich erinnere mich!“

„Aber es schaukelt friedlich hier oben! Angenehm durchaus!“

„Aber sehen Sie auch etwas? Da oben? Mehr als ich vielleicht?“

„Dies kann ich nicht beurteilen, da die Fähigkeit des Gedankenlesens mir nicht gegeben. Aber die Winde kühlen wieder ab und tragen Feuchtigkeit mit sich. Und meine Hasenlöffel vernehmen in der Ferne leises Donnergrummeln!“

„Ah! Kriegstänze? Das Echo alter ferner Kämpfe?“

„Dies wohl nicht, obwohl da ich mich erinnere!“

„Wenn einer keine Reise tut, so kann er doch erzählen!“

„Ja, wenn auf dem alten Pappkoffer der Aufkleber viele und der Träumetank noch gefüllt!“

„Warten wir bis die Winde uns genehmer und warm. Zur Not gehen wir zu Fuß! TOITOITOI!“

„Viel Glück denn uns. Darauf sei gepfiffen.“

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Das Lager mir warm

Es trieb mein Wanderstock aus

Als der Kuckuck rief

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„Mahler! Sie scheinen nervös!“

„Budnikowski! Es ist der Wind. Er lässt mich zittern!“

„Gewiß. Trotz Sonnenschein ist es noch recht frisch. Der Lenz ist ein rechter Kühling dieser Tage!“

(Einwurf vom Säzzer: GEKLAUT!)

„Dies ist nicht der Grund meines Zitterns. Sobald ich mich entschieden habe, wach zu sein und den Winterschlaf hinter mir zu lassen, greift es von innen her nach mir, das Zittern!“

„Tja, die Geister, die man gerufen, lassen einen so schnell nicht frei!“

„Die gemaladeite und gesegnete Unruhe ist’s. Wir sind so oft schon aufgebrochen. Die Reise selbst schien mir dann gerne weniger aufregend, denn die Suche nach dem neuen Ziel und all die damit verquickten Vorbereitungen.“

„So ist es. Wieviel Beaufort werden wir dieses Jahr unter unseren Tragflächen haben? Wird es zum Segeln reichen?“

„Wir werden sehen. Setzen wir eine Tatze vor die andere. Wenn der Kopp sich beginnt breitzusitzen wie ein winterlicher Pöter, dann ist Vorsicht geboten! Wenn nur durch pure Leidenschaft Meinung erwächst, die durch die Trägheit des Geistes zu einer Überzeugung werden, sprechen wir von Erstarrung, bester Gefährte!“

(Zweiter Einwurf des Säzzers: schon wieder GEKLAUT!)

„So sei es gepfiffen zu Ehren der Windmühlen unseres Geistes.“

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Im Wind die Nase

Griff nach dem fallenden Ruderblatt

Ich im festgemachten Boot

Welche Reise nun

Hinaus hinaus wo Welt

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„Na, Budnikowski, hier draußen nach all den Träumen drinnen, wie fühlt man sich?“

„Mahler! Der freundlichen Nachfrage dankend, meine ich: durchaus wohl durchblütet!“

„Ist das nicht zuviel des Guten?“

„Keineswegs! Die Tulpen gefallen mir außerordentlich. Farbgebung. Wuchs. Und der Sonnenschein sowieso!“

„Aber die Trema …“

„Was für ein Thema?“

„Na die zwei überflüssigen Trema, also Tremata, die meine ich! Sagt man nicht wohl durchblutet?“

„Ach so, der Lateiner im Bären moppert. Nein, nein. Nicht, daß etwa Blumensaft durch meine Adern flöße …“

„Sind Sie gar den Drogen anheimgefallen?“

„Ach, Freund Bär, vielleicht ist der Lenz und die freie Zeit nach den Ostertagen dem Hasen ein Plaisir, aber halten Sie sich die Ohren zu. Sogleich wird sich meine Durchblütung in einem gewaltigen Niesanfall lösen. Schon schüttelt es mich raptusgleich!“

„Oh Weia, ich verstehe! Man heuschnupft. Na dann: Gesundheit. Denn wohin die Winde auch die Pollen treiben, ein Nasenloch wartet dort gewiß!“

„Hadschi!“

„Halef omar ben …“

„… hadschi …“

„… abul abbas ibn …“

„… hadschi …“

„dawuhd al gossarah!“

„Das Geniese! So ein Schuft aber auch! Hadschi!“

„Nun, machen wir morgen weiter!“

„Ja! Wir geben nicht auf! Hadschi!“

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Schwankende Blüten

Heißer Wind in der Nase

Den Lenz zu grüßen

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(Man ist erwacht. Man isst noch nicht. Aber bald. Davor herrscht noch Klärungsbedarf. In Sachen nachhaltiger Vergrämung der alten Alpträume und der Finsternis.)

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„Bleibe bei uns!“

„Ja. Bleibe bei uns!“

„Und dies, Budnikowski, dies ist was bleibt nach den letzten Tagen der Finsternis!“

„Sie meinen also, Mahler, der traumgesättigte Schlaf im Bauch des Wals, hinterließ so einiges?“

„Hoffen wir, daß es nicht nur so scheint. Auch wenn gerne gewarnt wird, davor daß er Ungeheuer gebiert der unschuldige Schlaf.“

„Dies‘ Brot hier, wenn ich es mal so nennen darf, erinnert an einen Leib, einen dahingegangenen Leib!“

„Darum ging es wohl in den Tagen der Akzeptanz der Finsternis. Tod und das Dunkle.“

„Mahler, nun aber ist es wieder hell!“

„Ja, so ist es, Budnikowski. Folglich: Bleibe bei uns!“

„Glauben Sie das Osterbrot will uns davonlaufen?“

„Wir müssen es verspeisen.“

„Bevor es wegläuft?“

„Tja! Vergessen Sie nicht die Vergeßlichkeit. Kaum entronnen der Finsternis, schon wieder oberzwerch und tollmutig in die alten Fallen tappen! So ist man gestrickt!“

„Das verstehe ich. Im Bauch erinnert es sich und uns, das Osterbrot. Und bleibt bei uns wie eine HOFFNUNG!“

„Sie sagen es! Jedoch dieses große Aufrechtgeherwort geht mir schwer über die Lippen, zugegebenermaßen. Ich spreche dann lieber von der Notwendigkeit des Dienens. Der Rest ergibt sich.“

„Ha! Da kenne ich ein schönes Lied für Sie, bester Otepää! Mein Magen knurrt! “

„Na dann: Kali orexi, Freund Jänes!“

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(Das Mahl beginnt. Otepää aka Mahler legt sich ein Scheibchen Lachs auf das Osterbrot, Jänes aka Budnikowski spickt seinen Anteil mit Möhrchen und Bärlauchspitzen. Es mundet. Man pfeift sein Lied. Und arbeitet am Reim. Alles Klärchen jetzt? Ach ja: FROHE OSTERN immernoch vom Säzzer!)

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Die Supp‘ der Nacht ward ausgetrunken

Ein Scheibchen Brot den Teller wischt

Bleib‘ bei uns, friedevoll versunken

Die See nun glatt und neue Gischt

Ans Ufer nur noch rollt

Und nicht mehr tobt.

Solang man lobt

Bleib bei uns und wir bleiben auch

Das Brot Dich grüßt aus Deinem Bauch,

Der Wal ein letztes Mal Fontänen.

Vergiß nur die Vergeßlichkeiten

Die Tag wie Nacht an Deinen Plänen

Kleben wie ein zäher Leim.

Bleib bei uns und wir kehren heim.

Amen.

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