Zwischenschlaf 1: „And we all sit here stranded, doin‘ our best to deny it!“ (Bob Dylan)

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Archibald Mahler hatte sich lediglich kurz hingelegt. Das tut er gerne, wenn heiliger Zorn ihn erfasst hat. Bevor er platzt. Er kriecht dann in seine Innereien, wandert dort herum und versucht etwas Ruhe zu finden vor den Anfechtungen, denen ein sensibler Bär ausgesetzt ist, wenn er nunmal sein Dasein zwischen Aufrechtgehern fristen muß.

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Kuno von und zu Budnikowski hatte zu ihm gelegt. Nicht etwa weil auch er wütig war oder müde, sondern aus purer Langeweile. Auf den Lenz warten und dies auch noch allein, ohne den Gefährten, das war dem Meister Lampe schlichtweg zu viel, was heißt zu wenig. Zudem fiel ihm in solchen Situationen gerne das überlieferte Bonmot seiner polnischen Großtante Zaja Ciotka ein: „Langweile Dich erstmal so richtig, dann wird dir schon einfallen, was zu tun ist!“

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Kaum war Archibald Mahler, wider aller Erwartung, recht flott eingeschlafen, saß er schon in einem wilden Traum. Ja, er saß und zwar tief im Bauche eines Wals. Dies stand zwar nirgends geschrieben, aber Mahler erkennt so etwas. Im Traum. Feucht war es, stickig, was man eben so denkt, wie es da drinnen sich anfühlt, aber durchaus auch wohlriechend und seltsam heimelig. Und doch schien ihm seine neue Unterkunft führe einen großen anstrengenden Kampf. Mahler vernahm ein Pfeifen, ein Gurgeln, ein Scheppern und Knarzen sich kontrahierender und wieder loslassender riesiger Muskeln. Es ächzte und stöhnte aus allen Wänden, die ihn umgaben, so daß ihn eine düstere Unheimlichkeit anfiel.Und er dachte: ein Wal lebt doch im Meer. Oder? Er sollte dies zumindest. Wo ist es, das Meer? Wie tief befindet er sich unter der Meeresoberfläche? Und, vor allem, welches entsetzliche Weh würgt und schüttelt seine lebende Behausung? Wie war er hier hineingelangt?

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Mahler erwachte. Der Budnikowski sang ein Lied. Mal wieder. Laut. Krächzend. Etwas, wie es seine Art, zu krakeelig. Mahler schien das Lied bekannt. Es schallte vor Tagen aus der Küche herüber. War er wirklich wach? Budnikowski neben ihm schnarchte laut und sang gleichzeitig diesen schwingenden Song. Über den Himmel. Das Sterben. Und das Weiterleben. Oder war Mahler nur unter den vielfältigen Tönen im Bauch des Wales in einen anderen Traum abgebogen? Ein Alptraum gar?

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(Pst! Nicht stören. Geht bald weiter. Der Säzzer!)

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„Haben Sie DAS gehört, Mahler?“

„Gewiß, Budnikowski! Man hat dem gestrandeten Wal eine winzige Überlebensmöglichkeit freigebaggert!“

„Ja … nein … ok … auch …. Aber!“

„Was denn nun?“

„Ach! Sie sind schon wieder so brummelig!“

„So ist es! Bäriger Fundamentalärger steht dem kurzzeitigen Erfreuen im freigeschaufelten Weg!“

„Das abbe Bein erinnert wieder?“

„So ist es. Um mich im Rahmen alter Traumatatatas aufzuregen: erst rupfen die Aufrechtgeher einem ein Bein raus und dann wedeln sie mit Pflästerchen!“

„Sie sind aber, dies gilt es zu betonen, der sie seit Jahren mit fachgerecht befestigtem Beine versehen, heute ungerecht! Finde ich, Herr Mahler!“

„Wo Sie recht usw, Herr Budnikowski! Bezüglich der alltäglichen Missetaten der Aufrechtgeher regieren manchmal Kind plus Badewanne! Was aber finden Sie sonst so heute?“

„Ich fand, man könne sie wachsen hören! Die neuen Setzlinge! Aber ich habe auch gelernt!“

„Aha! Ich höre!“

„Nicht zu früh raus, sprachen der kalte Pöter und der Verstand zu einem ungestümem Hoppler, der den Lenz nicht erwarten konnte! Eile schadet nur! Man denke an die Setzlinge!“

„Schaun Sie mal aus dem Fenster!“

„Weia! Das glaube ich jetzt nicht! Schneegriesel!“

„Da hilft nur sich der Heizung nähern und beten!“

„Oder ein neues Lied pfeifen!“

„Fein, ich reim‘!“

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Im Bauche des Wales

Der alte Almanach spricht

Wunder Wiederkehr

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„Budnikowski! Fallen Sie nicht gänzlich!“

„Mahler! Es ist der Wintersporteffekt!“

„Zuviel Laufen im Schnee mit Gewehr im Apparat der laufenden Bilder gucken?“

„Nein! Das Einatmen kühler Draußenluft macht drinnenwarm in Blitzesschnelle schläfrig! Und dazu das gleichmäßige Regengeprassel an den Fensterscheiben!“

(Jaaa! Wir wissen! Auf dem obigen Bild regnet es nicht! Aber in echter Realität heute da draußen schon. Der Säzzer grüßt!)

„Gewiß! Eine einfache, fast möchte man sagen, heimelige Weise. Hätte man Wimpern, man könnte diese dazu rhythmisch auf und ab bewegen!“

„Stören Sie die Tulpen eigentlich nicht?“

„Nein! Heute ganz im Gegenteil! Sind diese hier doch kein totes Gestrüpp! Obwohl vervast und eingezwercht, kann man ihnen beim Wachsen zusehen!“

„Wann gehen wir wieder hinaus?“

„Müssen wir?“

„Wir sollten!“

„Nun denn! Dann wenn die Tulpen so groß geworden, daß sie umfallen müssen!“

„Ich hätte einen Reim heute!“

„Gut! Dann pfeife ich mal dazu!“

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Regennasses Haupt

Ich behütete Tropfen

Frühlingtrock’ner Fuß

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„Mahler? Entschuldigung!“

„Ja, Budnikowski?“

„Also! Ähem!“

„Man mukscht rum! Oder sehe ich das falsch?“

„Na ja! Ist mir ein wenig peinlich!“

„Heraus damit! Was ist Ihr Begehr?“

„Na ja! Schon ein bisserl frisch hier draußen so gegen Abend!“

„Ha! Ich ahnte es! Mir tut das Kühle besser. Man ist nicht mehr geblendet vor der Zeit und schmerzfrei nun mein Bärenkopf!“

„Otepää!“

„Wie meinen?“

„Na ja! Als Sie noch winterschliefen, schaute ich über die Schulter des Ehrenwerten Laufen im Schnee mit Schießgewehr. Und der Ort, wo geschossen wurde, hieß Bärenkopf, also dort vor Ort: Otepää!“

„Estnisch. Ja!“

„Woher wissen Sie?“

„Na ja! Entfernte Verwandschaft dort, mein lieber Jänes!“

„Wie meinen?“

„Jänes nennt man dort die Art der Ihren. Im übrigen die Lieblingsspeise meiner estnischen Sippschaft!“

„Hoffentlich gibt es da bei Ihnen keine genetischen Überschneidungen!“

„Kaum! Dies hätten Sie wohl schon vor längerem bemerkt. Hark! Heute ist übrigens der Welttag der Poesie. Wollen Sie?“

„Danke für das Vertrauen. Aber ich reiche gerne weiter. Meine Synapsen sind etwas unterkühlt! Und unerhörte Neuigkeiten!“

„Nun denn. Memoriere ich ein Fremdwerk. Derweilen verorten wir uns ins Warme.“

„Ich pfeif ein Lied dazu und entsorge das Schnittgut!“

(Otepää rezitiert und der Jänes pfeift vom Lenz. Zurück ins Warme!)

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Immer dem Fuchsbalg nach
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Das vollkommene Gedicht

wird nie einer schreiben.

*

Es ist 11 Uhr vormittags

ich setze aus der Einfahrt

raus, ein Stück den Berg

rauf, winke meiner Frau

fahr die Straße runter und

in die Welt.

*

Das vollkommene Gedicht

wird nie einer schreiben.

Nicht hier, nicht

sonstwo, nicht auf

ein Blatt Papier

auf die Straße

an die Mauer

in Paris

in Peru

im Männerklo

im Wartesaal

auf eine Plakatwand

auf einen Stecknadel-

kopf. Nie wird jemand

das vollkommene Gedicht

schreiben.

*

Dafür

wollen wir

den Göttern

dankbar

sein.

(Charles Bukowski)

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„Also eine Frage nur, sehr geehrter Budnikowski, würde ich gerne in meiner momentanen Blendung loswerden!“

„Wertester Mahler, warum befinden Sie sich im fröhlichsten Sonnenlichte hier draußen in akuter Verblendung?“

„Blendung, Budnikowski, Blendung sagte ich. Und eben die Sonne. Nach Monaten schützender Finsternis brazzt der Gelbe Planet volle Kanne uff meinen Tschero!“

„Was für eine unflätige Sprechkultur, welche Sie hier und heute am Tage des Kompromiß zu pflegen scheinen!“

„Grrgh! Kompromist! Ich habe Hirnweh und sehe nüscht! Reim gar nichts!“

„Aha! Was war es denn noch, was Sie zu fragen anhuben, bester Mahler?“

„Doppel – Grrgh! Aber ich bleibe beherrscht und frage: Sind wir denn nun unter die Blumenbefreier gegangen? Wir sitzen draußen neben Drinnenblümchen und die sprießen garnicht lenzgemäß, sondern siechen so vor sich hin!“

„Dies ist nunmal das Schicksal der Abgeschnittenen. Ein kurzes Feuerwerk der blühenden Erfreuung und dann welkt es sich in die Biotonne!“

„Und das erfreut Sie, Budnikowski?“

„Ich gebe zu: Ja! Solange der Lenz draußen noch nicht allzuviel zu bieten hat. Und ich dachte, ich laß sie noch einmal die Sonne spüren!“

„Sie hören mich sprachlos, das heißt eben nicht. Ich schweige. Ich muß!“

„Reim gar nichts? Verstehe! Ich übernehme!“

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Ein scharfes Kneipchen

Todgeweihte Blütenpracht

Erweckt zum Leben

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„Tja!“

„Da kannste mal seh’n!“

„Wie meinen, Meister Mahler?“

„Sagt man so, Meister „Lampe“ Budnikowski, konstatiert man Unvermeidliches!“

„Da gibt es keine Kompromisse?“

„Schon, man sitzt nur etwas unbequemer.“

„Und, wie geht es bei Ihnen da drüben auf der Spätwinterseite?“

„Kalt am Pöter ist halt kalt am Pöter. Und bei Ihnen in Vorlenzhausen?“

„Die Farbenpracht hinter mir ist unleugbar vorhanden. In Sachen Celsius und Fellgefühl gebe ich Ihnen recht! Was tun?“

„Sitzenbleiben! Aushalten! Irgendwann eventuell Bewegung!“

„Recht so! Immer wieder vergesse ich, daß wir keine Aufgeher!“

„Wohl bemerkt! Es gibt ein Leben jenseits von Daumen hoch oder Daumen runter!“

„Hoch die Ambivalenz! Hihi!“

„Sehr schön spitzerfindig!“

„Können Sie eine Ambiguität reimen?“

„Man kann es versuchen!“

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Erwachte. Griesel

Sanft schlug auf das Fensterbrett

Noch schneit die Sonne

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