Von den Zurückeroberungen eines Alltags in den Tagen des herannahenden Lenzes sprechen, dichten oder singen / 10

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(Man ist erwacht. Man isst noch nicht. Aber bald. Davor herrscht noch Klärungsbedarf. In Sachen nachhaltiger Vergrämung der alten Alpträume und der Finsternis.)

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„Bleibe bei uns!“

„Ja. Bleibe bei uns!“

„Und dies, Budnikowski, dies ist was bleibt nach den letzten Tagen der Finsternis!“

„Sie meinen also, Mahler, der traumgesättigte Schlaf im Bauch des Wals, hinterließ so einiges?“

„Hoffen wir, daß es nicht nur so scheint. Auch wenn gerne gewarnt wird, davor daß er Ungeheuer gebiert der unschuldige Schlaf.“

„Dies‘ Brot hier, wenn ich es mal so nennen darf, erinnert an einen Leib, einen dahingegangenen Leib!“

„Darum ging es wohl in den Tagen der Akzeptanz der Finsternis. Tod und das Dunkle.“

„Mahler, nun aber ist es wieder hell!“

„Ja, so ist es, Budnikowski. Folglich: Bleibe bei uns!“

„Glauben Sie das Osterbrot will uns davonlaufen?“

„Wir müssen es verspeisen.“

„Bevor es wegläuft?“

„Tja! Vergessen Sie nicht die Vergeßlichkeit. Kaum entronnen der Finsternis, schon wieder oberzwerch und tollmutig in die alten Fallen tappen! So ist man gestrickt!“

„Das verstehe ich. Im Bauch erinnert es sich und uns, das Osterbrot. Und bleibt bei uns wie eine HOFFNUNG!“

„Sie sagen es! Jedoch dieses große Aufrechtgeherwort geht mir schwer über die Lippen, zugegebenermaßen. Ich spreche dann lieber von der Notwendigkeit des Dienens. Der Rest ergibt sich.“

„Ha! Da kenne ich ein schönes Lied für Sie, bester Otepää! Mein Magen knurrt! “

„Na dann: Kali orexi, Freund Jänes!“

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(Das Mahl beginnt. Otepää aka Mahler legt sich ein Scheibchen Lachs auf das Osterbrot, Jänes aka Budnikowski spickt seinen Anteil mit Möhrchen und Bärlauchspitzen. Es mundet. Man pfeift sein Lied. Und arbeitet am Reim. Alles Klärchen jetzt? Ach ja: FROHE OSTERN immernoch vom Säzzer!)

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Die Supp‘ der Nacht ward ausgetrunken

Ein Scheibchen Brot den Teller wischt

Bleib‘ bei uns, friedevoll versunken

Die See nun glatt und neue Gischt

Ans Ufer nur noch rollt

Und nicht mehr tobt.

Solang man lobt

Bleib bei uns und wir bleiben auch

Das Brot Dich grüßt aus Deinem Bauch,

Der Wal ein letztes Mal Fontänen.

Vergiß nur die Vergeßlichkeiten

Die Tag wie Nacht an Deinen Plänen

Kleben wie ein zäher Leim.

Bleib bei uns und wir kehren heim.

Amen.

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Zwischenschlaf 3: „Maybe they’ll get me and maybe they won’t, but not tonight and it won’t be here. There are things I could say, but I don’t. I know the mercy of God must be near.“ (BD)

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Können Wale husten? Machen sie dabei einen Buckel? Husten sie, wenn denn, mit oder ohne Auswurf? Ein Morgen schien nah. Der Schlaf des Mahler wurde unruhiger, die Träume wirrer. Diese Explosion eben, geträumt oder stattgefunden? Und flog nicht daraufhin der Budnikowski an ihm vorbei. Richtung Licht. Dort. Da hinten, wo sich eine Öffnung auftat? Grell und heller. An-SCHEIN-end. Und, nicht vergessen, was war das noch mit dem Beten? Den Bitten? Den Göttern? Dem einen Gott? Der vielleicht VIELE ist? Ach Gottchen aber auch! Nur eines schien dem Mahler gewiß: er saß, träumte, oder auch nicht, den Gefährten in den Armen haltend. Aber: lebte der noch oder war es eine leblose Hülle nur, eine Erinnerung, eine seelenlose? Wenn dies kein Alptraum ist?

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In manchen Träumen, auch wenn sie noch so zappenduster sind und wirr, denkt mancher klarer denn im Hellen. Na ja! Mahler kann das. Er denkt an die Aufrechtgeher und daran, daß diese die meisten Verbindungen zu den Göttern unwiederbringlich gekappt haben, daran daß die Viecher aller Art, die als Boten zwischen den Welten hin und her eilen, mit eventuellen Weisheiten beladen, von den gehetzt blinden Aufrechtgehern nicht mehr erkannt werden, daran daß die Meldegänger so also vor vernagelten Häusern und Hirnen stehen, während die Aufrechtgeher sich mit Benzin besaufen und ihre Klagen heulen. Und strandet ein verendender Götterbote vor ihren Küste, nennen sie ihn in kindischem Sentiment Timmy (Warum nicht gleich Lassie? Der Säzzer), statt sich mit der Botschaft der armen Kreatur zu befassen. Mahler, dem Friedvollen, wuchsen gräßliche Eckzähne.

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Und Budnikowski sprach zu dem Bären. Hatte sich die Hülle in des Bären Arm wieder mit Leben und Herz gefüllt? So war es. Geträumt oder geschehen. Budnikowski hatte ihn gebeten, von seiner bärigen Wut Abstand zu nehmen, er selber wäre draußen gewesen, hätte den Bauch des Wals verlassen, unfreiwillig oder nicht, draußen vor dem Maule wäre er gewesen, dort sei es licht und hell und warm und er würde sich, dies unterstrich er mit fuchtelnder Geste und Deutlichkeit, außerordentlich über des Bären Gesellschaft dort draußen freuen und, dies nur als eine Warnung en passant, es sei an der Zeit sich auf den nächsten GROSSEN HUSTENANFALL vorzubereiten. Derweilen sänge er sein neues (Lieblings)liedchen und er, der Herr Mahler könne, wenn es beliebt, aber man rate wohlweislich dazu, schon mal darüber nachdenken, was er so zu beten und bitten gedenke, falls er dies als eine lohnenswerte Tätigkeit betrachten wolle. Was der Mahler dann auch tat. Denn sein Traum verdichtete sich, nahm Tempo auf, wie dies Träume kurz vor dem gerne schreckhaften Erwachen tun und das frommfrohe Lied des Budnikowski gewann an Lautstärke und Lautstärke. Und es rummste. Gewaltig. Ein Vorgang zerriß. Felsen gerieten in Bewegung. Um Gottes Erbarmen!

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(Uff! Der Traum ist aus! Aber ich werde alles geben. Und: FROHE OSTERN! Der Säzzer)

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Zwischenschlaf 2: „Wenn et Bedde sich lohne däät, wat meinste wohl, wat ich dann bedde däät.“ (BAP)

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Mahler hatte nachgedacht. Während er träumte. Oder nachdachte, ob er träumte. Oder er träumte, eben denke er nach, während er davon träumte, nachzudenken. Naja! Vielleicht wäre es doch besser aufzuwachen, denn im Bauche eines Wals seine ewige Ruhestatt zu finden. Dann zog etwas an Mahler. Am ehemals Abben Bein. Da ist er etwas empfindlich. Selbst im Traume war ihm klar, daß dies wohl der Gefährte Budnikowski sein wird, der anläutet. Unruhe erfaßte Mahler. Große Unruhe. Der Wal schien ebenso starke Schmerzen zu haben. Mahlers Ohren dröhnten. Da war viel Weh. Und nicht nur am Bein.

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Nicht daß Budnikowski jemals Achterbahn gefahren wäre. Gewiß, sein Leben glich ab und an einer Achterbahn, jedoch in einer Achterbahn auf der Kirmes mit der Gravitation zu hadern: dies noch nie! Nun denn, so mußte sich das wohl anfühlen. Der Magen verläßt seinen angestammten Platz, drückt Richtung Hirn, um im nächsten Moment im rechten oder linken Zeh nach einer neuen Bleibe zu suchen. Wo war er? Warum saß er nicht zwischen frischem Grün und Bunt, den Lenz zu grüßen? Warum in dieser vibrierenden Höhle? Halluzinierend? Und wer sprach da zu ihm? „Ich lasse Dich in meinem Traum sein, wenn ich in Deinem Traum sein kann. Das sagte ich!“ Wer hat das gesagt? Der Wal, falls der Wal ein Wal war, bewegte sich heftig. Es fühlte sich an, als ob das Monstrum im Sturzflug, genauer Sturztauch, Richtung Mariannengraben, so Mahler, taumelte. Und während Budnikowski noch dachte, daß selbst im Traum der Bär mit seinen Geographiekenntnissen reüssieren muß, fasste er nach dessen Abben Bein und klammerte sich fest. Ein Schrei.

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Mahler erwachte. Zumindest schien ihm das so. Der Schrei. Man spricht. Von Träumen. Deinen. Meinen. Er bemerkt, daß er den Gefährten Budnikowski, der wohl eben noch an seinem Abben Bein gezerrt hatte, in den Armen hielt. Zitternd. Beide. Und der Wal. Mit aufgestellten Löffeln schrie der Hase in Moll und Dur und allen anderen Tongeschlechtern, daß sein Mageninhalt ihn sogleich durch eine der Körperöffnungen verlassen werde, wenn dieses Vieh nicht endlich mal zur Ruhe komme und daß nun nur noch das Beten helfe. Worauf der Bär antwortete, zumindest träumte er dies, daß, wenn das Beten sich lohnen würde, er Tag und Nacht im Gebet versunken wäre. Diese Äußerung nahm der Wal ihm offensichtlich krumm. Es rumpelte entsetzlich. Und aus weiter Ferne vernahm er ein Lied, welches der Gefährte pfiff.

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(Pst! Nicht stören. Geht bald weiter. Der Säzzer!)

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Zwischenschlaf 1: „And we all sit here stranded, doin‘ our best to deny it!“ (Bob Dylan)

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Archibald Mahler hatte sich lediglich kurz hingelegt. Das tut er gerne, wenn heiliger Zorn ihn erfasst hat. Bevor er platzt. Er kriecht dann in seine Innereien, wandert dort herum und versucht etwas Ruhe zu finden vor den Anfechtungen, denen ein sensibler Bär ausgesetzt ist, wenn er nunmal sein Dasein zwischen Aufrechtgehern fristen muß.

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Kuno von und zu Budnikowski hatte sich zu ihm gelegt. Nicht etwa weil auch er wütig war oder müde, sondern aus purer Langeweile. Auf den Lenz warten und dies auch noch allein, ohne den Gefährten, das war dem Meister Lampe schlichtweg zu viel, was heißt zu wenig. Zudem fiel ihm in solchen Situationen gerne das überlieferte Bonmot seiner polnischen Großtante Zaja Ciotka ein: „Langweile Dich erstmal so richtig, dann wird dir schon einfallen, was zu tun ist!“

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Kaum war Archibald Mahler, wider aller Erwartung, recht flott eingeschlafen, saß er schon in einem wilden Traum. Ja, er saß und zwar tief im Bauche eines Wals. Dies stand zwar nirgends geschrieben, aber Mahler erkennt so etwas. Im Traum. Feucht war es, stickig, was man eben so denkt, wie es da drinnen sich anfühlt, aber durchaus auch wohlriechend und seltsam heimelig. Und doch schien ihm seine neue Unterkunft führe einen großen anstrengenden Kampf. Mahler vernahm ein Pfeifen, ein Gurgeln, ein Scheppern und Knarzen sich kontrahierender und wieder loslassender riesiger Muskeln. Es ächzte und stöhnte aus allen Wänden, die ihn umgaben, so daß ihn eine düstere Unheimlichkeit anfiel. Und er dachte: ein Wal lebt doch im Meer. Oder? Er sollte dies zumindest. Wo ist es, das Meer? Wie tief befindet er sich unter der Meeresoberfläche? Und, vor allem, welches entsetzliche Weh würgt und schüttelt seine lebende Behausung? Wie war er hier hineingelangt?

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Mahler erwachte. Der Budnikowski sang ein Lied. Mal wieder. Laut. Krächzend. Etwas, wie es seine Art, zu krakeelig. Mahler schien das Lied bekannt. Es schallte vor Tagen aus der Küche herüber. War er wirklich wach? Budnikowski neben ihm schnarchte laut und sang gleichzeitig diesen schwingenden Song. Über den Himmel. Das Sterben. Und das Weiterleben. Oder war Mahler nur unter den vielfältigen Tönen im Bauch des Wales in einen anderen Traum abgebogen? Ein Alptraum gar?

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(Pst! Nicht stören. Geht bald weiter. Der Säzzer!)

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Von den Zurückeroberungen eines Alltags in den Tagen des herannahenden Lenzes sprechen, dichten oder singen / 9

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„Haben Sie DAS gehört, Mahler?“

„Gewiß, Budnikowski! Man hat dem gestrandeten Wal eine winzige Überlebensmöglichkeit freigebaggert!“

„Ja … nein … ok … auch …. Aber!“

„Was denn nun?“

„Ach! Sie sind schon wieder so brummelig!“

„So ist es! Bäriger Fundamentalärger steht dem kurzzeitigen Erfreuen im freigeschaufelten Weg!“

„Das abbe Bein erinnert wieder?“

„So ist es. Um mich im Rahmen alter Traumatatatas aufzuregen: erst rupfen die Aufrechtgeher einem ein Bein raus und dann wedeln sie mit Pflästerchen!“

„Sie sind aber, dies gilt es zu betonen, der sie seit Jahren mit fachgerecht befestigtem Beine versehen, heute ungerecht! Finde ich, Herr Mahler!“

„Wo Sie recht usw, Herr Budnikowski! Bezüglich der alltäglichen Missetaten der Aufrechtgeher regieren manchmal Kind plus Badewanne! Was aber finden Sie sonst so heute?“

„Ich fand, man könne sie wachsen hören! Die neuen Setzlinge! Aber ich habe auch gelernt!“

„Aha! Ich höre!“

„Nicht zu früh raus, sprachen der kalte Pöter und der Verstand zu einem ungestümem Hoppler, der den Lenz nicht erwarten konnte! Eile schadet nur! Man denke an die Setzlinge!“

„Schaun Sie mal aus dem Fenster!“

„Weia! Das glaube ich jetzt nicht! Schneegriesel!“

„Da hilft nur sich der Heizung nähern und beten!“

„Oder ein neues Lied pfeifen!“

„Fein, ich reim‘!“

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Im Bauche des Wales

Der alte Almanach spricht

Wunder Wiederkehr

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Von den Zurückeroberungen eines Alltags in den Tagen des herannahenden Lenzes sprechen, dichten oder singen / 8

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„Budnikowski! Fallen Sie nicht gänzlich!“

„Mahler! Es ist der Wintersporteffekt!“

„Zuviel Laufen im Schnee mit Gewehr im Apparat der laufenden Bilder gucken?“

„Nein! Das Einatmen kühler Draußenluft macht drinnenwarm in Blitzesschnelle schläfrig! Und dazu das gleichmäßige Regengeprassel an den Fensterscheiben!“

(Jaaa! Wir wissen! Auf dem obigen Bild regnet es nicht! Aber in echter Realität heute da draußen schon. Der Säzzer grüßt!)

„Gewiß! Eine einfache, fast möchte man sagen, heimelige Weise. Hätte man Wimpern, man könnte diese dazu rhythmisch auf und ab bewegen!“

„Stören Sie die Tulpen eigentlich nicht?“

„Nein! Heute ganz im Gegenteil! Sind diese hier doch kein totes Gestrüpp! Obwohl vervast und eingezwercht, kann man ihnen beim Wachsen zusehen!“

„Wann gehen wir wieder hinaus?“

„Müssen wir?“

„Wir sollten!“

„Nun denn! Dann wenn die Tulpen so groß geworden, daß sie umfallen müssen!“

„Ich hätte einen Reim heute!“

„Gut! Dann pfeife ich mal dazu!“

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Regennasses Haupt

Ich behütete Tropfen

Frühlingtrock’ner Fuß

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