Kleben / Bilder / Gedanken / Schrank / 026

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Das Pferd kennt den Nachhauseweg besser als wir

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Hier ist ein Ufer. Da sitze ich. Ich weiß nicht, ob ich auf dem Wasser gereist bin und ob das geht und ob dieses kleine Fließgewässer hinter mir in Verbindung steht mit dem SEE. Flußabwärts oder flußaufwärts. Mit oder ohne Schleusen oder Rumherumtragewegen. Ist das weiße Teil unter meinem kalten Pöter ein Boot? Möglich. Wir erinnern uns an das, was wir vergessen haben, weil wir vergessen, an was wir uns erinnern. Etwas hatte mich an der Hand genommen und hier abgesetzt. Als ich aufbrach, obwohl mir jegliche Erinnerung daran fehlt, wußte ich noch wohin. Dann fielen mir die Augen zu, meine Gliedmaßen hingen schlaff an mir herab und etwas griff nach mir, es wurde bunt und wabernd vor meinen Augen, die Zügel fielen mir aus der Hand, das Lenkrad fuhr Karussell und das Pferd wußte, wo der Stall steht und der Hafer wartet und die sanft striegelnde Hand. Jetzt erblicke ich den Schwan. Natürlich! Der Schwan. Der Ehrenwerte Ernst Albert hatte mir unten am See erzählt, daß er als Kind fest davon überzeugt war, daß es nur am See Schwäne gäbe  und wie fürchterlich erschrocken und enttäuscht er war, wie er dann, zum Beispiel in so einer nicht definierbaren Stadt wie Hannover Schwäne erblicken mußte. Und also erblicke ich  – ich mußte nicht, es geschah –  in dieser ganz und gar nicht definierbaren Kleinen Häßlichen Stadt einen Schwan. Und ich erinnere mich auch nur deshalb daran, daß ich demnach hier bin, weil der Schwan auffällig beschriftet ist. Hat der mich über die Wasser geschippert? Ist mein Pferd ein Schwan? Ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß nur, daß ich geträumt habe. Aber was? Jetzt bin ich wach und es ist etwas wärmer als gestern. Gleich soll es regnen. Gestern hatte ich davon geträumt, dies zu sagen, was ich jetzt hier sage. Aber viel besser und toller und jetzt lese ich das hier und denke: War es das, was ich wirklich träumte? Immer noch warte ich auf Ernst Albert. Und weil ich schon so lange warte, ist er den Titel los. Ehrenlos. Manchmal würde ich mich lieber an meine Träume erinnern als an meine Niederlagen.

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Kleben / Bilder / Gedanken / Schrank / 025

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„Ich bin aufgewacht und hab geseh’n!“ (Ton Steine Scherben)

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Der Traum war aus. Mein Traum, der Traum des Archibald Mahler, Bären vom Brandplatz. Aber welcher? Weniger vom Romantischen beseelt bemerke ich dies: ich erwachte. Aber nicht richtig. Und wo erwachte ich? Habe ich das alles nur geträumt? Das Wachen, das Träumen, selbst das? Nein. Ich war gewiß die letzten Wochen nicht hier, also woanders war ich gewesen und es war entschieden mehr Sommer und mehr See und dergleichen, da wo ich war. Genau. Hier ist weniger Wasser. Und es ist auch kein See, sondern lediglich ein kleiner, kaum vorwärts fließender – Ist der faul oder geht es ihm nicht ausreichend bergab? – Fluß. Na ja, Fließgewässer kleinerer Art. Und es ist kälter. Aber da habe ich nichts dagegen. Verglichen mit meiner alten Heimat Kamschatka iss hier Sauna mit Aufguß. Lachs wie Honig! Wenn ich mich nur erinnern könnte. Es scheint mir, ich wäre die letzten Nächte stündlich erwacht, geritten von wilden Träumen, wäre also aus der Bettstatt gekrochen, um das Wasser abzuschlagen, hätte nach Papier und Bleistift gegriffen, um das Geträumte aufzukritzeln, hätte dies erfolgreich getan, manchmal mehrmals die Nacht, stieg aus dem Lager mit der Sonne und blickte auf meine Notate und sah, daß ich offensichtlich einen ungespitzten Bleistift über das Papier gejagt hatte. Nichts und abernichts zu lesen. An was ich mich nun erinnern mag und soll? Wo beginnt die Erinnerung, weil ein Traum endet? Mag ich einen ungeträumten Traum umwidmen in eine Erinnerung, die ich lediglich behaupte? Es ist schwierig. Morgen muß ich herausfinden, ob das was hinter mir rumplätschert, immer noch der Bodensee ist? Jetzt halt geschrumpelt! Im Traum? In der Erinnerung? Und wo ist eigentlich der verdammte Herr Ernst Albert, der mich ständig in der Weltgeschichte rumschleift, um mich zu verwirren! Weia! Doppelt!

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Kleben / Bilder / Gedanken / Schrank / 024

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Irgendwann nach Hause, wo immer das auch sei

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Also blickte ich hinab, Kapelle im Rücken, Schaufel neben mir (Warum eigentlich?) und dachte, ich der Archibald Mahler und Bär, daß dies da unten Meeresgrund war einst, gewaltige Gletscher hatten sich hier entlang geschoben und eine fruchtbare und menschenfreundliche Gegend geschaffen, von der die hier ansässigen Ansässigen behaupten, sie hätten diese Welt mit ihren Sandkastenschäufelchen und Eimerle mal was rein tun, selbst geschaffen, nach dem Einst. Und der Mann neben mir sitzt und erinnert sich und sieht das einstige Meer über die Obstbäume und Schilfwälder schwappen, taucht hinein in die Wasser, in dieses Meer Erinnerung. Und ich wünschte ihm, er fände Perlen und Schwämme auf dem Meeresgrund und nicht nur Tand und Tang und rostige Fahrräder. Erinnerung ist wie guter Wein, saust jung durch die müden Glieder, lässt sie zappeln, doch die alten, teuren Flaschen verklären, wie der Gesang humpelnder Geister mit irritierendem, aber wohlfeilen Duft Dir – durch Mark und Bein fahrend – lediglich die Chimären und dann schaue, was Du in den Händen hältst, tauchst Du wieder auf. Und so fragte ich mich, während der Mann seufzte und ich mir überlegte, wie man so einen Motorroller als kurzbeiniger Bär sicher nach Hause fährt, weil der Mann nicht aufhörte zu seufzen, wo ich helfen mag und kann. Das Schwerste dies zu tun, weil entweder alles falsch, was man versucht oder man selber faul und feig und eingefroren ist in Untätigkeit. Dann habe ich mich an die Schaufel neben mir erinnert. Jetzt bin ich dabei ausdauernd und wegen der alten Geschichte, die mich mit dem Mann verbindet, den Tand und den Tang und die rostigen Fährräder aus dem Meer der Erinnerung zu schaufeln. Und wenn wir die Perle gefunden haben, die wir ganz gewiß finden werden und wahrscheinlich deren etliche mehr, werden und müssen wir nach Hause fahren, weil die Wunderbare Pelagia und der ein wenig nicht ganz so wunderbare Budnikowski auf uns warten. Und dann werden wir nachdenken müssen, wann und wo wir die gefundenen Perlen teilen werden. Oder sie aufessen. Oder rumkugeln lassen. Das werden wir sicherlich sehen. So sitze ich also in Andacht versunken nach einer Zeit, nach jenen oder diesen Tagen, meine Sehnsucht pocht erstaunlich jung und dumm und das Land da unten wird geflutet mit den Tränen der Erinnerung. Dann spricht der Mann zu mir. „Was geht Dich das eigentlich alles an!“ Und ich antworte: „Ich bin einer der Berechtigten!“ Ich glaube, wir müssen nach Hause fahren. Wo immer das sei.

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Kleben / Bilder / Gedanken / Schrank / 023

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Jetzt fahr`n wir übern See, übern See

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Dann haben wir den See überquert. Nicht zu Fuß und auch nicht auf dem Rücken eines Pferdes. Es gibt eine Fähre. Auf der anderen Seite geht es erst mal steil den Berg hoch und das Rollergefährt des Mannes ächzte und stöhnte sich hinauf. Aber es ging und wir fuhren sinnlos und von den letzten Stunden etwas verwirrt und mitgenommen über Hügel, an Obstbäumen vorbei, besuchten ein Kloster, sahen Störche auf den Herbst warten, watend, überfuhren zwei Frösche und blickten nach rechts und links und der Mann sagte: „Schau mal!“ Auf einem Hügel thronte eine Kapelle in beeindruckender Selbstgewißheit. Es schien so, als wüsste diese Kapelle über ihre Schönheit und die Exklusivität ihres Standortes Bescheid und dies auch noch bescheiden. Der Mann – und ich kenne ihn schon lange – konnte nicht anders als da hoch zu tuckern. War etwas schwierig, weil das Dorf zu Füßen des kleinen Bethauses – wohl zu Recht – die Wege nicht ausschildern mochte. Wir parkten am Fuße des Hügels und gingen zu Fuß. Hinauf und steil, Trepp´ für Trepp´. Der Wahrheit die Ehre, mich den Bären hatte man hinaufgetragen. Der Mann ächzte und stöhnte wie sein benzinfressendes Gefährt. Nun gut. Er ist alt und der Weg hinauf war steil. Ich sang derweilen dieses Lied vor mich hin. Warum? Weil ich es toll finde. Und dann saß ich da und blickte hinab und freute mich. Und wir kamen zur Ruhe. Ich, der Archibald Mahler und der Mann auch. Es ist ein schönes Land, das Land da unten. Dann habe ich es mir in Ruhe angeschaut.

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Die Vermissten in den Kisten

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Ich hatte den Mann allein gelassen. Er wollte das so. Das fiel mir, Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz, gelegentlich und zurzeit unterwegs, schwer, ziemlich schwer. Wenn wer, der einem nahe ist, durch die Welt wankt und den Boden unter den Füßen verlieren will, mag man lieber wegschauen. Das hilft aber nicht. Weder dem Betrachteten noch einem selbst als Betrachter, in diesem Fall mir, Archibald Mahler und so weiter. Der Mann irrte herum, wusste aber offensichtlich genau, wohin zu irren sei. Er blieb stehen. Sprach: „Hier! Da war es. Ja. Genau. Sicher. Vielleicht. Ich weiß nicht mehr. Doch. Ja. Soll sein. Doch! Denke schon!“ Der Mann nahm mich hoch, setzte mich nieder und da war ich, wo ich jetzt bin. Saß im Gras. Der Mann grummelte vor sich hin. „Solange man nicht selber in der Kiste liegt, sollte man nicht vorgeben zu wissen!“ Ich dachte mir meinen Anteil. Woran auch immer. Und sagte nichts. Dann setzte sich der Mann neben mich. Er sagte ebenfalls nichts. Wir schwiegen. Unter unseren Pötern Staub, Knochenreste, Erinnerungen, Vorwürfe, Einbahnstraßen, ein Ach, noch ein Ach und etliche Ohjemines. Dann stand der Mann auf und lächelte. „Laß uns einfach hier etwas Freundliches hinterlassen!“ Ich habe da gerne mitgeholfen. Die gelbe Blume habe ich gepflückt.

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Kleben / Bilder / Gedanken / Schrank / 021

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Vom Unfrieden trotz der Ruhe

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Ich, Archibald Mahler, erinnere mich. Vor Jahresfrist? Dort oben an der Förde, wo ich gerne weile, wenn der Ehrenwerte Ernst Albert mich mitnimmt, da er dort musentempeln darf. Auch wenn der Wind so heftig bläst, ich mich kaum festhalten mag und die kreischenden Möwen nach den Fischbrötchen schielen. Jetzt vor Jahresfrist saß ich vor einem Grab, sah bunte Gießkannen an Haken – hörte ich sie im Fördewind aneinander klackern? – und zwei Frauen stritten laut miteinander. Da oben im Norden. Den Streit hörte ich ganz gewiß, das Klackern vielleicht. Ich weiß aber nicht mehr, ob das jetzt Leben war oder Musentempel. Der Ehrenwerte Ernst Albert hatte mir des Öfteren erzählt, wie schwer es sei Leben und Theater und umgekehrt nicht miteinander zu verwechseln. Also meine Erinnerung aber ist, daß die zwei Frauen, die an dem Grab standen, ob das jetzt Leben oder Musentempel war, sich herzhaft darüber in die Haare gerieten, wer da ruht unter der frisch aufgehäuften Erde. Je länger ich zuhörte, dachte ich, da liegen zwei Leichen in der Kiste. Weil, was die eine und dann die andere gewesen sein soll: das kann nicht nur ein Mensch gewesen sein. Und wenn ich mir vorstelle, da stünden jetzt so hundert Aufrechtgeher, was ja bei Beerdigungen vorkommen soll, dann braucht man ja ein Massengrab. Ich weiß, daß ist pervers die Tage, aber ist leider so. Und ich, als Freund der Ruhe in allen Bärenlebenslagen, fragte mich, ob man das hört da unten, unter der Erde, in der noch nicht verrotteten Holzkiste, oder Zink auch, wenn da oben rumgezankt und bessergewisst wird. Oder wie auch immer. Will man dann wieder rauskommen aus der Gruft und sagen und zur Not auch brüllen: „Haltet doch endlich mal die Schnauze und laßt mich hier in Ruhe liegen, das Leben war anstrengend genug.“ Oder ist einem das dann Lachs wie Honig, wenn da oben die Analysten sich verdribbeln in ihren angeblich exklusiven Erinnerungen? Ich weiß es nicht. Der Ehrenwerte Ernst Albert war still geworden, sehr still und strolchte zwischen den alten Bäumen umher. Er suchte. Er suchte sich zu erinnern. Er ließ seinen Füßen freien Lauf. Die würden schon wissen, wo sie hinlaufen sollen. Fast fünfzig Jahre später. Es gibt eine Art der Erinnerung, die einen an die Hand nimmt und ins Ungewisse leitet. Von der man erst dann weiß, wenn Erinnerung einen streift und gar packt. Dies kann dauern. Da schweigt man als Zuschauer. Ich lasse den Mann jetzt allein in seiner Einsamkeit. Besser iss.

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