Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 030

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„Mahler? Können wir jetzt mal raus?“

„Budnikowski! Sie überfordern mich! Wir sind doch schon längst draußen.“

„Ich meinte, raus aus dem Schatten!“

„Noch ist der Himmel nicht klar in Gänze. Unter den schützenden Blättern ist mir ganz wohl.“

„Man behauptet, ab übermorgen werde der Herr Lenz eine vollblutige Frau Sommer.“

„Wer sagt das?“

„Na jene, welche dies behaupten!“

„Was soll ich sagen? Zu behaupten was übermorgen sein werde, ist noch unmöglicher denn wirklich zu begreifen, was gestern war, also wirklich war!“

„Sie haben mich auf meinem Hasenfuß erwischt, bester Bär!“

„Wie meinen?“

„Ich wollte doch mit großem Schwang ansetzen das Übermorgen zu besingen so im Sinne von: und wenn ich heute abgebogen in die mir wohlgefällige Richtung, hab‘ ich das große Los gezogen und fress‘ mich satt an vollen Trogen bis ans Ende meiner Tage.“

„Tja. Bis sie eilt heran die nächste Frage, welche meist der letzten Frage erschreckend ähnelt.“

„Tja. Vermutlich sogar gleicht. Egal. Sie sehen mich verwirrt.“

„Ja. Sie sehen ein wenig verhuscht aus, bester Hase. Mir geht es auch nicht immer besser.“

„Aber Sie kehren zurück aufs Spielfeld, Meister Mahler. Es fällt mir aber nichts ein heute, wo ich doch was versprochen hatte.“

„Dann klauen Sie halt, Budnikowski. Irgendwas. Hauptsache es ist ernst gemeint und Ihr Herz schlägt dazu.“

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„Bei der Betrachtung der Natur im Großen wie im Kleinen, hab‘ ich mir unausgesetzt die Frage gestellt: ist es der Gegenstand oder bist Du es, der sich hier ausspricht.“

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„Ja, die Blümchen neben uns erfreuen sehr.“

„Auch im Hinterhof mag es beglückend wachsen!“

„Wer bemerkte obiges?“

„Unser alter Meister!“

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 029

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„So Budnikowski. Sind wir also wieder draußen. Ihr Wunsch war mir Befehl!“

„Nun gut, Mahler. Draußen vor der Tür bestenfalls. Aber vor allem suchen wir nicht derweilen im Hinterland. Das hier ist ein Hinterhof!“

„Was ist daran doof? Da wird man eben manchmal geparkt. Oder parkt dort etwas. Und außerdem regnet es.“

„Sie sind mir ein bisserl ein Weichbär geworden!“

„Sagt der alte Angsthase zu mir!“

„Ja. Das sagt er zu Ihnen!“

„Was juckt Ihnen denn so gewaltig an den Löffeln, daß Sie Tag und Nacht mit den Pfoten scharren?“

„Manche riechen am Aufbruch und ergreifen die Flucht. Eigentlich das Erbteil meiner Vorfahren. Doch da brodelt was in mir, das mir noch fremd.“

„Haben Ihre Vorfahren nicht den Spruch ‚Hoffentlich Allianzversichert‘ an die Wände geklebt?“

„Schlimmer noch. Die haben das sogenannte ‚Rundum – Sorglos – Paket‘ in die Welt gesetzt!“

„Oha. Das schlimmste aller Überraschungseier, falls ich mir nach Ostern und kurz vor Pfingsten diesen nicht sehr gehaltvollen Scherz erlauben darf!“

„Gerne Mahler! Aber sprechen Sie doch mal von Ihrer neuen Fürchtlichkeit. So kannte ich Sie nie!“

„Wer öfters auf die Schnauze fällt, diese dann halt einfach hält!“

„Mahler! Da geht noch was! Warten wir ein bisserl auf die Sonne.“

„Ich sach mal so: Fein. Sie singen davon und ich reime!“

„Alla gud!“

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Sieh! … Die Sonne fällt

Das Meer verschlingt glühend

Es zischt nicht einmal

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Was taucht auf aus den Tiefen

Morgen wissen wir nicht mehr

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„Gefällt mir. Morgen reime ich zum Übermorgen!“

„Das grenzt ja schon an Prophetie!“

„Versuchen kann man es!“

„Der Löwe in Ihnen hüpft ja wild hin und her!“

„Psst! Ich denke nach!“

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 028

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Es ist ein Sonntag, ein kalter und ich grüße Sie herzlichst!

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Heute Morgen las mir der Ehrenwerte Herr Ernst Albert vor. Das heißt, er las nicht wirklich vor, aber laut vor sich hin. Und ich hörte hin. Es ging um das Paradies. In einem Magazin einer Zeitung wurden Aufrechtgeher mit und ohne größeren Namen befragt, wie sie sich das Paradies vorstellen würden. Tja? Und ich?

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Metfässer, Lachs am Stiel, den man mit Honig flambiert und tausendundeine nackte Bärinnen ohne Gendersternchen und in entflammter Willigkeit? Dazu ein Gratisabo von Sky, Netflix, DAZN und anderen schummrigen Sendern? Tag und Nacht Pöhlen schauen oder Tierfilme? Die vor allem mit vielen Bärinnen? Gleicher Lohn für alle! Und keine Lügen aus Feigheit! Wer sich den Tatsachen stellt, kann nicht auf der Flucht erschossen werden! Jaaaa!

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Auf solche bescheuerten Ideen kommen doch nur Aufrechtgeher. Also ich meine, Paradies und dergleichen. Die sind ja nicht mal in der Lage, das was Ihnen die Götter schenken seit Ewigkeiten zu ehren, freundlich zu behandeln und ihre Gedankenschränke in Ordnung zu halten. Vom bebenden Herzen schon gar nicht zu reden. Huch! Was hätte ich mich ja beinahe aufgeregt.

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Aber einer der Aufrechtgeher, war glaube ich ein Kollege von Ernst Albert, das gefiel mir, was der schrieb. Etwa derart: So ein Paradies wie eine Art Premierenfeier, wo sich alle blöd grinsend anlügen und man die ganzen Nasen, denen man ein Leben lang versuchte aus dem Weg zu gehen, in Büßerklamotten wiedertrifft – „Tut mir so leid, daß ich früher dachte ich sein ein Bär aus Kamschatka, natürlich war ich schon immer aus Wyoming!“ – das ist die Hölle.

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Dann sagte der Ehrenwerte Ernst Albert noch was Nettes. Zu sich. Oder zu mir. Oder zu jemanden, der nicht im Raum, aber auf dieser Welt ist. Er sagte: „Wir sind alle keine Eidechsen. Abgefallene Schwänze wachsen uns nicht mehr nach. Watt fott iss, iss fott.“ Denke ich auch.

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Liegt der Lachs in meinen Eingeweiden

Muß der Lachs nicht weiter leiden

Schwimmt er noch den Fluß hinauf

Nimmt den Tod er stets in Kauf

Denn an der Biegung meines Fluߑs

Ist ganz schnell Schluß

Mit Lebensschuld

Ich wart‘ und hab Geduld

Und Hunger

Das Leben macht nicht junger

Soweit das und dies

Nur Heute zählt als Paradies

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Und deshalb hat Freund Budnikowski recht. Wir müssen hier raus!

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Ich wünsche noch einen schönen Sonntag und grüße herzlichst als

Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz und heute ärgerlich ob der Kälte, die mein abbes Bein zucken lässt schmerzlich an der Naht

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 027

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Hömma hier zusammen!

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Dat iss doch bekloppt mit die Welt. Im Großen wie im kleinen auch. Da scheint die Sonne und ich will raus. Aber der olle Bär iss sich wieder mal inne Auszüge von seinem Schuldenkonto am baden tun in flagellantischer Vertiefung. Da muß der mal aufpassen, dat der sich nich innen Aufrechtgeher verwandeln tut. Ich frach doch die Karotte auch nich bevor in sie reinbeiß umme Erlaubnis. Am besten noch in schriftlichen Formen. Ja lüch ich denn! Wie ich sach, der Hälfte vonnem Aufrechtgeherwesen darfste gerne mal die Zeigefingers abhacken tun. Klar et gitt Schulden, die wo zu begleichen wären schon wegen die Ehre. Aber nur wennet Zahlen sind. Der große Rest aber hüpft inne moralischen Sümpfe rum wie eine besoffene Tsetsefliege. Iss doch so. Und: dat Buch hier in meine Pfoten, sonst wiecht dat lockere 4 Kilo pro Band, dat sind bei drei Bänden? Kannse selber rechnen! Dat hier in meine unschuldigen Pfoten iss die Kurzfassung und aus Gummi und damit kannse alles wechradieren. Also kannse wechradieren, wat eh nix mehr an Ertrag bringen tut oder will. Et gibt intelligente Aufrechtgeher – iss selten, aber gittet – die tun dat radikale Akzeptanz nennen tun. Kannse auch wechradieren, wat eh schon gelöscht iss, aber auf Deine persönliche Bildschirm immer noch auffluppen tut. Und kannse auch wechradieren, watt Du in großenwahnsinniger Aufwallung auf all Deine Zu Tun – und Selberveroptimierungs – Listen drauf gekritzelt hass. Dat gefällt mir. Dat iss getz mein Kapital. Vielleicht kannet et sich sogar vermehren tun. Wat wollt ich sagen. Ja, wechen die Bekloppheit. Kaum bisse draußen fällt dat Wasser vonnem grauen Himmel. Bisse also wieder drinnen. Und Regen kannse halt nicht wechradieren. Tränkens auch nich. Aber dat wat noch so am rumlüchen iss. Ist doch so! Mahler!!!!

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Ach hier, wegen Kapital unn so. Dat mit dem Terzic und die Rückkehr auffe schwatt – gelbe Leitungsbank tu ich sehr begrüßen tun. Hatte ich ja schon unlängst in meine vorherige Monolügerei verlautgebart. So. Et reechnet immer noch, wo iss denn der Mahler? Hörens, Herr Mahler, kannse mal wat von Dir geben? Also hömma hier. Dat is doch ein Heiopei!

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So, gut iss. Und getz noch ein Reimen vom Keimen.

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das hagelkorn traf

auf eine junge blüte

die nachfolgerin

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Tschüssken, getz Vorbereitung auf Good ole Kloppo

Herzlichst

Ihren Lütten Stan aka Budnikowskis Kuno

Und immer schön die Löffels steif halten. Gelle!

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 026

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„Bär! Es regnet nicht und die Sonne scheint!“

„Hase! Passt mir eben gar nicht in den Kram! Ich muß noch das Gegenlied zum gestrigen hören!“

„Na dann mal los! Wenn ich nichts zu melden habe, habe ich eben nichts zu melden!“

„Jetzt seien Sie mal nicht so empfindlich. Morgen bin ich wieder dran.“

„Inwiefern?“

„Na ja, in Sachen Schuldenkonto!“

„Schaun mer mal!“

*

Not guilty

For getting in your way

While you’re trying to steal the day.

Not guilty

And I’m not here for the rest,

I’m not trying to steal your vest.

*

I am not trying to be smart,

I only want what I can get.

I’m really sorry for your ageing head.

But like you heard me said:

Not guilty.

*

No use handing me a writ

While I’m trying to do my bit.

*

I don’t expect to take your heart.

I only want what I can get.

I’m really sorry that you’re underfed.

But like you heard me said:

Not guilty.

*

Not guilty

For looking like a freak,

Making friends with every Sikh.

Not guilty

For leading you astray

On the road to Mandalay.

*

I won’t upset the apple cart.

I only want what I can get.

I’m really sorry that you’ve been misled.

But like you heard me said:

Not guilty.

*

„Also Mahler. Die Aufrechtgeher und ihr die Schuld hin und her Geschiebe. Mühsam. Das ist, glaube ich, ihr einziges Kapital!“

„Vielleicht hätten wir Rechtsanwälte werden sollen!“

„Mahler! Ich bin dann mal weg!“

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 025

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„Wir müssen noch ein bisserl drinnen bleiben, liebster Hase!“

„Oh nee! Warum!“

„Der Ernst Albert singt gerade ein Lied! Das will ich zu Ende hören!“

„Ich verstehe die Worte nicht!“

„Dann lesen Sie halt!“

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Yes baby I been drinkin‘

And I shouldn’t come by I know

But I found myself in trouble

And I had nowhere else to go

*

Got some whisky from the barman

Got some cocaine from a friend

I just had to keep on movin‘

Til I was back in your arms again

*

Guilty baby I’m guilty

And I’ll be guilty the rest of my life

How come I never do what I’m supposed to do

How come nothin‘ that I try to do ever turns out right?

*

You know you know how it is with me baby

You know, I just can’t stand myself

And it takes a whole lot of medicine

For me to pretend that I’m somebody else

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„Hübsch! Und ein bisserl selbstverliebt leider auch! Muß ich mir nochmal anhören!“

„Lohnt sich vielleicht. Oder? Was denken Sie?“

„Morgen zoomen wir dann mal auf die Unschuld. Soll ja auch regnen.“

„Bleiben wir noch was drinnen?“

„Mahler! Genehmigt Und was ist mit den Reimen und der Natur?“

„Budnikowski! Sollen halt warten! Es gibt auch verschlungene Pfade in den Hinterländern mancher Seele!“

„Sie sind ja drauf, Sie Hund!“

„Bär, wenn schon Bär!“

„Gut. Ab morgen neue Beschimpfungen garantiert, geliebter Dummbär!“

„Weia!“

„So isses!“

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