Zuviel Himmel im Kopf / Mahlers 2014 / 001

himmel_001

ich hatte gestern

heute nacht schon wieder

wieder hatte ich heute nacht

geträumt

ja

ja gewiß aber

es ist kalt

geworden ist es

kalt

und ich dachte obwohl das nicht geht

denken

denken geht nicht wenn man schläft

wenn man schläft ist es anders

blitze lichter pfeile

gewitter im hirn dem ruhesuchenden gehirn und die muskeln

die muskeln vibrieren auch

obwohl sie ruhen aber

aber die blitze lichter pfeile

und ich blieb wach

obwohl ich nicht geschlafen hatte

und dann war der frühling da

da war er doch der frühling und ich

ich war auch da

da war ich

noch im traum

aber auch der frühling

der war schon wach war der und da

der frühling

der lenz der kalte jetzt plötzlich

plötzlich so kalt der lenz

ja

gewiß

und dann ich

so viele träume im körper und

im kopf träume und luft

überall

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Mr. A. Mahler träumt tageweise ins Buch/sieben

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Dieser Winter fährt mit Mahler Schlittschuh. Ach, täte er es nur der Winter, mit eisernen Kufen über blankes Eis zischen. Vielleicht wäre dann die Winterruhe eine ruhigere als in diesem Jahr. Aber so bleibt es ein Wälzen und ein Schnauben und heute Nacht war er sogar in Indien, während ein Frühlingssturm an den Fensterläden zerrte. Von Indien träumt man selbstredend nicht in schwarz und weiß und Balou, der Gesinnungsgenosse in Sachen Gemütlichkeit, lief ihm auch nicht über den Traumpfad, sondern ein blinder und sehr aggressiver Digeridoo – Spieler, der im Nebenzimmer abwechselnd in seine Höllenmaschine pustete oder dem schlafgestörten Bären Schläge androhte. Der bebrillte und für indische Verhältnisse sehr blonde Pensionswirt (ein indischer Herr van Winter?) hatte ein Einsehen und führte den Bären ein Stockwerk höher und hinter alten knarzenden Türen öffnete sich ein Zimmerflucht, vollgestopft mit Kunstwerken, tropischen Pflanzen und historischen Mobiliar (Zuviel Chatwin gelesen, Herr Mahler?) Außerdem waren die Zimmer zur Straße hin und die ist in Bombay meist rund um die Uhr dezibelstark belebt. Aber nicht genug, teilen sollte sich der fernreiseträumende Herr A. Mahler die Suite mit Wildschweinen – drei an der Zahl – und einem Mann, der ein Baby stillte. „Bis es aus dem Gröbsten raus ist!“ So der Pensionswirt, der wohl auch der Vater des Säuglings. Aber die Zimmer sollten nicht zusätzlich in Rechnung gestellt werden. Ist doch auch was! Und dann wachte – Wer kann es ihm verdenken? – Mahler das x – te mal aus der diesjährigen Winterruhe auf. Verstört. Verschreckt. Und just als er aus dem Bett fallen wollte, fing der ehrenwerte Herr Ernst Albert den Bären auf und fragte ihn, ob er mit in den Breisgau reisen wolle. Und an den See. Und dann an den schwarzen See. Das muß der Bär sich noch durch den Kopf gehen lassen. Aber besser als Indien ist das allemal. Der Bär schlief wieder ein und ihm war, als drücke im jemand dutzende von Geldscheinen in die Tatze. Aber die gehören doch gar nicht mir? Ist das Schwarzgeld? Weiß ich es? Dann wurde es warm und hell in seinem Kopp und Mahler dachte, daß er schwarzsehen könnte, wenn er wieder wach. Zwischen warmen Kissen bleibt die Seele weiß. Mahler schläft endlich. Psst!

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Mr. A. Mahler träumt tageweise ins Buch / sechs

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Und dann träumte Mahler, er verlöre sein Fell. Er war unterwegs, er hatte es eilig, oder besser: man hatte ihn eilig. Reisetraum. Unterwegs. Ziel vergessen. Oder keines angestrebt. Wer träumt, deutet nicht den Traum, den er träumt. Aber Mahler ahnte träumend, daß ein Mahler ohne Fell kein Mahler mehr ist. Was dann? Ein Fisch? Ein Bärfisch? Ein Fischbär? Eine Reinkarnation? Wiedergeburt als Lachs, der dann von Bären zerlegt wird? Herr Ober, zahlen bitte? Dann wurde der Traum entschieden enger. Zwei eitle Arschkrampen – das darf man schreiben; wenn man schwarz – weiß geträumt hat, lieber Leser – zwei eitle Arschkrampen also, mit denen Mahler in seinem früheren Leben zu tun gehabt haben mußte, grinsten ihn an. Unentwegt. Arschkrampen in Träumen grinsen immer blöd. Oder schießen in der 98. Minute noch ein Tor und dürfen zur Belohnung an der Freundin des Unterlegenen rumfummeln. Mahler aber hat keine Freundin, noch nicht mal im Traum. Wenn ihm das Fell abhanden kommt in Gänze, wars das eh mit dem anderen Geschlecht. Als Delilah dem Samson das wallende Haupthaar abschnitt. Mahler reicht einem der Arschkrampen den Vertrag. Da steht es doch. Schwarz auf weiß. Mahler hatte gelernt: was steht, das steht. Schwarz auf weiß. Vertrauen! Im Traum. Wann? Damals? In wessen Namen? Mahler geht weiter. Alle, die ihm entgegen kommen, grinsen. Auch diejenigen, welche keine Arschkrampen sind. Die Gehwege werden weggeklappt. Die Straße, auf der Mahler fellfrei traumwandelt, wird schmaler. Rechts und links des Steges steigt abendliche Warmluft auf, Dohlen spielen mit der Thermik, singen und schwingen. Leicht. Es abgründelt. Mahler wedelt mit einem Schriftstück, er besteht darauf, daß er den Vertrag genau gelesen habe. Auch das Kleingedruckte, Du Fisch? Gewiß und schwarz auf weiß. So habe ich das gelernt. Von wem? Dann träumt Mahler, daß er aufwacht und fürchterlichen Muskelkater hat. Der Traumschleicher Budnikowski steht neben ihm und schlägt ihm unentwegt die kleine weiße Pfote auf seinen Oberarm. „Hömma, BVB hat gewonnen.“ Mahler dreht sich um, schläft weiter und träumt davon, das Fell des Bären unter den Gerechten zu verteilen. Vor der Zeit, natürlich. Und dann steht er im Foyer eines Musentempels. Warum grinsen heute alle in seinen Wintertraum hinein? Und wer? Ernst Albert oder die Arschkrampen?

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Mr. A. Mahler träumt tageweise ins Buch / fünf

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Und plötzlich waren da Kontraste. Linien. Grenzen. Schärfen. Die Buntheit, wo ist die Buntheit? Mahler blickt angespannt auf seinen flimmernden Traumbildschirm und dort ist tatsächlich alle Buntheit weg. Ein Testbild vibriert vor dem Auge des Schläfers, schwarz ist es und weiß. Und das war es. Und es ist gut. Das findet Mahler. Es wirkt klarer und das Hirn eines Bären ist auch keine doofe Puddingschüssel und Farben mahlern macht es sich selber, des Meister Petz‘ Denkkästlein. Wenn es überhaupt will. Ein Traumschlaumeier hoppelt durch das Testbild. „Und was ist mit der Vielfalt? Den Zwischentönen?“ Unnötiger Einwurf. Die Übergänge vom Schwarz ins Weiß sind… na ja … auch Übergänge. Zärtlicher jedoch. Geruhsamer. Aber die Trennlinien sind – wenn man will – schärfer. Härter. Kontrast. Mahler ist zufrieden und beschließt das kommende Jahr in schwarz und weiß zu betrachten. Und einzuteilen. Und zu bewerten. Ja: bewerten! Er hofft so wieder zum Ja und zum Nein zu finden. Die vorauseilende Relativierung jeder vergangenen und zukünftigen Lebenssekunde raubte ihm in den letzten Monaten allzuoft den Schlaf. Das muß sogar ein Traumschlaumeier einsehen. Mut hat weniger Buchstaben als „jasicherdasseheichzwarnichtsoaberverstehemankannes jaauchandersundso.“ Sonst vergißt bär ja eines Tages sogar, wie er heißt. Und das ist nicht richtig! JA! Der Himmel klarte eben auf vor des Bären Höhle und Väterchen Frost streichelte ein kaltes Rot in den Abendhimmel. Nein, er malte ein mild schwärzeres Weiß ins vorabendliche Grau. Dann träumt Mahler das! Genau!

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Mr. A. Mahler träumt tageweise ins Buch / vier

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Es fasst mich etwas an, denkt man im Sinne der Klassiker und erwacht. So Archibald Mahler again während des diesjährigen Winterimitats auf der Suche nach dem Schlaf. Meist wird man ja von innen heraus erschreckt, meint aber gewiß außerliche Berührung zu spüren oder gibt der Matratze oder dem Wetter die Schuld, verlegt so küchenpsychologisch den inneren Schrei auf eine Außenhaut und vermutet einen fremden Biß. Doch heute in der Nacht war es andersrum. Eine weiße Pfote griff nach Mahler – das Ziel sei nicht näher beschrieben – die Pfote nun war nackt und trotzdem befellt und laberte ohn’ Unterlaß von der Pöhlerei. Mahler, als erklärter Laie in Sachen Fanatismus, trat heftig um sich und statt roter Karte erhielt er einen Kuß, immer noch nackt und befellt und dann war man auf der Flucht. Also der Küssende haute ab, hakenschlagend wie ein Hase. Bei Mahler dämmerte es. Der ewige Budnikowski, wer sonst soll es sein und buchstabiert ein halbwegs Denkender das Wort Pöhlerei, so steht da auf seiner Schiefertafel: Eskapismus. Hallo fremde Pfote, sei gegrüßt! Und es blieb weiterhin ein Traum und Mahler röchelte weiter, als der ewige Budnikowski plötzlich auf ihm liegt und es den Bären wohlig und feucht erschauert. Hatte er deshalb gestern nächtlich liebesgedichtet? Dann fährt der Traum um die eine Ecke und findet statt im fernen Brasilien. Ein Rasengeviert ist braun und es staubt und auf den Rängen ist es leer, aber auf dem braunstaubenden Festplatz liegen weinend hübsche junge Burschen und heißen Silva di Eduardo Renaldo Thiago von Nascimento oder einfach nur Zico oder Chico oder Mario Müller und schlagen ihre schwitzenden Fäuste in den Staub und um sie herum tanzend weißbehemdete blonde Recken, aber Mahler hat plötzlich schwarze Haare am Kopp – die Frisur sitzt –  und einen högschtwahrscheinlich sauteuren Kaschmirschal kunstvoll über sein weißes und eng und anliegendes Hemd geschlungen, neben ihm grinst der kleine Klassensprecher Kuno Budnikowski, reckt einen riesigen Pokal in die flimmernde Hitze einer Sambanacht und ein grinsend nacktoberkörpiger spanischer Türke aus Gelsenkirchen zwickt den Mahler ständig in den schwitzenden Pöter und ruft: „Jetzt sag es doch! Jetzt sagt es doch! Los!“ Und Mahler mit Schal und Budnikowski mit Hasenzahn, der eine schneller, der andere etwas lahmer, hüpfen in den Pokal und der Pokal schwimmt im Atlantik und es ist wie am Ende eines James Bond – Films, Champagner perlt und Rum, der Jesus von Rio will noch mahnend den Zeigefinger in die Luft recken, aber da war ein Blitz davor und aus dem Pokal tönt es: „Wir sind ein Paar!“ Und schon wieder ist es dem Mahler feucht zu Mute, aber nun auf der Stirn und er sitzt in einem Autobus, der fährt von Konstanz nach Kreuzlingen und weiter in die Schweizer Berge, weil da irgendwo olympisches Skifahren ist, da freut der neue Traum des Bären sich drauf und alle Bürger hinter der Grenze haben rote Hemden an, darauf weiße Kreuze und freuen sich auch, aber Mahler hat vergessen eine Fahrkarte zu lösen. Sonne Hureschieß!

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Mr. A. Mahler träumt tageweise ins Buch / drei

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Heute nacht wälzt sich Mahler weiter und träumt, er hätte sich unsterblich verliebt. Und wenn man unsterblich verliebt ist, muß man aufwachen und durch die Nacht wandern und dichten und sich weiter wälzen und zur Strafe am nächsten Morgen lesen, was in der zerschossenen Nacht aus den poetischen Lenden kroch. Mahler reibt sich seine Augen und dann liest er ein Poem, kursiv zentriert in pathetischer „kleinschreibweisheit“:

nachtwanderungen der schlaf hat mich plötzlich und schwer umarmt und sich genauso plötzlich und schwer davongemacht. morgens um vier besuchen sie mich: deine, meine, unsere gespenster. nicht laut schreiend und wehklagend wie die tage zuvor, nein leise, ihre forderungen nur sachte an die wände malend. du hast ihnen einlass gewährt, hast ihnen nicht die begrenzte haltbarkeit deiner gastfreundschaft klargemacht. sie klagen und kratzen an den fenstern, sie huschen durchs dachgeschoß, daß ich betrete und fühle, dort oben wohne nicht ich, nicht wir, dort oben ist noch terra incognita, heimstatt eines schmerzlichen betruges. ich höre das ferne röcheln anderer wartender. gespenster haben eine fürchterliche eigenschaft. in jedes loch fehlender klarheit nisten sie sich ein und reiben ihrer stinkenden schwänze. und aus jedem qualvoll verspritzten tropfen erwacht ein neues noch größeres gespenst, eines dessen hohnlachen noch lauter und schneidender den schlaf erwürgt. oh du fata morgana, lichtspiegelung in der wasserwüste der liebe. draußen taumeln die seemänner und wollen an land, doch die nächtlichen schweren ketten rasseln vor einer hafeneinfahrt, welche gar nicht existiert. leuchttürme, in denen alte wächter mit rum gurgeln, versinken in der flut. heute nacht ist meine haut hart und glänzend, über meinen innereien liegt der panzer der erschöpfung und ich breche auf. was bist du, eine leinwand auf der aufgeregte leichtmatrosen ihre farbreste verkleckern, eine kneipe, in der vaterlose gesellen unter die tische pinkeln, die dornenhecke, in der liebeskranke troubadoure ihren rausch ausschlafen, um morgens das blut ihrer wunden in ihre weinkaraffen zu ergießen? oder bist du einer dieser spiegel, in die man hineingreift und plötzlich sein blutendes herz in den händen hält? ich erinnere mich nicht daran, daß von den zinnen deiner burg proviantpakete auf die singenden ritter hinabfielen, ich erinnere mich nur an das rasseln der skelette, über die ich stolperte und zu deren rhythmus ich neue lieder bastelte. in deinen gemächern stapeln sich nicht abgesandte worte, seidentücher, um die sich ganze bataillone duellieren würden. und dann schickst du dein kleines kind hinaus und weinend zucken die eben noch festen knie in den sand. das morgenlicht liebkost die wahnsinnigen und die eine rose, die du gabst, zerstreut sich in alle himmelsrichtungen, eine jede faust umklammert schwitzend ein blütenblatt. zu hause, in ihren jämmerlichen hütten sitzen die wallfahrer, alte kompendien wälzend, in der irren hoffnung ihre tränen und die leblosen säfte ihrer lenden erweckten das tote souvenir zu neuem leben. ich besteige mein armes altes pferd und rauchend machen wir es uns auf einer wegkreuzung bequem. die sonne leckt meine müdigkeit und traurig erwarte ich dein lächeln. der rosarote wind trägt mir entgegen, was ich verlor, den geruch deiner ewigkeit.

So also steht das da am nächsten Morgen. Die Tatze Mahlers zuckt nach rechts. Lediglich ein Reflex. Jedoch das volle Glas Wasser, das neben des Bären Bettstatt weilte, ist geleert, der Rachen weiter rauh noch und Mr. A. Mahler beschließt, während er wieder einschläft, die Liebe nicht ernster zu nehmen als den Fußball.

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