Appenzeller Vergewisserungen / Das Idyll

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„Hömma Mahler, dat iss Zungenmuskelkater erste Kategorie, wat ich mir da zugezogen habe beim Versuchen dat Einheimischenlied nachzukauen: Sagedzi vieh labätzieh wiegodsauch ihrema? Wat is dat dann? Iss dat eine Spezialform vonne finno – ugurische Dialekte ausse uralische Sprachfamilie? Sind dat Bergfinnen oder Hügelungaren, die in ihre Teppichmäntel inne frühen Siebziger dat Werk geschrammelt haben?“

„Nein, das was wir eben hörten ist eine Unterart – gewiß sehr speziell – des Alemannischen. Also der deutschen Hochsprache verwandt! Zum Nachsprechen: Ja, grüezi wohl, Frau Stirnima, sagged sie, wi labbed sie, wie sind sie au‘ so dra? Ja, grüezi wohl, Frau Stirnima, sagged sie, wie labbed sie, wie gaht’s däm ihrem Ma?

„Hochsprache laß ich aber auch nur durchgehen tun, weil wir hier oben auffem Hügel sitzen, woll. (Im folgenden längeres und genüßliches Schweigen nach üblicher Hasenmopperei.) Aber ist dat nich schön? Da unten dat.“

„Fast zu schön!“

„Wie meinen? Dat geht doch gar nicht: zu schön!“

„Ich meine schon, Herr Budnikowski. Ein Geschenk solcher Schönheit kann den Aufrechtgeher dazu verführen zu denken, er hätte es verdient hier zu leben. Aber es ist nur ein Zufall, ein glücklicher, der ihn hier zur Welt brachte.“

„Dat iss wohl so. In Oberhausen iss häßlicher, dafür bisse von mehr Freundlichkeit umgeben.“

„Wenn Sie meinen! Aber los jetzt, Faulhase!“

„Ein Minütchen noch. Solche Blicke hasse selten als Flachlandhase! (Wieder ein Schweigen. Noch länger. Noch genüßlicher.) Wat iss dat für ein neues Lied, wat da vom Gewässer da unten in meine Löffels reinkriechen tut?“

„Ich glaube das hat der Ernst Albert bestellt.“

(Und während das Lied – im übrigen gleichen Alters wie der Liedbesteller– die Hänge des Appenzell hinaufkriecht, erzählt dieser die Geschichte von vier jungen Männern, die vor vielen, vielen, vielen Jahren auf einer Bank mit ähnlichen Aussichten saßen, ihre Sinne von indischen Heilkräutern geschärft, vorne auf der Kante der exponierten Bank sitzend, unruhig, im Aufbruch begriffen. Nach langem stummen oder verplaudertem Betrachten stellte einer der vier fest, daß dieses Idyll einen praktisch in die Welt hinaus zwinge, denn wo soviel Schönheit einem zu Füßen liegt, wo bliebe da die Arbeit, die zu tun sei, um ein Leben mit Sinn zu füllen. Wer der vier diese Worte sprach, man weiß es nicht mehr. Wahrscheinlich erinnert jeder der vier sich selbst als Sprecher. So ist das mit der Erinnerung nun mal. Und nachdem die vier aufgestanden waren – nicht ohne ein Abschiedsbier zu trinken – zerstreuten sie sich in alle Windrichtungen. Einer unterrichtete fortan in Afrika, einer trampte nach Portugal, buck Brot und kaufte sich einen Esel, der Dritte pflückte Tomaten hinter Matala und traf dort ein Weib aus Hannover und der Letzte reiste nach Amerika, einen neuen Beruf zu lernen. Heute weilen zwei der Herren wieder am See, die anderen beiden schauen gelegentlich vorbei und hören dann vielleicht dieses Lied. Vielleicht!)

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Appenzeller Vergewisserungen / Gruezi wohl!

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„Gruezi!“

„Wat iss?“

„Gruezi wohl, Herr Budniccchhowsccchhi!“

„Grütze mit Kohl? Hasse Mandelentzündung oder bisse am Gurgeln, Meister Mahler?“

„Werter Budnikowski, ich grüße lediglich in der Sprache der Eingeborenen!“

„Wat getz? Grüzzi?“

„Ebend nicht! Dem hier Verheimateten ist ein „ü“ nicht geläufig. Es wird ersetzt durch ein „ue“ mit leichter Betonung des „e“. Letztlich aber klingt es so, als habe man dem „ü“ noch ein „e“ angehängt. In etwa Grü – ey – zie. So sind sie halt hier, etwas verquer. Aber die Löffel gespitzt und hören Sie selbst!“

(In folgendem Zusammenhange spitzt der Hase seine Löffel auf Empfang: Der letzte sonnige Augusttag des Jahres 2014. Aber das weiß man immer erst von hinten her. Eigentlich wie alles. Die Sonne bemüht sich. Wanderer bergauf, Wanderer bergab. Begegnungen. Einheimischer trifft auf Fremden, Fremder begegnet noch Fremderen, der Einheimische grüßt einen Fremden, dem das Einheimische nicht ganz fremd. Und so fort. Babel feiert fröhliche Urständ. Alle machen mit. Chinesen auch und Russen und sogar Wesen vom nahen Bodensee. Man grüßt, wird begrüßt und wieder zurück und hin und zurück und wieder her. Von den Hügeln ringsherum schallt tausendfach ein fröhliches „Gruezi! Gruezi wohl! Gruezi mitenand!“ By the way: Es ist eine Art von Pflicht, die der Wanderer gerne tätigt. Je nach Provinienz ernsthaft, belustigt oder verständnislos. Je nach Kondition keuchend, schmetternd oder unhörbar.)

„Hömma, dat iss getz die sagenumwobene Stille vonne Alpenregion, wosse nur mit dich selbst und dem Himmel und den Steinhäufen herum dich selber finden tun sollst? Fallse dat können tust. Und wo ich gerade inne Nöhlerei mich befinde, weshalb heißt dat Stückchen Gelände, von wo wir inne Tiefe hinab blicken, Ebenalp? Ist dat der lokale Humor?“

„Uff, Budnikowski, Humor und Schweiz. Eventuell wurde hier im Moment ein heikles Thema angeschnitten!“

„Hömma Bärli, wenn ich hier als Kuh auffe Weide den ganzen Tach in diese Quasselwolke wiederkäuen müßte, dann könnte et passieren, dat mir die Milch im Euter noch zu Quark gerinnen tut.“

„Brechen wir auf, Hase!“

„Erst mal muß ich noch inne Tiefe blicken. Dat haut einen doch ausse Socken raus. Iss dat eine Aussicht! Ne, wat iss dat schön!“

(Vom Bodensee steigt ein milder Wind die Ebenalp hinauf. Vom Hals der Kühe bimmelt es gleichmäßig und sehr gelassen. Mahler und Budnikowski – das erste Mal im Appenzell – staunen und lassen ihre Augen glücklich in die Tiefe fallen. Und Ernst Albert singt der wunderbaren Eva Pelagia ein altes Lied.)

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Wolziger Seelegien / Vierzehn / Abschied

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So mancher Abschied mag nicht gelingen. Selbst nach wiederholtem Versuchen. Man sagt dann, es bliebe immer etwas zurück. Ruft die Arbeit den Einen, der da auf einen See blickt und nachsinnt, bleibt nicht viel von ihm zurück, da am See. Es besteht jedoch für den Gerufenen durchaus die Möglichkeit etwas mitzunehmen. Keine Steine, Tannenzapfen, Postkarten, Rechnungen, eher Unaussprechliches.

Ernst Albert packt den Koffer und Archibald Mahler schaut derweilen noch mal nach dem See. Der Sonnenuntergang war in seiner leicht pathetischen Kitschigkeit so bestellt. Archibald Mahler hielt ein eng beschriebenes Blatt Papier in der Tatze. Jemand hatte ihm dieses Schriftstück geschenkt. Als Wegzehrung. Wer? Na, der von gestern wohl! Gewiß! So oft hatte der Bär am See nun schon diese Worte gelesen, daß er begann sie auswendig vor sich her zu sprechen:

„Dichten heißt: nicht Schamane sein, nicht Beschwörer, nicht Überredner, nicht Gefühlsexzentriker. Das heißt, nicht Gefühle über Dinge sagen, sondern die Dinge so sagen, daß sie gefühlt werden können. Nicht eine Sache interessant machen wollen, sondern das Interessante der Sache entdecken. Nicht die eigene Begeisterung herausposaunen, sondern das Hinreißende der Sache zur Sprache bringen.“

Ernst Albert trat ans Ufer, seinen Bärenfreund über die bevorstehende Abreise in Kenntnis zu setzen. Der wedelt mit dem Schriftstück.

„Mensch, Herr Albert, hier! Wir können ja noch einiges lernen!“

„Hast Du es auch gefunden? Das ‚Kleine ästhetische Bekenntnis’ von Georg Maurer. Hm, ja, viel können wir noch begreifen.“

„Und wir hätten doch noch so viel zu erzählen, vom See, dem Engel, den Wanderungen, drinnen und draußen und allem. Oder? Wir müssen hier bleiben. Ich will nicht zurück in die kleine häßliche Stadt in Mittelhessen. Nie mehr.“

„Kindskopf! Budnikowski und Pelagia erwarten uns und der Musentempel ruft, laut und das leere Konto auch.“

„Und was ist mit den übrigen Geschichten? Etliche: Vom dem Adler in mir und den Tätern und Opfern. Die Flucht in die Mythen. Die Schleuse und das sinkende Niveau. Kuddels bunte Kiste. Die Wichtel im Wald und das einsame Würzfleisch. Die Blossiner Fischerhütte und die Systemreste. Der gebackene Aal, der Zander und Fischbrötchen erlegen den Schmerz. Charlie und wie ihr Vater am nächsten Tag am Nebentisch Wodka trinkt und zu laut verzweifelt. Willi mit den glänzenden Trinkeraugen in seiner Dorfkneipe, der letztes Jahr zum ersten Mal im Westen war. Und nichts vermisst. Der alte Theatersaal in Kolberg und wie Sie dort mit Wachtmeister Krause Atemübungen machten, betrunken. Die Kirche in Dahmsdorf und das Haus, daß wir dort kaufen wollen, inklusive Gräbstätte. Fühmanns Reise nach Salzburg und Ihr Deja vu vom letzten November. Die Kraniche über unseren Köpfen gestern. Buckow und die Spuren der Familie von Bülow. Und und und.“

„Wir kommen zurück, entweder hierher oder dorthin. Ich muß nun wieder nach Portugal und mich mit Herrn Pereira unterhalten!“

„Dann fahre ich mit Herrn Budnikowski in die Berge! Ganz allein!“

„Tu das!“

„Und wir reden nur Blödsinn!“

„Auch gut! Los jetzt!“

„Nur wenn Sie mir im Zug mehr von diesem Maurer vorlesen!“

„Gerne!“

Das was Archibald Mahler an einem regnerisch kaltem Augusttag, in einem Zug kurz vor Stendal von Herrn Ernst Albert vorgelesen bekam, war eine Passage – hier aus allen Zusammenhängen geklaut und vogelfrei zitiert – aus dem ‚Tagebuch eines Lyrikers’ von Georg Mauer, geschrieben 1949. Wie klar, wie frisch heute noch.  (Danke Herr Gunnar Decker für die erhellende Fühmann – Biographie!):

„ (…) Über die Toten kann man sprechen, was man will. Sie stehen nicht mehr auf, um sich zu verteidigen – oder dein Lob schamhaft zu dämmen. Sie erschlagen dich nicht, wenn du sie schmähst, sondern deine Lüge erschlägt dich, sie erheben dich auch nicht, wenn du ihnen gerecht wirst, sondern deine Gerechtigkeit erhebt dich. Versprich nicht – denn, wenn man verspricht, verspricht man sich zumeist. Denn deine Zukunft gibt nichts auf dein Versprechen… Beruf dich nicht auf die Vergangenheit, um dich zu erweisen. (…) Sage, wie es um die Gegenwart steht. Denn das sind immer die süßesten Worte, auch wenn es bittere Pillen sind. Denn sieh, das lebendige Blut in uns ist immer süß, auch wenn es uns weh ums Herz ist. Denke über die Vergangenheit nach, aber denke dabei, daß du darüber nachdenkst und du nicht die Wahrheit der Vergangenheit, sondern deine Wahrheit auffinden willst. (…)“

Zug fahren macht müde, Abschied auch und Heimkehr sowieso. Also ist der Herr Archibald Mahler eingeschlafen. Ernst Albert schaut für Mahler aus dem Zugfenster in die Welt. Dem Ernst Albert ist es ein Stück weit heller als auf der Hinfahrt. Doch viel Nachsinnen noch ist weiterhin. Davon berichten? Nachsinnen. Ernst Albert packt seinen Bären – die baldige Ankunft in der kleinen häßlichen Stadt ward eben ausgerufen  – und was wächst dem Mahler auf dem Rücken? Flügel gar? Bis bald!

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Wolziger Seelegien / Dreizehn / Märchen

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Zurück. Wieder am See. Wieder an einem See. Am Ufer sitzen. Auf den See blicken. Man kann so ein ganzes Leben verbringen. Archibald Mahler hat sich Ernst Albert nicht ausgesucht, Ernst Albert hat Archibald Mahler auf der Straße gefunden. Das wissen wir. Und Mahler sitzt seit vier Jahren erstaunlich oft am Ufer eines Sees. Man fotografiert ihn dabei, wie er an den etlichen Seen sitzt und schaut. Meist von hinten und hinter Mahler zu sehen ist dann der Teil eines Sees, einer der vielen Seen. Der Wolziger See aber ist ein besonderer See. Aber? Nix aber!

Ernst Albert wollte noch ein bißchen lesen, auf einer der Bänke am See, die in den letzten Tagen – mangels Massen – so etwas wie sein Privateigentum geworden waren, den springenden Fischen zuschauen, einen besonders bewegenden Sonnenaufgang erleben. Den guten wahren Naturkitsch. Sommerzeit, das Leben ist einfach, die Fische springen und vor einigen Jahren hat man sogar das Sommermärchen erfunden. Ist es nicht herrlich? Einer der älteren Herren Dauercamper tritt an die Bank und fragt Ernst Albert, ob er denn wisse, warum die Fische sprängen? Nahrungssuche? Freude am Leben? Am Titelgewinn gar? Pustekuchen! Die springenden Fische sind kleine Fische auf der Flucht. Denn nähert sich unter ihnen ein großer Hecht oder hungriger Barsch, kann der Sprung an die frische Luft für sie lebensverlängernd sein, zumindest vorübergehend. Tja, Sommerzeit, das Leben ist einfach, die Fische springen und vor einigen Jahren hat man sogar das Sommermärchen erfunden. Ist es nicht herrlich? Der Wolziger See aber ist ein besonderer See. Heute ist er alle Seen.

Heimat

Von Görsdorf der Blick / hinüber nach Allensbach / hinter Bad Saarow im Nebeldunst / der Hohentwiel / vor seinem Schatten ein Kormoran / von West nach Ost / zieht über Launsbach eine der ungezählten Gewitterfronten / eines Sommers / vom Baum hängt das Seil / schwingt im Wind über dem Wasser / gestern noch schwang und sprang hier / ein Junge / hinab

Als Ernst Albert – gemüdet von der Ruhe – sich auf sein Zimmer zurückgezogen hatte, unterhielt sich Archibald Mahler noch ein wenig mit dem Engel. Gerne hätte er ein Foto davon ins Netz gestellt, – so eine Art Selfie, wie man heute sagt – aber der Engel, der Mahler seit einigen Tagen auf dieser Reise begleitete, war zwar – wie man das so erwartet – mit einem mildem und reinem Herzen ausgestattet, doch hatte er kotige Flügel, Würmer tropften von seinen Lidern und er sah ein wenig so aus, als habe er alle Hoffnung fahren lassen, grau, müde, hager. Wie Engel nun mal aussehen, wenn sie ihrer Arbeit, eben Engel zu sein auf dieser Welt, milden und reinen Herzens nachgehen. Und wer will dies Foto sehen? Aber lächeln, das konnte er, der Engel. Und der Wolziger See lächelte mit. Aber? Nix aber! Pst! Die Seerosen öffnen gerade ihre Blüten. Und der Herr Ernst Albert hat es so eben verpaßt. Weia! Archibald Mahler wird sich wohl kümmern müssen.

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Wolziger Seelegien / Zwölf / Krieg

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„Was ist das, Herr Albert?“

„Mein Gott. Am achtundzwanzigsten April. Von hier nach Berlin vielleicht noch achtzig / neunzig Kilometer! Oh ihr Aufrechtgeher, wie Du gerne sagst, Mahler!“

„Wer hat das gemacht?“

„Wahrscheinlich Angehörige. Söhne. Enkel. Nachdem der Große Bruder und Befreier weg war!“

„Aber die Sowjets waren doch Befreier.“

„Auch, vor allem, aber nicht nur!“

„Wer läßt denn in solch hoffnungsloser Lage sein Leben, wenn die Schlacht schon zehnmal verloren ist?“

„So einer wie Fühmann damals vielleicht. Erst Jesuitenschüler, dann glühender Nazi, glücklicherweise – für ihn – von den Sowjets nur gefangen genommen, Umerziehungslager, später Jubelstalinist, Staatsschriftsteller, langsam der Zweifel, alkoholkrank, irgendwann Dämmerung, Wandlung, die Trakl – Erfahrung, Sturz des Engels, Biermann, Alkohol wieder, radikale Askese noch, sich bis zum Tode aufgerieben im Krieg gegen den einst verehrten Staat!“

„Warum ist er nicht in den Westen, spätestens nach Biermann!“

„Die ekelhafte Saturiertheit da drüben, sagte er!“

„Das verstehe ich ein Stück weit! Warum führt ihr Aufrechtgeher eigentlich ständig Krieg?“

„Manchmal denke ich, weil wir unser eigenes Antlitz im Spiegel nicht ertragen können. Deshalb brauchen wir dringend Feinde, wenn es geht am besten in der Gestalt eines Monsters. Und hat es sich der Krieg erst einmal bequem gemacht in den Herzen der Menschen, der Staaten, der Religionen und der Feiglinge, was dann? Na ja, weiter bis ins zehnte Glied! Und so fort!“

„Herr Albert, heute ist soviel Krieg auf der Welt, wie seit langem nicht mehr!“

„So ist das Mahler, und die, die noch vom Krieg in unserem Land erzählen könnten, sterben langsam aus!“

„Haben Sie gefragt, als Sie noch fragen konnten?“

„Viel zu wenig, Mahler, viel zu wenig! Viel Zeit war leider auch nicht! Deshalb die Bücher. Deshalb auch Fühmann. Fremde Väter!“

„Der Krieg bleibt in Euch wohnen, auch wenn die Enkel es nicht wahrhaben wollen?“

„So kann man es sehen!“

„Und wie ging es mit dem Monolog weiter?“

„Ich habe ihn ein paar Mal aufgeführt. In der Heimat meiner Eltern. Erfurt. Jena. Rudolstadt. Weimar. Zwischen Mauerfall und Zusammenschluß Ost / West damals. Das Interesse war begrenzt. Es ist sehr anstrengend. Das wußte ich damals noch nicht.“

„Lassen Sie uns unter der Eiche ein wenig ruhen, Herr Albert!“

„Ja, das war ein voller Tag!“

„Bleiben Sie dran am Krieg, Herr Albert. Was da ist, ist da!“

„Ja, nicht anfangen zu wissen, bevor man begreift!“

„Und jetzt Schnauze, Aufrechtgeher!“

Unter der Dorfeiche von Schwerin endet ein Tag

Einer Eintagsfliege gleich / unter Deinen Jahrhunderten / ein böiger Nordost fächelt hinüber den Geruch von Pferden / ein Kleinwagen der Diakonie hält / ein kurzes Nicken / ein alter Mensch wird zu Bett gebracht vielleicht / Kohlweißlinge tanzen überm Klee / ein Mädchen streichelt sein Pferd / Wiehern und Lachen / der Rücken schmerzt nicht mehr / so jung ich unter Deinen Blättern / Ruhe

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Wolziger Seelegien / Elf / Grab

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Archibald Mahler mag Friedhöfe nicht. Außerdem ist er – bei weiterhin guter Behandlung – unsterblich. Er blieb draußen vor dem Tore und bewachte das dort abgestellte Fahrrad. In guter Gesellschaft.

Ernst Albert hält sich gerne auf Friedhöfen auf. Er findet dort die Ruhe, bevor er da zur Ruhe kommen wird. Fühmanns Grab ward gefunden. Die bekannte Inschrift lesbar noch.

„Ich grüße alle jungen Kollegen, die sich als obersten Wert ihres Schreibens, die Wahrheit erwählt haben.“

Noch. Wie lange noch? Lesbar einerseits, als Anstoß ankommend andererseits? Der Engel – linker Hand des Grabsteins – leicht geneigt nach vorne steht er, noch nicht gestürzt, seinen Kopf etwas gesenkt. In welchen Abgrund blickt er? ‚Vor Feuerschlünden’, so der Titel der Erstveröffentlichung des besagten Monologes,  einst in der ehemaligen Ex – DDR. Der Lektor / Verlag / ??? / West machten daraus: „Der Sturz des Engels“. Man muß das Buch lesen. Dann kann man darüber reden.

„Was uns anstrengt, lassen wir verwittern, lassen wir verkommen.“ So dachte Ernst Albert und suchte den Friedhof nach einem schönen runden Gedenkstein ab, um ihn aufs Grab zu legen. Schwierig. Trockener Boden. Zerbrochene Ziegel. Sand. Kaum Steine, nicht mal Kiesel. Das Bier und etliche Liter Wasser fordern Freiheit. Ein Komposthaufen. Die hinterste Ecke. Brennesseln. Brusthoch. Durch den Zaun in den Wald. Schändung? Vor dreissig Jahren und wenigen Tagen standen sie hier und versenkten einen Sarg. Logen oder weinten. Es soll in jenem Sommer genauso heiß und drückend gewesen sein wie heute.

Einen Stein gefunden, nicht rund, eckig, rauh, einst Teil eines eingestürzten Gebäudes, mit Hämmern (und Sicheln und Zirkeln) bearbeitet, vielleicht. Einen Zweig eines Lebensbaums dazu gelegt. Am Grab eine Bank sei Dank und sitzen und nachsinnen. Nicht der Wahrheit. Zu groß das für heute. An diesem einen Grab nur sitzen und an den anderen Gräbern so auch sitzen. Am Grab eines untergegangenen Staats. Falscher Hoffnungen? Einst richtiger Hoffnungen auch. Des Vaters. Der Träume, ersoffen, mit Steinen beschwert versenkt in den Tiefen der Sachzwänge und Gier. Der Gegenentwürfe, trotzig und wohl überlegt. Des Anderen? Des nach Auschwitz einzig möglich Anderen? Einer verlorenen Liebe. Gedankenlos weggeschmissener Lieben. Liebeleien? Utopien. Illusionen. Ach, all die den Tod in Kauf nehmende Besserwisserei. Das Kettenkarussell dreht sich. Aus dem mitgebrachten Buch fällt ein Zettel, dreißig Jahre alt wohl:

„Bei dem im Impressum auf Seite 4 angegebenen Preis handelt es sich um einen Druckfehler. Der Preis für dieses Exemplar beträgt 13,80 M.“

Fühmann: Erzählungen 1955 – 1975. Ab Seite 143: ‚König Ödipus – Eine Idylle‘. Die Untoten grinsen weiterhin. Penetrant bleiben die Träume, noch pochen sie. Vergessene Besuche. Kindliche Fragen. Feige Zweifel. Zeigefinger. Systeme. Würgegriffe weiter. Kontrollverlust verleugnet. Schuld? Wenig Sühne. Rückwärts geblickt und wissen: lesen, lesen, lesen müssen. Am Grabe weiter graben auch. Nahe des Zauns, da hinten, neben der kleinen Kapelle, eine frisch ausgehobene Grube: hinein mit dem ganzen alten Zeugs? Wirklich? Nein. Täuscht Euch nicht. Noch geht es bergauf. Noch. Nichts ist vorüber. Nichts. Ein Satz Fühmanns aus einem Brief an einen deutschen Kulturfunktionär gleitet vorüber:

„Einer grünen Bank wird vorgeworfen, daß sie kein blauer Tisch ist!“.

Weia! Mittags um zwei, bei fünfunddreißig Grad im märkischen Schatten darf man kein Bier trinken oder besser gleich zehn.

Archibald Mahler hatte inzwischen sein Gespräch mit dem Engel beendet. Man war sich nicht fremd, hatte man doch schon in der Dorfkirche von Selchow kurz miteinander gesprochen, Äpfel kauend.

„Herr Albert, vor uns liegen noch fast vierzig zu radelnde Kilometer und Sie sind mein Chauffeur!“

„Uff!“

Das Fahrrad rollte weiter, Mahler feuerte an: Gepäckträgerpoesie!

Fühmann ist der bessere Brecht

Oder

Zum Sieg gehört die Niederlage

Wie der Maulwurf / der sich gräbt wühlt ackert / unermüdlich unerschrocken unerbittlich / durch das Bergwerk / die Stollengänge seines Lebens / dessen getrübtes Auge nicht sieht den nahenden Stiefel / einmal nur die Sonne auf seinem Fell einmal nur / Tereisias ach Tereisias / der Stiefel des Bauern / fährt nieder / einmal nur die Sonne auf seinem Fell wollte er spüren / der Schädel bricht als / die Sonne auf seinem Fell glitzerte sekundenlang / bevor er schob seinen Schädel hinaus ins Licht

„Mahler, weißt Du was Christa Wolf über den Franz Fühmann  geschrieben hat?“

„Sag an, Chauffeur!“

„Sie schrieb: ‚Ja, rigoros ist er gewesen, und er war mir immer ein wenig unheimlich in seiner Unbedingtheit… Er konnte verachten, anhaltend und unversöhnlich. Aber er konnte auch – fast möchte ich sagen: vor allem – rückhaltlos bewundern und bejahen.‘ Ich mag das.“

„Kann ich mir denken!“

Dann lachten Archibald Mahler und Ernst Albert auf, gleichzeitig. Am Ortsausgang von Märkisch Buchholz – gewiß linker Hand – über der Tür einer aufgegebenen Kneipe grüßte: dieses Schild.

„Bär Archibald Mahler, das glaube ich jetzt nicht.“

„Herr Ernst Albert, der Ketzer ist der erste unter den Gläubigen!“

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