Am Rand des Verderbens / Leere und Hoffnung

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Wüst und leer das Grasland. Keine Helden durchstreifen die Weite. Kein unruhiger Huf tritt die Halme. Der Morgen nach einer stürmischen und regnerischen Nacht liegt müde auf den geknickten Gräsern. Der Pfiff eines Präriehundes noch sirrt und dann fällt die bleierne Stille herab. Ein jeglicher Wind schläft. Der gelbe Planet erklimmt den Thron und brennt sich erbarmungslos in den aufsteigenden Tag hinein. Die Wundränder des Verderbens ziert eitriger Schorf. Die Koyoten schweigen in den Büschen, in denen sie lagern. Sie nagen einen letzten Knochen.

Selbst die eitle Hoffnung leugnet nicht den Tod, doch sie hofft der Sensenmann möge in den täglichen Kämpfen, die sich die Weiten der Prärie als Schlachtfeld gewählt haben, an den richtigen Türen klopfen, die leise Erwartung betet, er möge die Aufrechten verschonen, auf daß man weiterhin ihren Reisen folgen dürfe. Doch es herrscht keine Gewähr unter der brennenden Sonne. Das Große Schlachten kennt sie nicht die Guten, kennt sie nicht die Bösen, das Große Schlachten findet statt und badet in Drachenblut. Der naive und doch gerechte Glauben an eine weise Hand, die das Getriebe der Welten in freundliche und schonende Bahnen lenken möge, steht Tag für Tag und jeden Morgen wieder, den die Götter auf das weite Land, die Schluchten, Täler und Berge werfen, an den Wundrändern der ewigen Abgründe und zittert in Voraussicht. Die Prärie durchweht der bittere Hauch Hoffnungslosigkeit. Häuptling Kleines Abbes Bein und sein Gefährte Old Schmetterpfote scheinen ihre Pferde ein letztes Mal abgesattelt zu haben, sie scheinen nicht mehr zu sein als tränennasse Erinnerungsfetzen, gelagert in einem mürben Schuhkarton. Die Klapperschlange rüttelt ihr Hinterteil. Wir erschrecken nicht einmal mehr, geschweige denn vor uns selbst.

Auf einem Felsen unterhalb des geschändeten Heiligtums der Kamschatka – Bear lag und liegt der gebleichte Schädel. Fliegen durchsummen seine hohlen, ausgeweideten Augen, jene Pforten eines Palastes der Letzten Erinnerung. Welchen Helden trug früher dies dahingegangene Ross? Brach dereinst sein Lauf, in halsbrecherischer Flucht vor den Horden des Gewinnstrebens? Setzte ein untröstlicher Westmann die Flinte an den Schädel des gestürzten Freundes, ‚alternativlos‘ wie der Zyniker Mantra raunt? Hat Kinky Claude sein Ziel erreicht? Hat die Habgier wieder einmal erfolgreich das Zepter ergriffen? Müde durchblättern wir ein Buch und lesen, was der Chronist Rainald G. vor kurzem niederschrieb:

„Diese rattig auf Schläue angelegten Typen entwickeln eine besonders effektive Wendigkeit am Arbeitsplatz, machen Karriere, weil sie die Regeln des Sozialen auf ihren eigenen Vorteil hin kalt belauern und unirritiert von allem Seelischen, Menschlichen und Zwischenmenschlichen nur für sich selbst ausnützen und ihre eigene Tiefenamputiertheit, ihren perfekten Zynismus als Professionalität bezeichnen. (…) Der andere Mensch ist total anders unterwegs.“

Wir atmen tiefer ein und bitten die Hoffnung unsere ängstliche und wütende Brust zu weiten. Möge der Schädel andere getragen haben denn unsere beiden Helden! In der Ferne lodert auf ein Götzenbild.

(Fortsetzung folge!)

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Kleines Abbes Bein III / Die letzte Tasse Kaffee?

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Vor uns, auf dem ungeordneten Schreibtisch, liegt der gewissenhaft verschnürte Schuhkarton. Von Nagetieren (Insekten?) angefressene Kanten, Kaffeeflecken, fiebrige Kritzeleien. Auf dem ausgebleichten Deckel unten rechts eine Inschrift:

„Hier die Aufzeichnungen des Westmannes Old Schmetterpfote über seine Reisen in die Täler und an die Ränder, der Nachwelt zur verantwortungsvollen Verwendung.“

Vorsichtig öffnen wir die unzähligen Knoten, glätten die Schuhbänder, rollen sie auf. Das Heiligtum entblößt seinen Schatz. Dicht beschriebene, aus einer Kladde gerissenen Zettel. Beschrieben auf Vorder – und Rückseite, die Ränder gefüllt mit Bemerkungen, Zeichen, Pfeilen. Servietten, Saloonrechnungen, Bierfilze, Etiketten, Buchseiten. Bemalt, beschrieben, bekrakelt. Zeitungsauschnitte, fein säuberlich herausgeschnitten teils, hastig herausgerissen ebenso. The Tinseltown Times. El Paso Journal.  Le Mescalero Dimanche. Prairie Today.  Daily Mail of Roswell. Vergilbte Photographien, viele befleckt. Regentropfen? Tränen? Feuerwasser? Immer wieder ein kleiner, wacker in die Wälder und Täler blickender Bär und sein Begleiter, ein recht ordentlich vergilbter Hase. Eine Notiz fällt sofort ins Auge, fällt aus dem Rahmen. Ein Stück Bisonleder, eingeritzt eine hastige Nachricht. Mit einem angekokelten Stück Holz? Getrocknetem Schlamm? Gar Blut?

„Wir happen das Heilischtum erreicht. Unheimelige Stille. ER ist da. Der Häuptling der Kamschakas hat krose Schmerrzen. Das Bein schreit pei jetem Shcritt auf. Operation villeich schlecht. Der Tach vill nich mehr hell sein. Ich kann iHN richen, den Hun… Manitu, Großer .. Steh uns pei! — HIlfe! Klein Ab Bein heißt mich schwaige ..  Nein!“

Dann in einer neuen Schrift:

„atlantapam songo manituam eti. hugh!“

Und jene Photographie, die unsere Herzen rührt. Im Staub liegen die zwei Helden, deren Reise ins Tal wir verfolgen durften, deren ganze Geschichte jedoch noch im Dunkeln liegt. Spuren wurden gefunden, gelesen sind sie noch nicht. Ist dies das Ende? Wird die Geschichte fortgeschrieben? Oder ist sie schon dahin? Eine letzte Tasse Kaffee rinnt die beklommene Kehle hinab. Doch wir werden sie zu finden wissen. Westmänner sterben nicht, solange wir es nicht zulassen.

(Fortsetzung schläft noch)

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PS: Beim Schließen und Wiederverschnüren des Kartons fällt auf, daß der Deckel von innen beschrieben ist! Dem Leser hier zur verantwortungsvollen Verfügung.

Wir treiben auf dem wüsten Meer,

vergessen ist das Land.

Da fliegt ein Vogel auf das Schiff,

ist bunt und unbekannt.

Er singt von Inseln im Sonnenwind,

von wilden Bächen, von Honig und Wein,

von Ländern aus dem Sternenhimmel,

das muss Osti

Hier bricht der Text ab, einer in anderer Schrift beginnt.

Wo bin ich, bin ich in Liebe, wo bin ich, bin ich schon da?

Wo bin ich, bin ich auf Sternen, wann bin ich, bin ich schon da?

…..

Der Rest ist unleserlich. Noch.

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Kleines Abbes Bein II / Der Weg ins Nichts

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„Die besondere Aufgabe des Geheimnisträgers ist es seinen Stamm zu schützen und dies nicht vor seinen äußeren Feinden, sondern auch vor sich selbst!“

Klecker Petras mahnende Worte vor Augen saß ich in der Schlucht, in welcher ich damals Abschied genommen hatte von meinem Vater, meiner Schwester und dem weisen Medizinmann meines Stammes. Wieder sollte die Schlucht uns Schutz gewähren. Ich blickte in den gnädigen Nachthimmel, welchen Manitou über den letzten, wild bewegten Tag gespannt hatte und spürte die Kräfte in meinen Körper zurückkehren. Die GRAUE WOLKE kratzte nur noch leicht an den Rändern meines Bewusstseins. Old Schmetterpfote hielt die Wacht. Ich sah, daß die ewigen Schatten der Vergangenheit seinen Atem schwer werden ließen.

„Mein Bruder ist müde. Kleines Abbes Bein ist wieder bei Kräften. Er wird die Wache übernehmen. Old Schmetterpfote möge sich ausruhen. Ich höre, daß die alten Tage schwer auf seiner mutigen Brust lasten.“

Ja, die Erinnerungen, die diese Schlucht, die dem Stamme der Kamschatka – Bear seit je her als Rückzugsort diente, für mich bereit hielten, sie waren von tiefer Traurigkeit und bleiernem Gewicht. Hier hoffte ich damals auf heile Rückkehr, hier vernahm ich die tödlichen Schüsse, hier verlor ich eine Liebe, von hier aus brachen wir auf, um zu spät zu kommen. In meinem Schmerz betete ich um Schlaf und der Große Geist erhörte mich. Düstere Gestalten ritten durch meinen Traum, sanft fasste „Schöner Tag“ meine Hand, ihr schwarzes Haar strich mir über die Lippen, die ein fernes Lied sangen, ein Lied, welches noch nicht war, aber eines Tages werden würde, geschrieben und gesungen von einem, der diese Geschichten gelesen haben würde, mit Freunde und Verstand. Es war ein tröstendes und trotziges Lied. Ein einfaches Lied, gespeist von Hoffnung und liebevoller Naivität.

Das Besondere am Geheimnis der Kamschatka – Bear ist das Vergessen. Ein Kamschatka – Bear weiß um die Gespenster der Gier und um die ewige Unruhe der Erdenbewohner. Er weiß um das verhängnisvolle Funkeln in den Augen derjenigen, die einen Blick auf den Schatz geworfen haben. Er weiß um die Haltlosigkeit, die atemlose Besinnungslosigkeit derer, die aufgebrochen sind den vermeintlichen Schatz zu heben, von dessen Existenz sie meist nur durch ein vages Flüstern vernommen haben. Die Kamschatka – Bear aber wissen um die Unabdingbarkeit des Großen Verzichts, den sie wissen um sich selbst .

Ein zweites Mal ward mir das abbe Bein abgerissen und wieder angenäht worden. Die Kühle der Nachtluft linderte das Pochen der frischen Narbe. Kinky Claude hatte mir das Geheimnis entrissen. Doch es bestand keine Gefahr. Sie würden den Schatz nicht finden, weil der Schatz sich nicht dort befindet, wo sie ihn vermuten, weil selbst die, die den Schatz einst vergraben haben, all ihre Anstrengung darauf verwandt hatten, zu vergessen. Und vielleicht wissen wir sogar, daß der Schatz nirgends existiert als in den wund gehofften Hirnen der Unruhigen. Und dennoch hat auch in dieser Nacht der Schnitter sein Pferd bestiegen und hielt reiche Ernte unter den Verblendeten und den Unschuldigen. Neben mir lag Old Schmetterpfote und über seine schlafenden Lippen kroch ein Lied. Ich vernahm die Worte.* Ich weckte den Gefährten.

„Mein Bruder, es ist Zeit die Schlucht zu verlassen. Wir beide wissen, wo wir den Feind finden werden. Der Kampf geht weiter!“

„Der Häuptling hat recht. Manchmal jedoch wünschte ich mir in den Weiten der Prairie mehr Unvorhersehbarkeit!“

„Ich verstehe die Wut meines Gefährten. Doch auch im Schmerz ist es nicht ratsam, die Götter zu versuchen!“

(Fortsetzung folgt)

*Die Worte des Liedes, welches Old Schmetterpfote in der Nacht in der Schlucht sang, waren einst abgedruckt auf Seite 90 des Werkes, welches anno 1985 im FATA MORGANA – Verlag zu Berlin erscheinen würde. Seit einigen Jahren jedoch bleibt diese Seite aus unerklärlichen Gründen leer. Wir reichen sie im folgenden nach.**

**Als ich in jener schlaflosen Nacht über die kalten Straßenlaternen und neonbleichen Häuserreihen hinweg in den klaren Winterhimmel schaute, fiel mir ein Stern auf. Er gefiel mir und je länger ich ihn betrachtete desto größer und deutlicher wurde er für mich. Durch seine leuchtende blaue Atmosphäre konnte ich Meere und Kontinente erkennen.

Ich sah Urwälder, die wie eine schützende Hand das Land bedeckten, Gebirge, in deren schneeüberzogenen Gipfeln sich die Mittagssonne bricht wie in einem kostbaren diamanten. Flimmernde Wüsten, in denen nur der Wind wohnt, Flüsse, die breit und schwer wie die trägen Gedanken eines Sommernachmittags dahinfließen.

An ihren Ufern wogende Getreidefelder, vom Duft schattiger Obstgärten erfüllte Luft.

Dann sah ich sie, ihre Haut war braun, manchmal heller, manchmal dunkler, sie pflügten die Erde, bestellten die Felder, bauten Brücken aus seltsamen Metallen. Manche schwebten in schimmernden Kugeln durch die Luft. Ich sah sie in der Sonne liegen, sah sie tanzen, hörte ihre Gesänge, spürte ihre Liebe.

Dann sah ich ihre Städte. Städte, deren Schönheit ich nicht beschreiben kann. Städte ohne Hass und ohne Hast und ich sah keine stickigen Hinterhöfe, keine rasenden Blechkisten, keine verhungerten Kinder und niemanden auf den eine Waffe gerichtet war.

Ich sah keine marschierenden Truppen, keine Bomben werfenden Flugzeuge und ich sah niemanden, der Geld zählte.

Ich sah fröhliche Gesichter und sah traurige Gesichter, aber nirgendwo begegneten mir hoffnungslose Blicke.

Das Bild zerriss. Und da war nur noch die klare Dezembernacht mit ihren Tausenden von Sternen.

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Kleines Abbes Bein I / Ein Tag im Westen

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Ich hatte den Faden abgebissen, nachdem ich diesen fachgerecht verknotet hatte, ich desinfizierte ein letztes Mal die Wundränder, indem ich sie mit einer Paste aus zerkauter Karotte, Brennesselsud und zerbröseltem Knäckebrot einrieb und sah, die Operation war gelungen. Ich verstaute meine Utensilien und befand mich, als das kleine Schloß hörbar zuschnappte und der Arztkoffer verschlossen ward, wieder auf Ellis Island, an jenem freundlichen, Zukunft verheißenden Oktobertag vor wenigen Jahren, saß geduldig, doch mit wild pochendem Herzen, auf einer der langen und harten Holzbänke und wartete auf Einlaß ins gelobte Land. Neben mir, dösend und milde schnarchend, Prof. Dr. Dr. med Peter Curt Alfonsius von Kleckerburg, ehemals Direktor und leitender Arzt des Josefspitals – Fachklinik für Inneres und Äußeres – in Leipzig – Gosenstadt, heute in den Weiten des Westens und an den Lagerfeuern bekannt als der Große Präriephilosoph und Lehrer aller Willigen ‚Klecker Peter‘. Ich hatte das dankbar angenommene Glück erleben dürfen an der Seite dieses großen und wachen Geistes und an Bord der ‚MS Teutonia Sachsenadler‘ den Ozean queren zu dürfen. Der weise Mann hatte der alten Heimat einen kurzen Besuch abgestattet, um seine gütige Mutter zu beerdigen. Da nun die Schiffsreise über den atlantischen Ozean einige Tage andauert und mir der Sinn nicht danach stand diese langen Stunden mit Kartenspiel, billigem Fusel und dummen Geschwätz über Weiberleute und Pferderennen zu verplempern, nahm ich das Angebot des Professors – offensichtlich hatte ich schnell sein Vertrauen gewonnen gehabt, nachdem wir uns auf dem Oberdeck getroffen hatten, um den nächtlichen Sternenhimmel einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen – mich von ihm in die Grundkenntnisse der Notfallchirugie einführen zu lassen, dankend und freudigen Herzens an. „Junger Mann, sollten Sie den Westen bereisen wollen, was ich Ihnen gütigst empfehle, werden Kenntnisse dieser Art Ihnen nützlichste Dienste erweisen. Hinter den Ecken der Faszination und der Erkenntnisse lauern Wundränder und splitternde Knochen!“ Und so verfügte ich bei der Ankunft – zu bemerken sei noch, daß ich den Anblick der Freiheitsstatue leider verpasst habe, da ich noch in ein Kapitel über das Vernähen und Desinfizieren offener Wunden vertieft war – über Grundkenntnisse in allen Arten von Notoperationen, Wundversorgung und der Behandlung von Schlangenbissen, Grizzlyprankenschlägen und dergleichen Unannehmlichkeiten. Manitou sei Dank, wenn ich mich nicht irre, hihihi! Also saß ich neben ‚Klecker Peter‘ und die Zeichen standen auf Abschied. Ein fester Händedruck, wie er unter Männern üblich, ein vertrauensvoll fester Blick in die Augen des Gegenüber und gute Wünsche besiegelten die Trennung. „Möge er Dir Dienste leisten. Die Götter der Alten und der Neuen Welt mögen ein freundliches Auge auf Deine tatkräftigen Pfoten werfen!“ Mit diesen Worten überreichte er mir seinen Arztkoffer. „Und ich wünsche, Du mögest in den Weiten des Westen Kleines Abbes Bein treffen, den designierten Häuptling der Kamschatka – Bear. Mein Herz sagt mir, ihr werdet Euch verstehen! Lebe wohl und höre nie auf zu lernen!“ Er ging an Land und an mir war es zu warten, bis man mich aufrief.

Während ein vor Aufregung zitterndes Greenhorn, welches noch nicht wußte, daß es bald den Ehrennamen Old Schmetterpfote durch die Weiten es Westens tragen würde, auf einer Holzbank auf Ellis Island auf Einlaß wartete, betrat der junge Krieger Kleines Abbes Bein, beladen mit sieben frisch gefangenen Lachsen, zwei erlegten und ausgeweideten Wapiti – Böcken, drei Bastkörben voller Blaubeeren und trunken vom Honig wilder Waldbienen, das Lager seines Stammes, welches sich versteckt am Ende einer tiefen Schlucht im Nordwesten von Mittelidaho befand. Seinen Rücken zierte eine lange, notdürftig verheilte Wunde, die ihm die Pranke eines eifersüchtigen Grizzly geschlagen hatte. Sieben Tage und sieben Nächte war Kleines Abbes Bein allein durch die umliegenden Wälder gestreift, um zu beweisen, daß er in der Lage war, seinen hungrigen Stamm zu ernähren, sieben einsame Tage und Nächte hatte er Ruhe und Kraft gesucht und gefunden, Ruhe und Kraft, die ihm helfen sollten die Große Zeremonie zu überstehen, die Übergabe des Geheimnisses vom Schatz der Kamschatka – Bear. Alles war bereitet, die heilige Zeremonie konnte beginnen, in der heutigen Nacht, wenn der Mond den höchsten Stand erreicht hatte, würde der Große Klecker Peter, dessen Ankunft man jeden Moment erwartete, ein Bein des jungen Bären abtrennen und ihn zum Geheimnisträger des Stammes machen. Das Lager des Stammes vibrierte vor freudiger Erwartung und doch lag ein zäher Mehltau von Schwermut über der Schlucht der Kamschatka – Bear. Sie wußten und sie konnten es riechen, der Ring zog sich eng und enger, die weißen Aufrechtgeher waren nicht mehr fern, riesige Hämmer trieben schon Nagel auf Nagel, Niet auf Niet in die eisernen Schwellen und bald würden Heerscharen von Acht – und Ahnungslosen die einsamen Prärien und Wälder fluten, ausgespuckt von den dampfenden, feuerspeienden Eisenrössern, hemmungslos verbreitend die Errungenschaften der sogenannten Zivilisation: Gier, Neid, Feuerwasser, Gelärme, Eigensucht, Götzendienst und Gottlosigkeit. Doch den zukünftigen Geheimnisträger trieb anderes um. Gewiß erfüllte Stolz darüber, daß der Fingerzeig der Götter ihn gestreift hatte, sein tapferes, junges Herz, doch fasste auch eine gänzlich unbärige Angst nach seinen Schultern. Er lud seine Beute ab und blickte hinauf zum Himmel. Es dämmerte und der Hüter der Nacht, der Heilige Mond, betrat den Rand des Firmaments. Kleines Abbes Bein schloß die Augen. Er bat um Beistand.

Ich erwachte vom festen Griff der Schmetterpfote, die mich auf die Beine zog. Ein wilder Schmerz durchschoß mich. Ich hatte wieder zwei Beine. Vorsichtig setzte ich das eine vor das andere. Ich bewegte mich. Wann? Jetzt? Damals? Wer hatte das abbe Bein wieder meinem restlichen Leibe angenäht? Klecker Peter? Old Schmetterpfote? Die Zeiten schoben sich übereinander wie tektonische Platten und in mir entluden sich wirre Beben. Ich schwankte. Mein Gefährte hielt mich fest. Ich ging. Langsam. Mein frisch operiertes Bein schrie bei jeder Bodenberührung auf und meine Nase kitzelte der Geruch einer Mischung von zerkauter Karotte, Brennesselsud und zerbröseltem Knäckebrot . Vom dämmernden Himmel grüßte die Sichel des sanften Mondes. Aus weiter Ferne drangen die Worte des Gefährten in mein Ohr.

„Mein Bruder, hört er mich?“

„Ist der Feind noch nahe? Wir haben keine Zeit zu verlieren!“

„Mein Häuptling, laß uns die nächsten Stunden von hier verschwinden und der Kraft Zeit geben zu Dir zurückzukehren.“

„Mein Bruder spricht weise. Bring mich in die Schlucht!“

Die Nacht senkt sich schnell herab. Ein Kauz schrie. Dann schwieg das Tal. Die Gefährten erreichten ihr Ziel. Der Mond hing wie eine Banane über ihren Köpfen.

(Fortsetzung folgt)

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Der Schuft / Dem Geheimnisträger fehlt ein Bein

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Der Schuß fiel rechtzeitig und doch zu spät. Mein Leben war gerettet, doch das Geheimnis litt unter einem Verrat. Also sah ich mich nicht in die Ewigen Jagdgründe einreiten, sondern mit gesenktem Haupte vor dem Großen Rat der Alten Bären stehend, schuldbeladen, einbeinig, das Geheimnis vom Großen Schatz der Kamschatka – Bear in Händen wissend, die meinem Stamme nichts anderes herbeiwünschten als Tod und Untergang. Am Leben weiterhin, doch zweigeteilt, zerrissen von Zweifeln, Selbstvorwürfen und zwei gnadenlosen Fäusten. Und so fragte ich mich, ob es nicht besser wäre zu sterben, als das entwendete Geheimnis in den Händen eines Schufts namens Kinky Claude zu wissen.

Ich hatte nicht gezielt, dazu reichte die Zeit nicht aus. Der legendäre Kunostutzen wußte ohne mein Zutun, wohin er die rettende Kugel zu feuern hatte. Kinky Claudes Zeigefinger löste sich von seiner linken Hand, ein Strahl vergifteten Blutes, halb Lebenssaft, halb Feuerwasser, schoß aus der Stelle, wo meine Kugel eingeschlagen war und das abgetrennte Glied flog durch Lüfte, taumelte und fiel zu Boden. Eine vom Tumult angelockte Klapperschlange nahm ihr Abendmahl zu sich. Der Schrei meines Blutsbruder Kleines Abbes Bein und der Schrei des Schufts verwoben sich zu einem gräßlichen Kanon. Und man mag es nicht glauben, ich jedoch sah es mit eigenem entsetzten Auge, zu welcher Tat das Böse den Menschen treiben mag. Vierfingrig, blutend und fluchend – man erspare mir die Wiedergabe der vernommenen Scheußlichkeiten – gelang es Kinky Claude ein Streichholz an seinem verholzten Bart zu entflammen, daraufhin eine Stange Dynamit aus seinem mit allerlei menschlichen Ausflüssen besudelten Hemd zu nesteln; die Lunte zu entzünden und mit der Kraft und Zielgenauigkeit seines ewigen Hasses das glimmende, todbringende Geschoß in den noch unversehrten Munitionswagen des von Forresters Bande niedergemetzelten Siedlertrecks zu schleudern. Ein Flammeninferno durchwalzte das geschändete Tal und, am Leben zwar, doch noch nicht gerettet lag in Blickweite Kleines Abbes Bein, designierter Häuptling der Kamschatka – Bear, das heißt, wenn mein Auge nicht irrte (hihihi!), lagen dort etwa Vierfünftel meines Gefährten und einige blutverschmierte Yards weiter das losgerissene, das von nun an legendäre ‚abbe Bein‘ und dieses Bein war hohl, geschändet, man hatte es seines Geheimnisses beraubt. Ich beruhigte meinen Wallach Hattumörla und griff nach meinem Ärztekoffer, den ich am Sattelknauf befestigt hatte.

Die Alten Bären sagen, wenn der Vollmond am Tag der Wintersonnenwende im Zeichen des Kleinen Bären steht und eine Bärin an diesem Tag in ihrer Höhle niederkommt, das Neugeborene das Geschlecht der Krieger hat, dann habe ein Geheimnisträger die Wälder und Prärien betreten. Demjenigen, an dem ein solchen Schicksal vorbeischlenderte und dem deshalb der gelbe Vogel Neid im Nacken sitzt, sei gesagt, daß die Götter diese Aufgabe nicht mit den Freuden der Honigschleckerei versehen haben. Zwar wird in den Großen Ewigen Annalen der geneigte Leser oft und öfters über den Namen des Auserwählten stolpern müssen und manches Lied wird an den Lagerfeuern seine Taten preisen, doch bedenkt, daß schon siebenundsiebzig Stunden nach seiner Geburt, bevor er einem ersten Schritt hinaus in sein bewegtes Leben getan, dem mit der ‚Großen Aufgabe‘ Versehenen das linke Bein abgetrennt wird. Auch wenn diese Operation von einem mächtigen und erfahrenen Medizinmann getätigt wird, in unserem Fall von dem schon erwähnten Meister der Zeitreisen ‚Klecker Peter‘, wer möchte, da er noch die Wärme der mütterlichen Zitze an seinen Lippen spürt, ein eigenes Bein vor sich liegen sehen, beobachten, wie kluge und vorsichtige Hände eine silberne Kapsel in das Innere des abgetrennten Gliedes einführen und dabei ein ewig bindenden Schwur tun müssen.

Kajatam muko tä estis twi

bijamata eio bajalam

kiri ätä nomo neti

lapo manitou lapo tenbo kak

tarantapa crabo

atlantapam songo manituam eti

hugh*

Und so findet das Geheimnis, die Schatzkarte, welche die Pfade zu den Nuggets des Stammes weist, den Weg in den Körper des Geheimnisträgers. Anzumerken wäre noch, daß lediglich das monotone Brummen der Bärenweiber und das reichlich gefüttere Blaubeerenkompott die unbärigen Schmerzen versuchen etwas zu lindern.

Ich sah mein Bein vor mir liegen. War ich wieder der Kleine Bär? Ich hörte einen Schuß. Eine dünne Blutspur führte vom abgetrennten Bein zurück zu meinem Leib. Blut tropfte leise aus meinem Torso. Dort wo eben noch ein Bein ragte, was mich tausende von Meilen über Berge, durch Schluchten getragen hatte, ein Bein eben noch zuckte, dessen sanfter Druck meinen Rappen ‚Deadly Dust‘ über die Prärien gelenkt hatte, dort klaffte ein gähnendes Loch. Und ein weiteres Loch im abgerissenen Glied. Keine silberne Kapsel: vanitas. Ich sah, wie eine weiße Pfote nach dem abben Bein griff. Ich sah, wie eine weiße Pfote vor meinen trüben Augen tanzte. Ich hörte ein Explosion. Eine Stichflamme schoß in den Himmel. Eine weiße Pfote traf mich an der Schläfe. Ich sank. Ich sang. Ich sang ein altes Lied. Das Lied sang mich. Eine Nadel bohrte sich in mein Fleisch. Ein Faden folgte der Nadel. Ich hatte vor dem Großen Rat der Alten Bären Platz genommen. Ich schwieg.

*Eine – zugegeben – freie Übersetzung des Heiligen Eids der Geheimnisträger der Kamschatka – Bear finden Sie in dem – leider momentan vergriffenen – Standardwerk  von Kuno Wonnemond „Die Sprachen der Völker der Weite“, erschienen beim Scharmützelverlag, Leipzig – Gosenstadt, Radebeuler Hof 24.

(Fortsetzung folgt)

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Durch das Land der Droghebaren / Alter Schrei

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Ich griff ins Leere. Der Schatten, der uns atemnehmend in Finsternis gehüllt hatte, war weiter gezogen. Der Schrei, welcher für Sekunden alles Leben im Tal hatte einfrieren lassen, klang noch als besitzergreifendes Echo von den Basalttreppen zurück, welche sich am Nordende des Tales auftürmten. Mein Ohren richteten sich auf, durchmaßen die Stille, schritten ab die Raster, sondierten das wieder einsetzende Leben und meine Nase sog ein die verbliebenen Miasmen einer Bedrohung. Jedoch der Gefährte, er war entschwunden.

Nie hatte ich behauptet ein Held zu sein. Zwar habe ich mir in den letzten Monaten bei meinen ungezählten Abenteuern die grünen Hörner erst blutig – und dann abgestoßen, doch dies hat nicht zur Folge, daß mir nun alle Angst fremd. Tief im Herzen des Hasen, mag er auch mit einer noch so wirkungsmächtigen Schmetterpfote ausgerüstet sein, schlägt jenes Herz, welches durchaus von sprichwörtlicher Natur. Und also löst das Auftauchen eines Milans und vor allem dessen Mark und Läufe durchdringender Schrei bei einem meiner Art nichts anderes aus als einen lebensbejahenden Fluchtreflex. Möge ein in Drachenblut gebadeter Recke den Kampf mit diesem Ungetüm aufnehmen, Old Schmetterpfote aber zieht sich zurück und sucht und findet ein Loch. Und so pfiff ich ein Lied, was zu jener Zeit, da ich dieses Abenteuer durchstand, noch nicht geschrieben war, doch wer behauptet, es sei unmöglich verschiedene Zeittunnel gleichzeitig zu durcheilen, der irrt. In anderen Zusammenhängen wird es mir eine große Freude sein zu diesem Thema einige Bonmots des großen Prarie – und Wiesenphilosophen ‚Klecker Peter‘ an die werten Leser weiterzugeben. Doch erst möge Manitou dieses rotschwänzige Flugobjekt von meinem Radarschirm verschwinden lassen. „Hugh“, um meinen Bruder Kleines Abbes Bein zu zitieren.

Ein Westmann weicht keiner Auseinandersetzung aus, doch weiß er die unnötigen Kämpfe zu meiden und hat gelernt – wenn auch unter Schmerzen und des öfteren von den Göttern ermahnt – den rechten Zeitpunkt zu erspüren, an dem es angebracht ist den Ring zu betreten. Mein belöffelter Gefährte ist schlau, den er weiß, sich einem rotschwänzigen Milan mit leerem Magen entgegen zu stellen, ist nichts anderes als Dummheit. So ergriff er rechtzeitig das Hasenpanier und lochte ein, wo ich ihn nach einer kurzen Zeit des Suchens fand, wohlgemut und pfeifend, wie es seine Art ist. Ich hielt derweilen die Wacht, welche Old Schmetterpfote vor wenigen Stunden gehalten hatte, meine wirren Träume beschützend. Zwar versuchte ich meiner verantwortungsvollen Aufgabe, das Tal nach lauernden Gefahren abzuschnüffeln, nachzukommen, doch mein Geist reiste und dicht wie kanadischer Ahornsirup über frisch gebackene Pfannkuchen (eines meiner ersten und endgültigen Leibgerichte, mag ich hier gestehen!) legte sich Erinnerung über das Tal. Der Schrei des Raubvogels ward zum eigenen Schrei geworden, zu jenem das Bewusstsein stehlenden Schrei, den ich damals ausgestoßen hatte, da Kinky Claude, randvoll mit Feuerwasser und maßloser Gier, nach mir gegriffen hatte. Die Achtundvierzigste Minute war Vergangenheit, die Helden waren weitergezogen, ich lag wieder auf staubigem Boden und war so in diese Geschichte hinein geworfen, als eine Faust nach meinem linken Bein griff, es umklammerte und zog. Der faulige Hauch eines zerstörten Magens wehte mir in die feine Nase und ein unendlicher Schmerz ließ es damals um mich herum finster werden. Bald jedoch kehrte ich zurück ins Jetzt und spürte, wie meine Narbe begann zu pochen und als der letzte Schrei des Milans an den Wänden des Tales verhallt war, wußte ich: ER ist hier, ER ist nahe. Vor meinem Auge färbte sich das Tal rot. Hugh!

(Fortsetzung folgt)

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