Mahlers Brief, welcher durch puren Zufall so datiert wie hier zu lesen ist, aber trotzdem!

brief4

Lieber Budnikowski,

messen Sie dem Datum meiner Antwort auf Ihre Leberwurstfrage keine Bedeutung bei, es handelt sich lediglich um einen zufälligen Zusammenstoß diverser Assoziationsketten. Aber auch der Zustand, in dem der aktuelle Winter sich befindet, wäre zu erwähnen, denn ein jeglicher Versuch mich in den Winterschlaf fallen zu lassen endet in Unruhe, öffnet meine Augen und diese erblicken blühende Zweige. Japanische Zierkirsche. Nachtreibende Margariten. Weidenkätzchen. (Betreffs Ihrer Nebentätigkeit nur dies: das Ei ungefärbt belassen oder braten, bitte!) „Das Kind“, welches nun einen spanischen Namen trägt, ist wütend aus der Krippe geklettert und umtost mit der Wucht kreativer Zerstörung die Küsten und Gestade. Gezeitenströme verirren sich und Luftmassen fallen orientierungslos vom Himmel herab. Der Aufrechtgeher hat wieder Grund zu jammern. Selten dämmert ihm, daß Wesensmerkmal der vielbesungenen Freiheit es ist, nicht so viele Dinge zu tun, sondern dies zu unterlassen. Und so schreibe ich Ihnen zu, sollte Sie ein Anfall von transzendentaler Bedeutungshuberei überfallen:  das Leberwurstbrot an der Wand ist die rechte Wahl. Gerne auch gefasst oder gerahmt. Den Meisten ist das Rauschen vor den verspiegelten Fenstern der eigenen Imwaldität sowieso wurscht, wichtig ist die Erregung coram publico und daran herrscht wahrlich kein Mangel. Corizo corazon, Companero!

Kürzen wir ab und schließmuskeln, mein lieber Denkgenosse. Das letzte Jahr war laut und neigte zur geistigen Leere. Steigen wir also am heutigen Tag auf die Blauen Berge, blicken wir am heutigen Tag in die Himmel, suchen wir am heutigen Tag ein anmutiges Ritual. Vielleicht liegt es irgendwo im grünenden Gras. Neben einem Weihnachtsei!

Ach ja, kann man eigentlich auch die althergebrachte, moribunde Herzensbildung an die Wand nageln?

Das fragt sich und grüßt Sie – gelegentlich –  im Zustand schicksalbejahender Wunschlosigkeit!

Ihr Companero cordial Archibald Mahler, Comandante do Plaza de Fuegos

PS: Ihr neuestes Filmwerk gefällt mir! Oder sind Sie es gar nicht, sondern…

kuno_bowie

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Budnikowski antwortet und schreibt also an Mahler einen Brief auch über Leberwurstbrote

brief3

Besten Mahler,

dat iss die Sache so mit die Flecken. Da kannse noch so Vorsicht waltern lassen inne Planungsverfahren, wenn et troppt, isset passiert meist jenseits vonne Gewußtheit. Und dann iss klebrig. Getz zum Bleistift beie Marmeladenschnitten. Und obwohl ich schon höre des Sektierers Gemurre gellen, von wegen iss doch Unterschied obbe Flecken von Brombeer oder Aprikose oder Quitte oder iss Aprikose nur als Marillen anbetungswürdig und kannse bei Aprikose auch in Obergurgl dat Kreuz übere Brust und dat Gestirn kreuzigen tun, ich tu dat mal mit Schal generalisieren, und sach, dat et klebt, wennet klebt und dat persönliche Herkunftsorganigramm vonnem Fleck iss mich Jacke wie Putzlumpen. Wissense, dat öffentliche Anne-Wand-Pinnen iss schon die Crucification, so wie et ebenst die Tendenz geben tut in tägliche Verschärfung, dat die Öffnung vonne Hosenlätzen gewisse Heilsversprechen transportieren könnten soll und so ebenst die Freiheit gewahrt bleiben muß für jede triefende Nase auffe Erdboden. Dat mag der Bourgeois sich anne liberale Joppe heften tun, während der Citoyen auffe tägliche reflektorische Spazierrunde die weggeschmissenen Schnupftücher von seine Mitweltnutzer vonne Asphaltwegen klauben tut. Also geht mich fott mit die heilige Indufällität. Sachens, gittet nich auch eine Versicherung gegen Indivalität? Oder tu ich da watt verwechseln tun, Herr Mahler?

Grüßen Sie mich herzlichst von rechtswegen auch den Mops von Otto von Trottoir

Ihren Budni (Desiechnierter Ministersprecher für Glauben, Taube und Brotbeläge)

PS: Glauben Sie, dat Leberwurst vielleicht besser anne Brotscheiben haften tut, falls et mich mal nache Veröffentlichung von meine Tranzendentalien verlangen tut?

PS 2: Wünschen Sie sich wat von meine Wenigkeit fürret nahende Fest oder reicht et, wenn ich die Löffels stillhalten tu?

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Mahler diktierte, während er Brief erhielt, hörte nicht zu, konnte aber nachlesen und antwortete

brief2

Geschätzter Budnikowski,

Sie teilen mir mit, sie werden Marmeladenbrote anbeten. Ich äußere Verständnis angesichts der Unvernunft. Sicher befinden Sie sich auf dem Trotzweg, aber wer wandelt dorten nicht. Also verständnisreich genickt und die Bitte, das Marmeladenbrot nicht an nahe Wände zu nageln. Es tropft. Zu den Sätzen zu setzen noch wäre, daß ich auf einem Buch sitze. Einem Buchbergwerkbuch. Vollendet, abgeschlossen kaum. Das Monstrum, man hatte es Herr Ernst Albert als Dank für eine Musentempelei geschenkt. Schon der Titel. Also das mit der Depression verstehe ich ja mit einer Pöterhälfte, aber was ist raff? Möglicherweise gelingt es mir – nach erfolgter Lektüre – Parrallellenn (das Wort hat fast so viele Esse wie Misisipi) zu den Marmeladenbroten herzustellen. Oder schreibt man Marmaladenbrote? Nein. Das wären Berge in Südtirol. (Wo ich noch nie war!) Also, über achthundert Seiten wären zu durchfräsen. Herr Albert hat keine rechte Zeit, so schaue ich vorher und rein mal. Das Register gestaltet sich versprechend. Ich beginne mit meinen Initialen. Nur so. Apachen, Apfelsaft, Appolonius von Tyana, Apostel, Apotheose, Apusie, Are You Growing Tired Of My Love, Aristoteles, Arnemann Sepp, Arrabal Fernando, Artaud Antonin, Askese, Asklepios Klinik, Ata und Atom Heart Mother und dann May Karl, Mc Cartney Linda, Mc Cartney Paul, Meine Welt, Meinhof Ulrike, Meins Holger, Meister Eckhardt, Melancholie, Melencolia sowie Menschensohn siehe Jesus. Natürlich ist dies bestenfalls Kostpröbelchen in kleinster Dose. Jesses maria! Für Gespräch mit Ihrer Hochwertigkeit sehe ich so Zeitmangel nahen. Ich hoffe auf ein Wiedersehen auf blubbernder Heizung – wenn die Welt noch atmen darf – im Frühjahr dann, also wenn Winter sein wird. Endspiel iss immer. Es ist spät geworden, so longines.

Mit Gruß und Wink

Archibald Mahler

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Budnikowski schreibt dem Mahler einen Brief und beschließt Marmeladenbrote anzubeten

brief1

Budnikowski hatte eine alte Schreibmaschine auf der Straße gefunden. Falsch. Er hat die Ehrenwerte Pelagia eine alte Schreibmaschine auf der Straße finden lassen. Falsch. Das hat die Ehrenwerte Pelagia wohl selber gemacht, also gefunden. Falsch? Falsch. Ein uns nicht näher bekanntes Wesen hat die alte Schreibmaschine der Pelagia zu dahineilenden Füßen an den Straßenrand gelegt und der blieb nichts anderes übrig als die alte Schreibmaschine zu finden. Falsch. Wäre sie da nicht lang gelaufen, dann hätte sie die alte Schreibmaschine gar nicht sehen können, dort am Straßenrande rechts. Falsch. Links. Falsch. Mittags. Falsch. Hätte, wäre und hätte man gewußt, hätte man die alte Schreibmaschine woanders deponiert. Falsch. Das ist doch ausgemachter Blödsinn. Falsch? Falsch. Das ist ausgedachter Blödsinn. Richtig. Nein. Nein! Falsch. Die Schreibmaschine war schon immer da gewesen und man hatte sie nicht bemerkt. Falsch. Erst wenn man etwas bemerkt, ist es auch vorhanden. Falsch! Man muß über das Bemerkte schreiben, dann erst existiert es. Falsch. Die Worte verbergen das wahre Wesen des Gegenstandes. Falsch. Der Schreiber verbirgt mit den Worten sich selbst. Falsch. Die Schreibmaschine kann doch nichts dafür. Falsch. Wer A sagt, muß sich auch aufs B tippen lassen. Falsch. Aber die Werte. Falsch. Unsere Werte. Falsch. Unser aller Wertekanon. Falsch. Schreibmaschinen singen nicht falsch. Falsch. Der Letzte knipst die Lichtgestalt aus. Falsch? Falsch. Budnikowski behauptet, er habe eine alte Schreibmaschine auf der Straße gefunden, die die Ehrenwerte Pelagia fast übersehen hätte, weil wenn etwas nicht existiert, kann man kein B tippen, geschweige denn über das Wesentliche schweigen. Leider falsch. Budnikowski hebt die linke Pfote, auf dem obigen Foto verdeckt. Da ist doch was verborgen. Falsch? Wir werden es wissen, wenn es zu spät gewesen sein wird. Falsch. Das ist die einfachste Übung, also falsch, aber richtig. Schreibt Budnikowski dem ihm einen Brief diktierenden Mahler einen Brief? Er tut es scheinbar. Falsch? Er kauft sich keine neue Karotte.

Hömma Mahler,

mir isset, als ob et angebracht wäre, dat ich ab morgen Marmeladenbrote anbeten tu.

Herzlichst

Ihren Budnikowski (Exbärte)

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Vor dem Winter ein Endspiel auf der Heizung III

fin03

Hätten die Fenster Läden, sie klapperten und rüttelten. Die Blätter drehen sich zu Boden, als fänden sie Gefallen daran zu vergehen. Die Heizung zischt, schweigt, zischt, schweigt. Im Dachgeschoß rumpeln Schritte. Der Bär freundlich.

Willst Du ein Stück?

Nein. Pause. Wovon?

Vom Zwieback. Ich habe die Hälfte davon verwahrt. Er betrachtet den Zwieback. Stolz. Drei Viertel. Für Dich. Da. Er reicht dem Hasen den Zwieback. Nein? Pause. Ist Dir nicht wohl?

Sei doch still! Pause. Sprich leiser! Pause. Wenn ich nur schlafen könnte. Ich würde vielleicht lieben. Ich bestiege den Blauen Berg. Blickte auf Weiten, Lichtes, könnte sehen… sehen… Himmel, Erde, Natur, nacktes Leben. Pause. Einfach. Pause. Es tropft, es tropft in meinem Kopf.  Pause. Es ist ein Herz, ein Herz in meinem Kopf.

Ah! Hat man gehört. Man läßt Herzen klopfen. Im Kopf. Ah!

Man sollte über so etwas nicht lachen.

Nichts ist komischer als das Unglück, zugegeben. Der Hase entrüstet.

Oh!

Doch, doch, es gibt nichts komischeres auf der Welt. Und wir lachen darüber, wir lachen darüber, aus vollem Herzen, am Anfang. Aber es ist immer dasselbe. Wie bei einem Witz. Anfangs noch lachen wir. Dann wird es wie immer. Der Witz wird zu oft erzählt. Pause. Willst Du Deinen Zwieback nicht?

Ich werde Dich verlassen.

Kannst Du mich vorher noch kratzen?

Nein. Pause. Wo?

Am Rücken.

Nein. Pause. Reib Dich an der Heizung. Oder an der Wand!

Weißt Du noch, wie wir lachten. Pause. Damals. Wir wären beinahe von der Heizung gefallen, so lachten wir.

Es war das Erdbeben.

Nein, es war der Witz. Pause. Hör ihn dir nochmal an. Erzählerton: Ein Engländer – er verzieht sein Gesicht, um einen englischen Bären nachzumachen. Es gelingt mit groben Zügen –, der dringend eine gestreifte Hose für die Silvesterfeier braucht, begibt sich zu einem Schneider, der seine Maße nimmt. Stimme des Schneiders. So klingt ansonsten der Hase: „So, das wäre geschafft, kommen Sie in vier Tagen wieder, dann ist sie fertig.“ Gut. Vier Tage später. Stimme des Schneiders: „Sorry, kommen Sie in acht Tagen wieder, der Hosenboden ist mißraten.“ Gut, macht nichts, der Hosenboden ist nicht so einfach. – Acht Tage später. Stimme des Schneiders: „Bedaure sehr, kommen Sie in zehn Tagen wieder, die Schrittnaht ist mißlungen.“ Gut, einverstanden, die Schrittnaht ist delikat. – Zehn Tage später. Stimme des Schneiders: „Tut mir leid, kommen Sie in vierzehn Tagen wieder, der Schlitz ist mißglückt.“ Gut, wenn’s denn sein muß, ein guter Schlitz muß sitzen. Pause. Stimme des Bären. Ich erzähle den Witz schlecht. Pause. Trübsinnig. Ich erzähle den Witz immer schlechter. Pause. Erzählerton: Kurzum, die Osterglocken blühen schon, und der Schneider verpatzt die Knopflöcher. Der Bär macht das Gesicht des englischen Bären, auch Kunde des Schneiders mit der Stimme des Hasen. Englisch entrüsteter Bär: „Goddam, Sir, nein, das ist wirklich unverschämt, so was! In sechs Tagen, hören Sie, in sechs Tagen hat Gott die Welt erschaffen. Ja, mein Herr, jawohl, mein Herr, sage und schreibe die W e l t! Und Sie, Sie schaffen es nicht mir in drei Monaten eine Hose zu nähen!“ Stimme des Schneiders, ebenfalls entrüstet: „Aber Mylord! Mylordschaft! Sehen Sie mal – verächtliche Geste, angeekelt – die Welt an… Pause … und sehen Sie da – selbstgefällige Geste, voller Stolz – meine H o s e!“

Pause. Der Hase starrt in den Morgen. Sein Körper krampft, er bricht in ein schrilles Lachen aus, schweigt, lehnt seinen Kopf an des Bären Schulter und lacht wieder los. Der Bär milde.

Ruhe!

Der Hase zuckt zusammen und hört auf zu lachen. Der Regen trommelt ohne Unterlaß gegen die Scheiben. Der Bär läßt das Buch sinken. Er ist müde. Es ist noch früh. Klebrige, lästige Dunkelheit. Klamm, gottgegeben. Der Bär erhebt sich.

Laß mich eine kleine Runde machen.

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Vor dem Winter ein Endspiel auf der Heizung II

fin02

Der Tag hält sich in Grautönen. Glocken läuten. Vor dem Fenster pickt eine Amsel nach Wacholderbeeren. Dann fällt sie tot vom Baum. Der Hase.

Fühlst Du Dich in Deinem normalen Zustand?

Ich sagte doch, daß ich mich nicht beklage.

Ich fühle mich etwas komisch.

Keiner hat Dich gezwungen.

Es kann zu Ende gehen. Pause. Das ganze Leben dieselben Fragen, dieselben Antworten.

Wir werden uns erheben müssen. Wir könnten wieder von Zwieback leben. Anderthalb Zwieback pro Tag werden reichen. Pause. Ich werde nicht gehen können. Der Bär seufzt leise, kratzt sich am Rücken. Der Hase reckt den Kopf nach oben, spricht.

Haben wir schon Licht? Schaut nach links. Gleich springt der Kühlschrank an. Schaut nach rechts. Er wird leiser sein als letzten Sommer. Schaut nach oben. Ah. Schaut nach unten. Er beginnt zu zittern. Wirst Du mich verlassen?

Der Zwieback hat keine Beine.

Früher mochtest Du mich.

Früher.

Ah. Immerhin. Pause. Der Bär erhebt sich. Klettert von der Heizung. Durchschreitet einmal den Raum. An der gegenüberliegenden Wand bleibt er stehen und lehnt sich mit Stirn und Tatze an die Wand. Der Hase schrill.

Wo bist Du?

Hier.

Warum tötest Du mich nicht?

Ich weiß nicht, wie die Zwiebackdose zu öffnen ist. Pause. Vernehmbarer Atem. Drei Sekunden lang. Dann Stille. Später. Der Weg ist mir zu weit. Wir werden Fahrräder holen müssen. Oder Pferde. Pause. In der Küche lauert der Tod. Verfluchte Erzeuger. Keine Haltung. Keine Moral. Fressen. Fressen. Sie denken nur ans Fressen.

Ich will meine Karotte. Pause. Schrill. Wo ist der Brei? Schriller. Ich will meine Karotte als Brei. Pause. Es ist sinnlos.

Es gibt keine Natur mehr. Die Felder sind Sümpfe geworden. Plastikbeutel wehen in die Drahtzäune. Die Natur wird uns vergessen.

Du übertreibst. Wir atmen doch, wir verändern uns! Wir verlieren täglich Haare, Zähne, Zuversicht, unsere Frische, unseren Anstand, unsere Ideale. Der Bär schlägt seinen Schädel sanft gegen die Wand. Es klingelt an der Haustür. Schrecken. Der Bär dreht den Kopf.

Niemand auf der Welt hat je so verdreht gedacht wie wir.

Man tut was man kann.

Man hat Unrecht.

Du hältst Dich für gescheit, nicht?

Gescheitert! Der Bär horcht auf. Das Klingeln erlischt. Der Bär bläht seine Nüstern. Seufzt wieder. Als sei es die Welt!

Ja. Als sei es die Welt. Pause. Im Treppenhaus fällt die Türe ins Schloß.

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