Vorletzte Fragen in diesen Tagen / Sieben

engel15

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Querung. Verstopfung. Erschütterung.

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Sie mußten die Landstraße von Altenstadt nach Florstadt queren, die Forst und Pilgerweg zerschnitt. Wie schnell man doch das unangenehme Gesumse und Gebrause der Blechkisten vergessen kann. Wenige beschleunigte Schritte später umfing die zwei Amateurpilger wieder die tiefe Stille des Waldes. Jedoch kam man, so schien es zumindest Archibald Mahler, nicht so recht voran. Ursache dafür diesmal nicht der Zustand der Wege, sondern der – sagen wir – küchenpsychologisch angehauchte Spieltrieb des Ehrenwerten Ernst Albert. Der ergiebige Regen der letzten Tage und Wochen hatte etliche neue Rinnsale, Bäche und Tümpel geschaffen, einige davon jedoch gestaut, gebremst, verstopft von Blattwerk, Ästen, Steinen oder aufgeschwemmten Erdreich. Ein paar feste Tritte oder mit einem dicken Stock dazwischen gefahren und das Wasser floß, suchte sich neue Wege oder spendete einem träge dahin fließenden Rinnsal neue Kraft, neuen Schwung. Ein altes Spiel, welches Ernst Albert als Bub mit Vater und Bruder auf zahlreichen Bergwanderungen gerne spielte. Staudämme bauen und sie dann – Einziger Zweck der Mühe? – wieder zerstören und sehen, wie das freigesetzte Wasser glucksend und brausend die Verstopfung beendet. Erst Einsperren und daraufhin den Befreier geben. Nicht des Bären Ding. Er mahnte und trieb an.

Es häuften sich nun Hinweistafeln, oft schon bemoost, brüchig, die Beschriftung kaum noch zu lesen, die auf das Ziel der Wanderung hinwiesen. Plötzlich und unerwartet linkerhand eine Abzweigung, im Sommer angesichts dichten Blattwerks wäre man vielleicht daran vorbeigelaufen und siehe: die Wallfahrtskirche Maria Sternbach. Es heißt dieses Gotteshaus befände sich auf einer Wüstung. Das Dorf Sternbach, dessen Mitte einst die Kirche war, sei „wüst gefallen“! Nie gehört den Begriff, jedoch sehr beeindruckend und also notiert.

Man stand vor verschlossener Pforte, umrundete das der Jungfrau Maria geweihte und zur Wallfahrtskirche beförderte Kleinod, fand sich vor einem Außenaltar nebst Außenkanzel wieder, beides während der jährlichen Wallfahrten intensiv genutzt. Und da dem Bären noch die heute morgen geträumt und / oder gehörte Erzählung des Georg Büchner durch den Kopp schwirrte, nahm er flugs auf der Kanzel Platz und es schoß ihm nochmal zwischen die aufmerksamen Ohren das Folgende:

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Oberlin war im Zimmer; Lenz kam heiter auf ihn zu und sagte ihm, er möge wohl einmal predigen. – »Sind Sie Theologe?«- »Ja!« – »Gut, nächsten Sonntag.«

Lenz ging vergnügt auf sein Zimmer. Er dachte auf einen Text zum Predigen und verfiel in Sinnen, und seine Nächte wurden ruhig. Der Sonntagmorgen kam, es war Tauwetter eingefallen. Vorüberstreifende Wolken, Blau dazwischen. Die Kirche lag neben am Berg hinauf, auf einem Vorsprung; der Kirchhof drum herum. Lenz stand oben, wie die Glocke läutete und die Kirchengänger, die Weiber und Mädchen in ihrer ernsten schwarzen Tracht, das weiße gefaltete Schnupftuch auf dem Gesangbuch und den Rosmarinzweig, von den verschiedenen Seiten die schmalen Pfade zwischen den Felsen herauf- und herabkamen. Ein Sonnenblick lag manchmal über dem Tal, die laue Luft regte sich langsam, die Landschaft schwamm im Duft, fernes Geläute – es war, als löste sich alles in eine harmonische Welle auf.

Auf dem kleinen Kirchhof war der Schnee weg, dunkles Moos unter den schwarzen Kreuzen; ein verspäteter Rosenstrauch lehnte an der Kirchhofmauer, verspätete Blumen dazu unter dem Moos hervor; manchmal Sonne, dann wieder dunkel. Die Kirche fing an, die Menschenstimmen begegneten sich im reinen hellen Klang; ein Eindruck als schaue man in reines, durchsichtiges Bergwasser. Der Gesang verhallte, Lenz sprach. Er war schüchtern; unter den Tönen hatte sein Starrkrampf sich ganz gelegt, sein ganzer Schmerz wachte jetzt auf und legte sich in sein Herz. Ein süßes Gefühl unendlichen Wohls beschlich ihn. Er sprach einfach mit den Leuten; sie litten alle mit ihm, und es war ihm ein Trost, wenn er über einige müd’ geweinte Augen Schlaf und gequälten Herzen Ruhe bringen, wenn er über dieses von materiellen Bedürfnissen gequälte Sein, diese dumpfen Leiden gen Himmel leiten konnte. Er war fester geworden, wie er schloß – da fingen die Stimmen wieder an:

Laß in mir die heilgen Schmerzen,

Tiefe Bronnen ganz aufbrechen;

Leiden sei all mein Gewinst,

Leiden sei mein Gottesdienst.

Das Drängen in ihm, die Musik, der Schmerz, erschütterte ihn. Das All war für ihn in Wunden; er fühlte tiefen, unnennbaren Schmerz davon. Jetzt ein anderes Sein: göttliche, zuckende Lippen bückten sich über ihm nieder und sogen sich an seine Lippen; er ging auf sein einsames Zimmer. Er war allein, allein!

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Nein, nein, nicht allein, nicht leiden, hadern, selbstkasteien. Der Bär riß sich los von der Erzählung, erschüttert, voller Fragen. Man hob ihn vorsichtig von der Kanzel, sprach Beruhigendes. „Lassen Sie uns aufbrechen, Meister Albert. In drei Stunden läuten die Glocken zur Vesper, ich habe Bärenhunger, gehen wir und an den Staudämmen vorbei. Und blicken Sie noch oben!“ Das antwortete der Bär.

Am Himmel zogen sich schwere Wolken zusammen, kräftige Böen griffen beherzt in die Kronen der kahlen Bäume und vereinzelt schnitten Lichtfinger durch die grauen Gebilde über ihren Köpfen. Archibald Mahler, Pilger in Anfechtung, betete der Träger des Wanderbeutels möge die rechte Orientierung besitzen.

engel16

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Vorletzte Fragen in diesen Tagen / Sechs

engel13

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Tiefe Wege. Schweigende Fährten.

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Schweres Gerät, Traktoren, Harvester, Unimogs hatten die meisten Wege in Morast verwandelt. Abseits der Wege, manchmal auch darauf, lagen kreuz und quer etliche in den letzten zwei schrecklich trockenen Sommern geschwächte Bäume, welche einer der letzten Winterstürme zu Fall gebracht hatte. Abkürzungen querwaldein, zeitvespernde Umwege, Improvisation abseits der Pläne ohne die Orientierung zu verlieren, die Anforderung dieses Tages, die gerne angenommen wurde. Allüberall Spuren, Fährten, Hinterlassenschaften der Winterernte, Zeugnisse einer intensiven Bewirtschaftung des Forstes, aber auch notwendiger Aufräumarbeiten. Stämme, Stapel, numeriert, farblich gekennzeichnet, zum Abtransport bereit. Doch wo waren die dazugehörigen Aufrechtgeher? Woher kamen die Spuren? Wohin führten die Fährten? Einmal aus der Ferne der Schrei einer Motorsäge, die auf härteres Holz trifft. Sonst tiefe nieselnde Stille. Und – fast schon unnötig dies zu erwähnen – kein Wanderer, der in den letzten zwei Stunden den Weg der zwei Pilger gekreuzt hätte.

Ein Apfel reicht nur eine gewisse Zeit – wir reden nicht vom Apfel der Erkenntnis, in den man beißt, um nichts zu begreifen – nein von der letzten Rast, der letzten Energiezufuhr. Also hieß man diese geheimnisvolle Hütte am Wegesrand, dieses erste Zeugnis der Anwesenheit menschlichen Lebens, freudig willkommen. Das mitgenommene Käsebrötchen rief – wie schmeckt’s doch unter freiem Himmel, auch wenn er wolkenverhangen – und der Durst nach Gänsewein. Krambambuli!

Archibald Mahler war auf Anhieb fasziniert von dem maroden, offenbar aufgegebenen Häuschen. Er dachte darüber nach, ob man diese bescheidene Behausung zu einer Art Kloster für einen Eremitenbär in spiritueller Lehre umwidmen könne. Ein eigenes Stift, ein eigener noch zu gründender Orden. Die Archibaldenser? Oder die Brüderschaft der Waldmahler?

Der Ehrenwerte Ernst Albert hatte sich, weilst der Bär seine zukünftige Wirk- und Nachdenkstätte einer ersten Prüfung unterzog – ins Gebüsch verkrümelt sein Wasser abzuschlagen. Er rezitierte dabei einen einfachen Vierzeiler.

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Schilt nicht den Jäger

Der sonntags nicht zur Kirche geht.

Ein frommer Blick zum Himmel

Ist besser als ein falsch’ Gebet.

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Diese Worte waren eingebrannt gewesen in eine Holztafel, welche über einem Ecktisch in einem kleinen Cafe – eine Art Schlauch – hing. Das Cafe befand sich schräg gegenüber des Münsters Unserer lieben Frau in der Ansehnlichen Stadt am See, in welcher der Albert aufgewachsen war. Ab der Obersekunda besuchte er diesen Ort mit einigen Schulkameraden – es waren stets die selben Missetäter – immer dann, wenn sie dem Unterricht fernblieben, um – dies waren die Zeiten – gegen die Sinnleere desselben zu protestieren. Manchmal aber auch nur aus purer Faulheit, mangelnder Vorbereitung oder einer generellen Abneigung gegen die naturwissenschaftlichen Fächer. Jedenfalls verzehrte man dort Butterbrezeln oder – wenn es das Budget zuließ – ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte. (Beides von legendärer Qualität und im darauf folgenden Leben in dieser Qualität nie wieder genossen.) Dabei sprach man den Reim und machte sich seine Botschaft zu eigen.

Archibald Mahler hatte Stellung bezogen auf einem mobilen Hochsitz, der neben der windschiefen Hütte abgestellt worden war, goutierte von dort oben den Reim in Sachen Jagd und Gebet und sah sich schon als jagender Mönch oder betender Jäger, Narziß und Goldmund in einer Person, Welt und Himmel, wollte bleiben, in der festen Annahme GEFUNDEN zu haben. Zudem war er müde und überhaupt kein Freund von schlammigen Umleitungen. Doch er hatte – mal wieder – die Rechnung ohne die Umtriebigkeit seines Begleiters gemacht. „Es ist nicht der Ort, es ist die Wanderung, die uns begründet!“, vernahm er aus dem sich teilenden Gebüsch und da Mahler des Ernst Alberts Pilgerherz lauten Schlag sich nähern hörte und dieses auch – es sei eingestanden – liebte, fügte er sich ins Unvermeidliche. Allerdings unter der Bedingung, daß der Müsliriegel aus dem Wanderbeutel der seine ist. „Wen auch immer es trifft, daß er sein Haus verlasse!“ Sprach’s, sprang in den Beutel und begann zu kauen. Mmmmh!

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engel14


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Vorletzte Fragen in diesen Tagen / Fünf

engel11

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Mehr Stille, ein Träumen, das Gehen

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Es ist ein Ding mit der Stille. Ob herbei gesehnt, gefaßt gar und an ihr gerochen, unvermittelt bricht sie ein in den zappeligen, unruhigen Geist und beißt zu. Aufrecht sitzt der eben noch im Schoße einer von Lichterpest und Blechkistengebrumm unbehelligten Nacht Schlafende aufrecht auf dem Bette, erwacht vom eigenen Herzschlag, der gegen die Innenwände seines Schädels pocht und es rauscht wie tausend Toilettenspülungen das Blut durch seine Ohren, die gewohnt an ständiges Wummern, Plappern, Klacken und Heulen, ob der plötzlichen Ruhe irritiert nun nach innen hin lauschen. Inwendiger Schrecken.

So ging es vor allem dem Ehrenwerten Ernst Albert in der ersten Nacht in Engelthal, wobei – dies muß erwähnt werden – die doch etwas in die Jahre gekommene preiswerte Schaumstoffmatratze und der unter all den Zumutungen und Misthäufen gealterte und gebeugte Rücken das Ihrige dazu beitrugen. Aber vielleicht waren die altehrwürdigen Schlafunterlagen auch Reminiszenz und strenger Wink in Richtung alter Klosterzellen, da man auf nacktem Holz nächtigte und so dem zur Einkehr bereiten Sünder stündlich vor Augen führte, daß nur die Gnade des Herrn ihn am Leben hält und Leiden Gottesdienst sei und er von Anfang an und jederzeit … Doch halt, so weit sind wir noch lange nicht!

Der Bär aber segelte derweil gelassen durch – wenn auch etwas wirre – Träume. Den 9. März ging Mahler durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen verschneit, taumelnd er, fiel und lag mit der Nase im Schnee. Eines Pfarrers Kutsche brachte ihn, schlotternd doch gerettet in ein Dorf namens Waldbach, er nahm Quartier, erwachte, von Träumen und Nöten gepeinigt, badete nächtens im Brunnen des Dorfes – ihm träumte vom Bronnen im Innenhof des Pfarrhauses – schrie, paddelte, erwachte im nächsten Traum, geläutert, gestärkt knieend neben dem Lager eines fiebrigen Mädchens, das geritten vom Wahn und gepiesackt von Dämonen und er mit zittriger Hand legte der Maid, die er nun selber war, kühlende Kräuter auf die in Sorge und Schmerz gekrauste Stirne, faltete seine, fremde Hände, als der Pfarrer, Oberle genannt, nein O Berlin, Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin, riesige Arenen, leergefegt, der Lütten Stan verloren im Mittelkreis eine Seifenblase jonglierend, hämisch grinsend auf seine zerbrochene Rolex blickend, an Stelle der Eckfahnen ragten riesige angenagte Karotten aus dem fauligen Grün, in den Netzen der Tore hingen Lachse zum Trocknen aufgereiht und der Pfarrer, Oberlin so war sein Name, packte Archibald Mahler, den Träumer, am Schlafittchen und sprach: „Sind Sie Theologe?“ „Ja!“ „Gut nächsten Samstag!“ „Ja, predigen werde ich!“ So schrie der Bär tonlos und schlotterte, als habe ihn ein Rudel von Wölfen eingekreist, ihm den letzten Lachs zu entreißen, der in mehrere Lagen Klopapier eingeschlagen war und er erwachte.

Der Ehrenwerte Ernst Albert hatte nach dem Bär gegriffen – er wußte nicht um seinen Zustand – und ihn in den bereit gelegten Wanderbeutel gepackt. Da lag er nun neben Apfel, Wasserflasche, Käsebrötchen und Müsliriegel, einem Buch über Leben und Wirken im Kloster sowie dem „Lenz“ von Georg Büchner. Und folgender Reim aus diesem Werk fiel ihm aus der Seite 11 (Reclamausgabe) direkt vor seine Buchstabennase:

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Lass in mir die heil`gen Schmerzen

Tiefe Bronnen ganz aufbrechen;

Leiden sei all mein Gewinst,

Leiden sei mein Gottesdienst.

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Es dauerte bis Mahler die Gespinste abgeschüttelt hatte. Was ihm half war das Gleichmaß der Schritte des Mannes, der den Beutel mit ihm, dem Proviant und den Worten durch den Wald trug. Welch Balsam für die Sinne, fern allen Gelärmes der Aufrechtgeher nur gelegentlich einen Vogelruf, den Wind in den Wipfeln und die Schritte hören zu dürfen. Der Fuß tritt auf, hebt sich, tritt auf, unzählige Mal, unterbrochen bestenfalls vom Schlurpsen und Patsch, wenn der Fuß in eine Pfütze trat oder sich aus Schlamm löste. (Zum Zustand der Wege in diesen nassen Tagen später mehr.) Der Atem das Metronom. So kehrt man gerne zurück in den Tag und findet sich plötzlich in dieser Kiste, Klause, Zelle, meterhoch über dem Waldboden schaukelnd? War er nun schon ein oblatus, gar im Zustand des seipsos offere, ein monachos in der eremos, ein gyrovagentus, der seine Bleibe gefunden? Kurz und gut fragte Mahler bzw irgendwas sprach aus ihm: „Sind wir schon am Ziel unserer Pilgerschaft? Ist dies die Zelle des Eremiten Archibald, des Hingegebenen?“

Wenn es denn so einfach wäre. Ernst Albert saß auf einem Baumstamm, blickte auf den schaukelnden Bär, biß in einen Apfel und blätterte in dem Buch über Mönche und Regeln, welches er im Zimmer Zwohundertsieben vorgefunden hatte. „Mahler, das wußte ich gar nicht wieviel verschiedene Orden und Stifte es gibt!“ Und er begann zu lesen: “Basilianer, Basialaner, Aleppiner der Melkiten, Augustiner, Augustiner Chorherren, Prämonstratenser, Kreuzherren, Dominikaner, Johanniter, Trinitarier, Merzedarier, Serviten, Alexianer, Barmherzige Brüder, Piaristen, Assumptionisten, Benediktiner, Zisterzienser, Trappisten, OLivetaner, Kamaldulenzer, Franziskaner, Kapuziner, Terziaren, Silvestriner, Kallumbrosamer, Jesuiten und …!“ Mit einem lauten und drängenden „Weia!“ unterbrach Mahler des naseweisen Ernst Albert Vorlesung. „Du hast recht! Lassen wir uns Zeit!“, die Antwort. Man brach auf und der Bär, glücklich aus seiner voreiligen Klausur befreit, war froh die ganze Aufmerksamkeit wieder dem Gleichmaß der Schritte widmen zu können.

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engel12

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Vorletzte Fragen in diesen Tagen / Vier

engel10

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Die Stille vor Entscheidungen oder lechts und rinks

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Gelegentlich spricht oder schreibt wer von einer Stille, welche man mit Händen greifen könne. Da saß Archibald Mahler wieder auf seiner Fensterbank und blickte hinaus, hinein in die aufziehende Dämmerung und da er versuchte eine die Stille belästigende Fliege zu verscheuchen, die ihnen von einer der Kuhstallungen wohl hinterher geflogen war – Ha! Eine Agentin der Misthäufen, dachte er noch – so also eine Tatze hob, durch die Luft fuhr, hielt er schon die Stille in seiner linken Tatze. Leicht war sie, fluffig, wenn dieser ungenaue Ausdruck erlaubt sei, fluffig, warm, weich. Vorsichtig führte er seine Tatze Richtung Nase. Konzentriert, wie dies Bärenart, atmete er ein, ordnete, was in ihn einströmte und ihm war als öffnete sich die Schädeldecke und entließ sein Denkorgan mit einem sachten Plopp Richtung Zimmerdecke, wo es über ihm schwebte wie ein gefurchter Luftballon.

Wo war derweilen der Zweite im Bunde? Der Ehrenwerte Herr Ernst Albert hatte sich vorsichtigen Fußes und wortkarg – bei Begegnungen dem Gegenüber nur freundlich zunicken! – erst ins Refektorium, später in einen Speisesaal (war kleiner als das Wort vorgaukeln möge) Platz genommen. Alles neu, ungewohnt und er versuchte einfach nur nichts zu wissen, nicht zu urteilen, lediglich vorhanden zu sein, zu atmen, zu kauen, zuzuhören, gelegentlich die Hände zu falten. Geh! Horche!

Zurück auf Zimmer Zwohundertsieben. Ein Hirn schwebte weiterhin unter der Zimmerdecke, umkreist von einer Fliege wie unsere Erde vom einem Mond oder Satelliten. Draußen hatte sich die Finsternis herab gesenkt, genauso finster wie die Stille stille war. Der Bär auf der Fensterbank vermißte nichts. Nicht den Lärm, nicht die Lichter der Kleinen häßlichen Stadt und auch nicht seine Nachdenkkiste im Kopp. Als altes Plappermaul aber – wie der Herr so das Gescherr! – fragte er sich, ob er davon sprechen oder lieber schweigen solle und wie er so herumirrte in sich, tastete, abwägte, jedoch ganz gewiß und tief fühlte, daß hinter diesen Mauern etwas existierte, schwebte, atmete, was ihm gut tat und auch in der Lage war Misthäufen – bis auf eine kleine einsame Agentenfliege – fernzuhalten, da öffnete sich die Zimmertüre. Ernst Albert kehrte zurück, Archibald Mahler erschrak und mit einem satten Schlurps fiel sein Hirn wieder in das Aufbewahrungskasterl zurück, hinterließ dabei einen Satz auf Archibald Mahlers Zunge, den aber auszusprechen er sich hütete, selbst gegenüber dem Rückkehrer.

Jener saß schweigend über seinen Fotoapparat gebeugt, die Bilder des Tages zu betrachten. Der Bär blickte ihm über die Schulter. Das Bild mit diesem kuriosen Verkehrsschild. „Engelthal! Schöner Name! Vor allem das altehrwürdige H!“, murmelte Mahler. Aber wo lang nun? Rechts oder links, lechts oder rinks? Wurst oder Lachs, man kommt stets an, wenn man denn will. Das dachte er auch noch, war sich aber nicht ganz so sicher, ob diese Erkenntnis in den nächsten Tagen Bestand haben sollte. Draußen hing ein dicker Vollmond am Himmel. Und dies ist nicht dem Kitsch oder einer pilchrigen Dramaturgie dieser Geschichte geschuldet, sondern ist eine Wahrheit und kann in jedem Kalender unter März Zweitausendzwanzig bewahrheitet werden.

So glitt der erste Tag der Reise ruhig in die Nacht, Ernst Albert lag im Bett, machte sich mit den umfassenden Regelwerk dieses Ortes vertraut und Archibald Mahler, Bär auf eines Fensters Bank im Kloster Engelthal kaute noch ein wenig auf dem ihn angefallen habenden Satz herum. Er schmeckte gut.

„Die Toren haben ihr Herz auf der Zunge, die Weisen haben ihre Zunge im Herzen!“

Da gab es ja einiges zu lernen, zu begreifen, zuzuhören. Gehen und Horchen. Morgen würde er … ach was … vielleicht aber … Werde ich eine Oblate? … Kann man anders … als … leben? … Gute Nacht, Mahler … Gute Nacht, Albert … WEIA!

(Schnarchgeräusche. Black)

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engel09

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Vorletzte Fragen in diesen Tagen / Drei

engel05

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Ja, wo laufen sie denn?

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Extra muros ein paar Gehöfte, großzügige Stallungen, Koppeln, Weiden. Das ganze Land ringsherum scheint intensiv und fleißig bewirtschaftet. Man hört die Kühe – es ist Nachmittag – nach dem Melker rufen, der dieser Tage wohl eher ein Computer ist, vereinzelt wiehert ein Pferd nach Gesellschaft und über den Köpfen kreischen lüsternde Bussarde, Lenz unter den Schwingen. Seltsam jedoch, weit und breit keine Aufrechtgeher zu sehen. Die Gebäude gewiß bewohnt, besorgt, gepflegt, aufgeräumt, alles an seinem Platz. Doch kein Homo – na ja – sapiens. Lediglich die wachenden Hunde rennen auf die zwei Pilger los, kläffend bis an die Grenze ihres Grundstücks hetzen sie, verharren dort knurrend und / oder schwanzwedelnd lassen sie die Wanderer anstandslos ihres Weges ziehen. Man wollte lediglich gewarnt haben. Gläserne Stille.

Die Sonne hat inzwischen die letzten Regenwolken verscheucht unter gütiger Mithilfe eines lauen Windes. Doch die plötzliche Frühlingswärme nach einem Winter („Hä?“ Der Säzzer) überrascht immer wieder Leib und Geist von Mensch und Tier und so entschloß man sich zu einer kleinen Rast. Auf den durchweichten Feldern am Wegesrand lagen dutzende riesengroße Strohräder, gülden die strahlende Sonne spiegelnd. Mahler nahm Platz und ließ die Wärme in seinen Pelz eindringen. Ein Winter, zwar neben der Spur und fast schon Karikatur, aber ohne Winterschlaf und voller Misthäufen, das macht müde und so schlief er ein und es träumte ihn von der Kleinen häßlichen Stadt in Mittelhessen. Alle Geschäfte, die Kinos, der Musentempel, sogar die Buchläden waren geschlossen, die Straßen leer und eine himmlisch unheimliche Stille lag über dem ansonsten so sinnfrei hektischen Ort, und so überraschend klirrte die plötzliche Ruhe in ihm, daß er fürchterlich erschrak und erwachte. Es vibrierte in seinem Kopf als schlügen tausend Hummeln aufeinander ein und sogleich berichtete er dem Ehrenwerten Ernst Albert von seinen Nachtmahren, im dem Fall von seinen wilden Tagmahren.

„Tja, Freund, wohl so eine Art Wunschtraum des Ruhesuchenden. Dies sei es, was wir in den nächsten Tagen anstreben wollen, in uns, um uns und um uns herum. Ruhe und Frieden. Nur mit mir und mit sich selbst müssen Sie auskommen!“ So sprach der Ernst Albert. „Wenn es weiter nichts ist!“, dachte der Bär und schüttelte mit einem gewaltigen „Weia!“ den blödsinnigen Traum von sich ab. Ah, wie köstlich die Frühlingsluft den Rachen hinab in die geweiteten Lungen fiel. „Hier ist gut! Hier mag man verweilen!“ Dachte er auch noch.

Man brach auf Richtung Unterkunft und Ernst Albert, angeregt durch seines Bären wirren Traum, dozierte – was er ja gelegentlich gerne macht – über eine zutiefst erschöpfte Gesellschaft, die sich in ihren Hamsterrädern und Selbstbestätigungsritualen immer mehr und auswegsloser verliert, die unfähig ist innezuhalten, wie eine Blechbüchsenarmee den Berg hinunterrollt und trotzdem weiterhin fest daran glaubt, sich auf dem nie endenden Weg noch OBEN zu befinden. Und er rezitierte vor sich hin:

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Reiten, reiten, reiten durch den Tag, durch die

Nacht, durch den Tag.

Reiten, reiten, reiten.

Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht

So groß. Es gibt keine Berge mehr, kaum einen

Baum. Nichts wagt aufzustehen. Fremde Hütten

Hocken durstig an versumpften Brunnen. Nirgends

Ein Turm. Und immer das gleiche Bild. Man hat

Zwei Augen zuviel.

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„Das gefällt mir aber sehr gut! Ist das so eine Art Misthaufenlyrik?“, sagte und fragte Archibald Mahler.

„Rilke!“ antwortete Ernst Albert, auf einmal außerordentlich einsilbig.

Man erreichte die erste Pforte, säuberte die Schuhe in besagter Pfütze, eine Glocke schlug hell. Das und die Vesper riefen.

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engel06

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Vorletzte Fragen in diesen Tagen / Zwei

engel03

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Hinter Mauern in Freiheit

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Und so standen sie vor diesem schönen alten Haus. Mehrfach geteilte Fenster, umrahmt von grünen, altehrwürdigen Fensterläden, ein Giebeldach, welches auf den Gebäude zu sitzen schien wie ein kecker Hut. Es hatte aufgehört zu regnen, und obwohl noch alles triefte, tropfte, klamme Luft vor sich hin nieselte, der Himmel so tief hing, daß man Woyzecks Nagel hätte hineinschlagen können, eine  stille Freundlichkeit konnte man dem Bau nicht absprechen. Dennoch zögerten die zwei Pilger einzutreten. Eine Woche hinter Mauern? Doch was hilft alles Zaudern!

Die Pforte, die erste Pforte wohlgemerkt war durchschritten. Linkerhand eine große Pfütze, die verlehmten Schuhe darin oberflächlich zu reinigen. Die zweite Pforte, hinter der sich ein getäfelter Vorraum befand. Wenige Schritte, eine schwere Eichentüre, Pforte drei und eine Klingel! Man öffnete. Wies an. „Hier die Schlüssel. Sie können kommen und gehen, wie und wann Sie wollen, sind aber herzlich eingeladen unseren Tagesablauf zu teilen!“ „Hier werden Sie sitzen während der Mahlzeiten!“ „Da wäre die Teeküche! Schreiben Sie auf, was Sie entnehmen!“ „In unserem Salon finden Sie eine Leihbibliothek.“ Und es gab sogar einen Fahrstuhl. In diesem ehrwürdigen Gebäude. In solch einem Komplex. „Sie sind hier frei zu tun, was Ihnen gut tut! Herzlich willkommen!“ Ein Faltblatt mit Regeln wurde überreicht. Grundtenor: Rücksicht nehmen und Aufmerksamkeit.

Zwei Stockwerk höher, unterm Dach das Zimmer. Klar, einfach, zweckdienlich eingerichtet, wie man so sagt. Bett, Tisch, Stuhl, Schrank, sogar Dusche. Sauber ist gar kein Ausdruck. Archibald Mahler hat Platz genommen auf dem Fensterbrett, Ernst Albert packt die Reisetasche aus. Man schweigt, dem Ort angemessen. Beiden ist als wäre beim Betreten des Geländes eine Türe hinter ihnen zugefallen, die Misthäufen aller Art den Zutritt verwehrt.

Der Bär blickt aus dem Fenster. Was sieht er? Einen Garten. Gewächshäuser. Unterkünfte der hier Beschäftigten. Alte Bäume. Die Mauer, die das ganze Areal umfaßt. Dahinter Pferdekoppeln plus ihre Bewohner. Bis über die Hufe im Morast stehen sie, aber heiter Heu kauend. Streuobstwiesen. Felder mit Wintergetreide. Ein Hügel. Der Waldrand und darüber der Himmel, der sich anschickt aufzureißen. Scheue Sonnenstrahlen wischen über Mahlers Nase. Er blinzelt. Er  muß niesen. „Gesundheit! Gehen wir raus, Herr Bär?“ So ward’s getan.

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engel04

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