Vom Notwendigen und den Angeblichkeiten / 3

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Vom Anspruch auf das GROSSE Gelingen

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Wie ließ schon der z.Z. vernachlässigte Meister Bertolt Brecht einstens singen:

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Der Reim zum Tag / III

Ja, mach nur einen Plan!

Sei nur ein großes Licht!

Und mach dann noch ’nen zweiten Plan

Gehn tun sie beide nicht.

Denn für dieses Leben

Ist der Mensch nicht schlecht genug.

Doch sein höhres Streben

Ist ein schöner Zug.

Ja, renn nur nach dem Glück

Doch renne nicht zu sehr

Denn alle rennen nach dem Glück

Das Glück rennt hinterher.

Denn für dieses Leben

Ist der Mensch nicht anspruchslos genug.

Drum ist all sein Streben

Nur ein Selbstbetrug.

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Die Herren Mahler und Budnikowski, die endlich mal wieder den Griffel in die Pfoten genommen hatten, versprachen sich vor Tagen noch ins euphorische Antlitz hinein, das man nun dranbleibe, Tag für Tag. Und dann ist plötzlich Karneval, selbst hier in Mittelhessen, was ja so einiges relativiert. Nichtsdestotrotz hat – wir brauchen noch mehr Schuldige in diesen stürmischen Zeiten! – der uneinsichtigte ex – kölsche Feierbolzen Ernst Albert die zwei designierten Geschichtenerzähler auf die Gass’ gezerrt und ließ sie Kamelle und Strüßcher einsammeln. Und da sitzen sie nun mit viereckigem Kopp. Hören wir zu:

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„Mahler? Ein Helau?“

„Budnikowski? Vielleicht aber das Alaaf?“

„Geht auch ein Ho Narro?“

„Und wer soll das alles verzehren?“

„Ich habe keinen Magen mehr!“

…..

Plötzlich laute Gesänge aus der Küche. Ernst Albert erinnert sich offensichtlich an seine Kindheit. Weit vor BIG KÖLLE. Am alten See. Da grätscht man nicht rein, wenn man zwei Gramm Empathie sein eigen nennt und so beschließen Mahler und Budnikowski  bis zum Aschermittwoch zu schweigen. Hören wir auch da mal rein:

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Narro, Narro, siebe siebe,

siebe Narre sind es gsi.

Ho Narro!

Hond de Mueter Kuechle gschtole,

gimmer au

Haberstrau

Suerkrut,

Füllt de Buebe d`Huut us

und de Mädle d`Mäge

und de alte Wieber Pelzkrago.

Ho Narro!

Narro, Narro, Giegeboge,

wa de seesch isch alls verloge!

Narro, Narro Lenzio!

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Vom Notwendigen und den Angeblichkeiten / 2

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Der Anspruch auf das GROSSE Glück

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Reichtum. Endlich. Den Notwendigkeiten, die nichts anderes sind als in wohlfeile Textbausteine gekleidete Abhängigkeiten, so richtig vor den Koffer scheißen und ab dafür. Oder macht man sich mit kleinen Träumen selbst klein? Hören wir rein:

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„Hömma hier, Mahlerken, wo kommt die ganze Kohle her? Dat iss ein ansehnliches Sümmelein. Da könnten wir doch gepflecht den Klinsmän machen.“

„Na ja, lieber Rübenkopp Budni, erstens will ich nicht nach Kalifornien und zudem sollte man den – wie nannten Sie ihn gestern – Dickmann auch erstmal fragen, wegen Erlaubnis oder Finderlohn und so. Der hatte das Geld bis gestern unter seinem Fell durch die Welt getragen.“

„Sone Fellgeschöpf als Bank? Da iss ja schon der Gedanke daran vonne außerordentliche Schmerzlichkeit. Wie kommt die Ware da rein und wieder raus?“

„Messer, Schere, Nadel, Faden!“

„Und der sacht die ganze Zeit nüscht. Iss der noch in seine anästhesistische Phase? Sitzt da in seine Buddhahaftigkeit und die Kohle aus seine Innereien liecht uns vorre apathischen Nasen herum !“

„Vielleicht hatte er viele Talente!“

„Watt getz?“

„Mit Talenten hat man einst im fernen Ägypten den Bau der Pyramiden und ähnlicher Großbatzprojekte finanziert. Man studiere seinen Asterix.“

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(Aus „Asterix und Kleopatra“ für die weniger Sattelfesten:

Numerobis: „Vor allem gegen den Architekten Pyradonis, meinen Konkurrenten, der mir immer schaden will. Er hat viele Talente!“

Asterix: „Ist er begabt?“

Numerobis: „Nein, er ist reich. Er hat viele Talente Gold. Das ist die Währung, die bei uns gebräuchlich ist.“)

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„Ach so meinen Sie datt, Herr Schlaubär. Da iss sonne Art von Talentschrank im inneren Geweide angelecht und wennet, also dat Talent, anne frische Luft vonne Öffentlichkeit rausplatzen tut, verwandelt et sich in Penunze!“

„Schön wäre es ja. Aber außerdem weise ich darauf hin, da liegen seit bald zwanzig Jahren aus dem Verkehr gezogene Talente rum. Ich befürchte dererlei Talente erfahren heutzutage geringere Wertschätzung.“

„Iss gecheckt, lieber Archibald Mahler, Freund und Moraltankstelle, ich ahne in welche Richtung Ihre Gedankenspiele sich bewegen tun wollen. Et wird weggeschmissen, wo et angebracht wäre über dat Aufheben nachzusinnen.“

„Bingo Dingo. Oder zumindest mal über die mögliche Weiterverwertbarkeit, Reparaturmöglichkeiten und Ähnliches innehalten. Zurück in die Zukunft.“

„Der ‚DeLorean DMC-12’ iss also die Rettung?“

„Quatsch. Metapher. Nachsinnen.“

„Iss trotzdem eine geile Kiste!“

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Stille. Gedankenknirschen. Was tun mit dem ganzen Papier, auf welches Zahlen gedruckt wurde?

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„Hömma Mahler, auch wenn ich dem Erling gerne eine Kapelle errichten tun würde, ich war inne innere Nachdenkimmigration. Vielleicht ist et besser die Umwandlung vonnem Talent in Talente – ich sach mal – mit eine gewisse Tempolimit zu versehen!“

„Löffeldenker Budnikowski, herzlich willkommen im Kreis der Agnostiker. Kein Gott – so er denn existiert – läßt sich mit Zahlen bedrucken. Und knüllen auch noch so viele seiner Emanationen in meinen Taschen herum.“

„Als hätte sone Bärenviech aus Kamschatka Taschen inne nicht vorhandene Beinkleider.“

„So ist es. Dafür danke ich den GROSSEN BÄRENSCHÖPFER. Hätte ich Taschen im Fell, wäre ich ein Känguruh und letzten Monat verbrannt.“

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Der Reim zum Tag / II

Schneeglöckchen, weis‘ Röckchen,

Erzähl Kindern vom Schnee

Von der Butter Discountflöckchen

Ins Billighaschee

Es kreuzen die Dampfer

Durch plastene See

Es brennen die Wälder

Verzichten? Ach nee!

Grün sind die Wiesen unter dem Ski

So viele Medaillen hatten wir nie

Erhöhe den Druck, explodierende Knie

Entmachteter Geist, er fragt nicht mal: wie?

Die Gletscher sie kalben tote Geburten

Der Wasserstand steigt, man sollte sich spurten

Doch wie es so ist seit ewiger Zeit

Es lebe die Bequemlichkeit

Dreimal eigener Arsch Alaaf!

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Vom Notwendigen und den Angeblichkeiten / 1

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Wie lange darf man eigentlich schlafen?

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So isses! Ja! So isses halt! Kann man nichts machen! Da beißt die Maus kein Faden ab. Da gibt es keine zwei Meinungen drüber! Hannemann, geh Du voran, Du hast die größeren Stiefel an. Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Das Böse ist immer und überall! Daß es so kommt? Woher soll man das denn bitte wissen? Und gestorben werden muß!

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Gestorben werden muß. Die Frage aber: Haben die Herren Budnikowski aka Kuno alias Lütten Stan und Mahler aka Bär vom Brandplatz alias Archibaldus Erasmus von Mittelhessen den Erzähllöffel abgegeben? Ist man dahingegangen, wohin auch immer? Keine Lust mehr? The Big Lethargie hat die beiden Dudes in die Lahn gestreut? Sind sie im letzten Tropfen, der das legendäre Faß zum Überlaufen bringt, freudestrahlend ersoffen? Gar an Bitterkeit zerbröselt? Hören wir mal rein:

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„Hömma hier, Mahlerken. Ist dat getz Pottkasten, watt wir machen tun? Und warum sitzen wir anne oder auf eine Grabstätte? Isset Ende angesacht? Und wer iss dat dicke Teil mit Fell da anne rechte Bildrändern? Und Sie können mich mal, also Haaland nennen, woll!“

„Heiland? Heiland zack aber auch!“

„Nee, Haaland. Oder Erling inne alternaive Fersion!“

„Verehrtes Langohr, hat unsere längere Denkpause Sie in Verwirrung kompletter Natur gestürzt? Hat Ihnen der Erlkönig Leid angetan?“

„Ach ja, iss eine eventuelle Möglichkeit, dat et Virus wieder nach mich griff inne vernebelten Nacht, mon Bär!“

„Aber bitte nicht die Pöhlerei! Mein Gott! Der junge Hengst aus Norwegen ist drei Stockwerke hoch, zwei Etagen breit und hat den Motor eines Traktoren. So ziemlich genau der Gegenentwurf zu Ihro Filigranität, die ich übrigens sehr schätze, steht sie doch im Gegensatz zu Ihrer geistigen Wehrhaftigkeit.“

„Geistesbär, lasset et stecken mit die Komplimentiererei. Wat iss getz mit dem Fellklops an unsere rechte Seite?“

„Nun, so klar bin ich nach dem sehr langen Winterschlaf in der Bärenbirne auch noch nicht, aber kurz bevor ich in Ohnmacht fiel und mich der Komatosität hingab, meine ich mich zu erinnern, wir waren mit Meister Ernst Albert oben bei den Fischbrötchen, den Möwen und dem Wind!“

„Tun wir getz schon inne letzte Kiste liegen oder noch rumträumen tun?“

„Vom Rum träumen?“

„Gewiß nich vom Ruhm. Iss getz Frühlinks oder nich?“

„Wenn ich das wüßte, lieber Rammelkuno!“

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Soweit unser Pottkasten zum Lesen. Der Bär am rechten Rand schweigt. Er ist Geheimnisträger. Das ist ganz schön was wert. Und in dem Fall auch notwendig.

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Der Reim zum Tag / I

Es lag ein Strauß zu seinen Füßen

Der Besenstiel fuhr ihm ins Kreuz

Hob wer die Blumen auf und tat sie gießen

Mit Tränen grokodielig in sein Tempo: Großer SCHNEUZ

Es knirschen Scherben vom hektischen Getrappel fein zermahlen

Zerknüllte Rechnungen und keiner will bezahlen

Der Ball er liegt im Tor

Nicht schon wieder Weimar wie zuvor

Mit Blick nur in die eigne Unterhose

Kauft Persil

Und einen Schein für jedes Schwein

Wir werden alle unschuldig sein

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Hoy und Woj / Der Osten / Und Gundi hilft XI

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Auf der eben noch ordentlich durchnäßten kleinen Terrasse vor der überschaubar großen, freundlichen Pension am Rande des Waldfriedhofs entspinnt sich ein vorläufig letztes Gespräch der Genossen Hoy und Woj vor Ort.

„Psijasel Bär, Sie blicken sehr nachdenklich!“

„Es regnet!“

„Aber das ist doch gut. Da freuen sich die Kiefer und der Sand.“

„Und die örtlichen Feuerwehren auch, Brigader Lampe!“

„Reisen wir nun ab?“

„Wir machen erstmal Feierabend!“

„Unser Wochenende wird länger als ein Sonntag?“

„Befürchte es!“

Schweigen. Regen plätschert. Wind bläst ins Geäst. Ein letzter Schnaps fällt ins Glas. Ernst Albert klampft ein Lied.

„Da denke ich oft drüber nach, wie es ist, wenn der Riß durch die Familie geht, Freund Woj! Schweige dort alles Ideologische. Hier wohnten doch die vom Westen so lauthals besungenen Brüder und Schwestern.“

„Ach, Meister Hoy, Sie wissen doch von der Lieblingsmarotte der Aufrechtgeher namens Vergeßlichkeit. Mögen Sie die – vorläufig – letzte Zuflüsterung von Gundi hören?“

„Towaris Lütten Stan; darum bitte ich!“

„Also: ‚Heimatanalyse II (Schrauben): Ich schreite nun zum systemanalytischen Versuch Heimat zu definieren. Es ist ja schwierig, nicht? Da ich in einem technischen Beruf arbeite, erkläre ich mir immer alles technisch. Also, ich glaube ich komme aus, komme aus einem Schraubenkasten, da stand drauf: Mit Linksgewinde. Und vor zwei, drei Jahren wurden wir alle umgeschüttet aus dem einen Kasten in einen anderen, da stand drauf: Mit Rechtsgewinde. Es ging die Legende in dem neuen Kasten ginge es lustig zu und der Terror hätte ein Ende. Weit gefehlt! Weil in dem Kasten mit Linksgewinde galt immer noch: Die Gedanken sind frei. Wir mußten uns zwar einspannen und das Gewinde wurde einem aufgedrängelt, aber wir konnten dabei immer noch mit den Zähnen knirschen. In dem Kasten mit Rechtsgewinde erwartet man ein hohes Maß an Eigenrotation von uns, wenn es dann ans Gewindeschneiden geht. Die Sache mit dem von den einen Kasten in den anderen ist so ähnlich wie vom Regen in die Traufe. Das schönste ist die trockene Sekunde dazwischen. Als ich sozusagen auf der Kante zwischen den beiden Kästen saß und überblickte erstmals den Kasten aus dem ich kam und konnte noch sagen: Na ja!! Und überblickte letztmals den Kasten in den ich gleich fallen sollte und konnte noch sagen: Na ja!! Das also war die kenntnisreichste Sekunde meines Lebens. Deshalb sollte sie auch möglichst kurz gehalten werden von Seiten des großen Umschütters. Aber weil ich clever bin und in einem technischen Beruf arbeite, habe ich mir Notizen gemacht, die ich immer zum Vortrag bin, wenn ich in Erkner bin.’ Also das mit Erkner kapier ich nicht, aber ein philosophischer Geist isser, nu?“

„Gewiß. Wissen Sie, was ich gelernt habe hier zwischen den Platten?“

„Leg auf!“

„Blödhase, bleiben Sie ernsthaftig!“

„Verzeihung, Zähne auseinander, Sensibelfell!“

„Sie wissen, wie lange ich haderte, ob ich nun aus Kamschatka oder Wyoming stammel… Verzeihung… stamme?“

„Oh ja! Und?“

„Ich beantrage einen Reisepaß, der Kamschatka als meinen Geburtsort ausweist!“

„Dann iss aber Schluß mit Kalifornien und Brötchen mit Fleischklops!“

Fischbrötchen sind eh leckerer! Lassen Sie uns noch mal an den Grabstein! Danken wir dem Geist, der Sie beflüsterte!“

„Und wann geht es weiter? Wir sind noch lange nicht zu Ende!“

„Noch lange nicht. Gewiß!“

„Wer liegt da neben Gundi?“

Ein guter Mann!“

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Hoy und Woj / Der Osten / Und Gundi hilft X

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„Das ist ja ein brutaler Anblick!“

„Möchte meinen fast monströs!“

„Heute, gestern und morgen in Beton gegossen, lieber Hoy! Oder?“

„Schon, denn das ist was der „Wessi normale durchschnitticus“ mit dieser Stadt verbindet: 1991. Und in, um und um diesen Gigantenriegel herum fand es statt, das Unerfreuliche.

„Jetzt wird das Monstrum plattgemacht?“

„Rückbau, mein Freund, Rückbau!“

„Ach, das war es, was mir der Geist des Gundi gestern zur Nacht auch noch flüsterte:

‚Vor fünf Jahren habe ich mal ein Buch gelesen. Das war von Stephan Hermlin und hieß Abendlicht. Und ein Satz aus diesem Buch geht nicht mehr aus dem Kopf und dieser Satz hieß: Ab einem bestimmten Alter sind alle Wege, Wege nach Haus. Nu weiß ich nicht, ob ich schon in einem bestimmten Alter bin, aber auf alle Fälle habe ich das Gefühl, mich auf einer Wendeschleife zu befinden. Und wenn man wieder nach Hause will, muß man ja wissen, wo man zu Hause ist. Also muß man für sich Heimat definieren. Das kann man möglicherweise in zwei Richtungen tun. Einmal eine lokal – territoriale Variante und einmal eine systemanalytische. Das ist natürlich wesentlich schwerer, deshalb versuche ich es erstmal mit einer lokal – territorialen Variante. Ich komme aus einer Stadt, die in die Schlagzeilen gekommen ist. Diese Stadt hat mich gebacken. Und die Nachrichtensprecher sagen immer Hoyaswerdaa, die die Stadt lieben, sagen Hoywoy.‘

Nachdem ich dies gehört hatte, dachte ich, schon sehr seltsam, daß man sich gerne an das intensiv erinnert, wo man gar nicht dabei war. Woodstock und so Krempel!“

„Viele Aufrechtgeher erinnern sehr sparsam, oder sagen wir: aussparend. Meist im Interesse der störungsfreien Niederschrift ihrer eigentlich nicht sonderlich aufregenden Geschichte! Das führt zu sehr einfachen Gleichungen.“

„Genau. Bob Dylan ist gleich Blowing in the Wind!“

„Das wäre eigentlich mein Einwurf gewesen!“

„Da war ich schneller. Wenn ich mich nicht irre! Hihihi!“

„Stromlinienförmig soll es halt sein wie die gottverdammten rollenden Blechkisten, selbst die Erinnerung. Ein Fingerwischen übers Display und siehe: WAHRHEIT! Als habe man mit seinen eigenen Fehlern nichts zu tun. Gestern noch Brüder und Schwestern, denen man die abgetragenen Jeanshosen anverdiente und heute sitzen im Osten lediglich noch Störfelder und Dösbaddel. Als ob irgend etwas einfach wäre nur einmal im Leben eines Aufrechtgehers.“

„Psst!“

„Wie?“

„Entspannung, alter brauner Bärenmann. Außerdem: neue Einflüsterungen schütten auf mich herab:

‚Volker Braun / Die Leute von Hoywoy (2)

Dreißig Jahre nach den kleinen Erdarbeiten im mitteldeutschen Loch, die mich die Jugend gekostet hatten, sah ich auf dem Bildschirm jene einst berühmte Stadt, in der wir gehaust hatten, in einer entsetzlichen Verwirrung. Ganze Haufen ihrer Bewohner waren in aufgeregter Bewegung auf ein großes Gebäude zu, und sie schlenderten ihre Arme — nicht wie einst an den Schaufeln, im Schlamm: mit Drohgebärden, und um Steine und Brandflaschen in die Fenster zu werfen. Die Werkzeuge, mit denen wir gearbeitet hatten, schleppten sie als Waffen, die Worte waren ganz unverständlich geworden. NIGGERSCHWEINE, VERPISST EUCH. WIR BRINGEN EUCH UM. Ich versuchte, auf den Film starrend, die Gesichter zu entziffern — trugen sie noch die Züge der Bauarbeiter, ich gehörte zu ihnen, lange ist’ s her. Ich sah haßkalte Fressen von Jünglingen, und die satten Gesichter Erwachsener, die aus ihren Wagenburgen Beifall grinsten. Was für eine Rasse, fragte ich mich, hatte sich hier eingenistet in den banalen Neubauten, auf den rohen Maschinen. Was hatte sich ausgebildet in dem faulen Frieden, in der Langeweile des Staats. In dem Schreberland zwischen Losung und Leben. Sie waren seßhaft geworden. Sie waren nicht weitergereist in die Zukunft, nicht in die Welt. Sie hatten sich eingerichtet in ihrem billigen Eigentum. Sie sprachen keine Sprache, außer der eigenen. Sie kannten nicht der Erde vielfarbene Menschheit. Unwissend und argwöhnisch betrachteten sie die Fremden, denen die Stadt Obdach bot; ahnungslos böse, toll vor Verachtung Aber ich hatte sie eben noch, an diesem gespenstischen Gerät, gesehen mit ratlosen, schamlosen, zerflossenen Mienen. Geduckt in Korridoren, in Sessel geworfen. Verzweifelt schwafelnd oder schweigend. Es war ihnen, den Erbauern von einst, etwas zugestoßen. Man war mit ihnen umgesprungen, wie kein Polier, kein Polizist es einst gewagt hatte. Es war etwas hereingebrochen, eine namenlose, eine Naturgewalt, die das Gelände entseelte und die Betriebe verödete. Die sie enteignete ihres unbestimmten Besitzes, ihrer Sicherheit. Zersiebt, zerstreut, entlassen; außer Kraft gesetzt ihr Leben. Ihre Blicke, ihre Rechnungen sagten: verächtliche Wesen. Das hatte man mit ihnen gemacht. — Und nun zeigten sie ihre Kraft, den Schwächeren, und erwiderten die Gewalt, die sie erfuhren, auf einen Schlag. Sie konnten, sie mußten wünschen, nicht die Letzten zu sein im Staat, nicht die Allerletzten. Nun schlugen sie zu. Was für Elendsgestalten, dachte ich. Ein unterentwickeltes Land! Eine Dürrezone des Mitgefühls! Sie waren selber Fremde, im Ausland hier, auf der Flucht. Ich stellte den Kasten ab, um Stillschweigen zu bewahren oder sie zu verbergen in der Dunkelheit. Aber sie waren jetzt im Raum. Glück auf, sagten sie. Antworte uns: GLÜCK AUF, WEM GEHÖRT DIE WELT. Glück auf, Kollegen. — Ich gehörte noch zu ihnen.‘

Weia! Dürrezone des Mitgefühls? Ist das nicht Aufrechtgeherstandard?“

(Anmerkung des Säzzers: Bevor wir hier ins Übersinnliche abdriften. Gundis Geist wohnt zwischen den Blättern eines Buches, manche nennen dies die Bibel des Gundermannes. Der alte Ofterdinger aus Niedersachsen verlieh und leiht noch das vergriffene Werk dem Ernst Albert.)

Die zwei Gefährten erhoben sich und begaben sich – na ja, man kutschierte sie an die Rückseite des Skeletts. Laut war es, staubig, aber auch sehr entspannt. The Osten got to do, what he got to do.

“Rückbau. Irres Wort!”

“Soll wahrscheinlich vor Sentimentalitäten schützen, Meister Hoy!“

„Sprechen Sie, Sie sind das Medium!“

„SA-KI-MA!“

„Erklärung!“

„Die Sandkiefermacke kriege man hier und man brauche täglich eine Tasse Schnaps, um die Versammlung des Abschaums der Menschheit hier zu ertragen. Wohlgemerkt Zitate des Gundi aus Jahren weit vor der Übernahmebefreiung durch Aldi & Cohl!“

„Towaris! Wilde Wortspiele!“

„Gewiß, Bär, man kann seine Heimat lieben und der eigenen Wahrheit trotzdem die Stange halten.“

„Schwer isses der allgegenwärtigen Verklärung des eigenen Tuns den Fuß in die Tür zu setzen!“

„Es lebe die Ambivalenz, Meister Lampe!“

„Gibt es noch Schnaps?“

„Erinnern Sie sich bitte an den Kumpeltod! Es beginnt zu regnen. Gehen wir heim!“

„Wohin nur?“

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Hoy und Woj / Der Osten / Und Gundi hilft IX

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Der Genuß des Kumpeltod: er birgt Risiken, aber er öffnet auch Pforten der Wahrnehmung. Und so legte sich auf die schmalen Schultern des dahindämmernden Hasen eine sanfte Hand – für das Protokoll: es war der umsichtige Ernst Albert, der dem Lütten den Schnappes entwunden hatte und aufopferungsvoll den Rest der Flasche etc, um ihn dann in den Fahrradgepäckträger zu legen und hehme gen HoyWoy zu radeln – aber steif und fest behauptet rückblickend der Genosse Budnikowski, dies sei die Hand von Gundis Geist gewesen und wie vor seinem inneren und trunkenen Aug’ kohlebeladene Förderbänder kilometerfressend vorbeirasten, habe der gütige Geist ihm folgende Geschichte namens ‚Helmut’ ins Ohr geflüstert:

Zu Schichtbeginn erfuhren wir davon. Wir mußten eine gesonderte Arbeitsschutz-Belehrung unterschreiben. Unten steige ich aus dem KrAS und laufe auf meinen Bagger zu. Parallel zu mir fährt der Leichenwagen, Gonzo mit der Raupe vornweg, damit der Leichenwagen sich nicht festfährt. Unterm Abwurfband des Baggers liegt ein Haufen. Mittendrin steckt ein zwei Meter langes Flacheisen. Seitlich liegt, was von Helmut übriggeblieben ist. Eine Art leere Kasperpuppe, der Kopf sieht aus wien Handfeger. Gestern noch war das ein prallgefüllter Arbeitsanzug mit großer Schnauze. Die Leichenmänner steigen aus und laden Helmut ein. Nun sind sie alle weg. Ich bin allein. Ich rekonstruiere den vermutlichen Hergang des Geschehens. Er wurde von einem unverhofft angefahrenen Förderband unter der Prallwand durchgepreßt. Die Prallwand ist etwa zwanzig Zentimeter überm Band. Er muß also gleich tot gewesen sein, ist aber noch über den gesamten Bagger geschleift worden. Bis er hinten als blutiger Lappen herunterfiel. Ich kratze die Fleischstücken von den Übergabestellen und vergrabe sie zusammen mit seinen Frühstücksstullen, die noch im Mannschaftsraum liegen. Dann lege ich in die leere Brotbüchse, was da sonst noch war, abgerissene Knöpfe, ein paar Münzen, einen Knochensplitter. Seinen gelben Helm packe ich daneben. Marke >perfekt<. Ich setze Kaffeewasser auf, stelle zwei Tassen auf den Tisch und konzentriere mich. Und Helmut sagt noch ein paar Sätze. Zum Beispiel: Heut lachste und morgen lachste nicht mehr. Oder: Es war doch noch gar nicht Weihnachten (weil doch die meisten Bergleute Weihnachten sterben). Und schließlich: Ich hab ein Haus gebaut, das vielleicht morgen schon zusammengeschoben wird, fürn neuen Tagebau. Du hast ein paar Lieder gemacht, die kaum einer kennt. Die Kohle, die wir hier früh um sechse rausgeholt ham, war um achte schon in Schwarze Pumpe auf Bunker und um zehne verheizt. Was könnte man tun, daß man sich an unsereins erinnern muß?

„Herr Ernst Albert, mir ist wieder gut. Bitte die Lieder singen. Alle!“

„Der Hase hat recht! Auf! Auf! Wir müssen uns erinnern!“

„Und den Westen an den Osten!“

„Erinnern?“

„Genau, Towaris Bär!“

Man war also wohlbehalten ins gebuchte Refugium zurückgekehrt. Hier jenes erste Lied der beginnenden Nacht. Es wurde eine lange Nacht. Und ist es noch.

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