Kleben / Bilder / Gedanken / Schrank / 022

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Die Vermissten in den Kisten

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Ich hatte den Mann allein gelassen. Er wollte das so. Das fiel mir, Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz, gelegentlich und zurzeit unterwegs, schwer, ziemlich schwer. Wenn wer, der einem nahe ist, durch die Welt wankt und den Boden unter den Füßen verlieren will, mag man lieber wegschauen. Das hilft aber nicht. Weder dem Betrachteten noch einem selbst als Betrachter, in diesem Fall mir, Archibald Mahler und so weiter. Der Mann irrte herum, wusste aber offensichtlich genau, wohin zu irren sei. Er blieb stehen. Sprach: „Hier! Da war es. Ja. Genau. Sicher. Vielleicht. Ich weiß nicht mehr. Doch. Ja. Soll sein. Doch! Denke schon!“ Der Mann nahm mich hoch, setzte mich nieder und da war ich, wo ich jetzt bin. Saß im Gras. Der Mann grummelte vor sich hin. „Solange man nicht selber in der Kiste liegt, sollte man nicht vorgeben zu wissen!“ Ich dachte mir meinen Anteil. Woran auch immer. Und sagte nichts. Dann setzte sich der Mann neben mich. Er sagte ebenfalls nichts. Wir schwiegen. Unter unseren Pötern Staub, Knochenreste, Erinnerungen, Vorwürfe, Einbahnstraßen, ein Ach, noch ein Ach und etliche Ohjemines. Dann stand der Mann auf und lächelte. „Laß uns einfach hier etwas Freundliches hinterlassen!“ Ich habe da gerne mitgeholfen. Die gelbe Blume habe ich gepflückt.

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Kleben / Bilder / Gedanken / Schrank / 021

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Vom Unfrieden trotz der Ruhe

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Ich, Archibald Mahler, erinnere mich. Vor Jahresfrist? Dort oben an der Förde, wo ich gerne weile, wenn der Ehrenwerte Ernst Albert mich mitnimmt, da er dort musentempeln darf. Auch wenn der Wind so heftig bläst, ich mich kaum festhalten mag und die kreischenden Möwen nach den Fischbrötchen schielen. Jetzt vor Jahresfrist saß ich vor einem Grab, sah bunte Gießkannen an Haken – hörte ich sie im Fördewind aneinander klackern? – und zwei Frauen stritten laut miteinander. Da oben im Norden. Den Streit hörte ich ganz gewiß, das Klackern vielleicht. Ich weiß aber nicht mehr, ob das jetzt Leben war oder Musentempel. Der Ehrenwerte Ernst Albert hatte mir des Öfteren erzählt, wie schwer es sei Leben und Theater und umgekehrt nicht miteinander zu verwechseln. Also meine Erinnerung aber ist, daß die zwei Frauen, die an dem Grab standen, ob das jetzt Leben oder Musentempel war, sich herzhaft darüber in die Haare gerieten, wer da ruht unter der frisch aufgehäuften Erde. Je länger ich zuhörte, dachte ich, da liegen zwei Leichen in der Kiste. Weil, was die eine und dann die andere gewesen sein soll: das kann nicht nur ein Mensch gewesen sein. Und wenn ich mir vorstelle, da stünden jetzt so hundert Aufrechtgeher, was ja bei Beerdigungen vorkommen soll, dann braucht man ja ein Massengrab. Ich weiß, daß ist pervers die Tage, aber ist leider so. Und ich, als Freund der Ruhe in allen Bärenlebenslagen, fragte mich, ob man das hört da unten, unter der Erde, in der noch nicht verrotteten Holzkiste, oder Zink auch, wenn da oben rumgezankt und bessergewisst wird. Oder wie auch immer. Will man dann wieder rauskommen aus der Gruft und sagen und zur Not auch brüllen: „Haltet doch endlich mal die Schnauze und laßt mich hier in Ruhe liegen, das Leben war anstrengend genug.“ Oder ist einem das dann Lachs wie Honig, wenn da oben die Analysten sich verdribbeln in ihren angeblich exklusiven Erinnerungen? Ich weiß es nicht. Der Ehrenwerte Ernst Albert war still geworden, sehr still und strolchte zwischen den alten Bäumen umher. Er suchte. Er suchte sich zu erinnern. Er ließ seinen Füßen freien Lauf. Die würden schon wissen, wo sie hinlaufen sollen. Fast fünfzig Jahre später. Es gibt eine Art der Erinnerung, die einen an die Hand nimmt und ins Ungewisse leitet. Von der man erst dann weiß, wenn Erinnerung einen streift und gar packt. Dies kann dauern. Da schweigt man als Zuschauer. Ich lasse den Mann jetzt allein in seiner Einsamkeit. Besser iss.

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Kleben / Bilder / Gedanken / Schrank / 020

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Vom Wachturm und der Hinabschau

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Manchmal sei der Rückblick auch eine Hinabschau, denn Erinnerung ohne Abgrund sei Boulevard, aber keine Geschichte, sagte der Ehrenwerte Ernst Albert, als er mit mir in einem Lokal saß, in dem er schon unzählige Male seit frühester Jugend gesessen war, dort viel erlebt hatte in all den Jahren und bei jeder Heimatvisite dort ein bißchen rituell einkehrte und gerne zurück, aber auch hinab blickt. Das Lokal ist spanisch, hat seit Jahrzehnten die unveränderte Speisekarte, teurer nur halt, aber immer noch genauso olivenöltriefend wie einst. Inzwischen kocht und bedient die Enkelgeneration, aber der alte Chef und einige Wegefährten arbeiten immer noch dort, obwohl sie längst in Rente sein könnten. Aber ohne ihr Kind, das Lokal mit der spanischen Sonne im Namen, wären sie wohl schon längst unter der Erde. Und weil gestern vor 50 Jahren der größte aller Musiker der elektrisch lauten Musik gestorben war, erzählte der Ehrenwerte Ernst Albert von einem anderen Lokal, auch mit der Sonne im Namen, aber in Deutsch, wo er sich früher oft mit seinem alten Freund, den er dieser Tage nach vielen Jahren wieder getroffen hatte, zum Nachmittagsgetränk verabredete. Und in dieser alten, etwas ranzigen Kaschemme stand in der Ecke eine Jukebox und der Freund drückte dort jedes Mal das eine Lied, das der Unvergleichliche sich von dem Meister Robert Zimmermann, den ich ja inzwischen gut kenne, ausgeliehen hat und auf seine unnachahmliche Weise zu einem eigenen gemacht hat. Und der Freund drückte das Lied bis zu fünfmal hintereinander. Und alle haben es gerne gehört. Sogar die jugoslawischen Kellner. Hier ist es und alle sollten es fünfmal hintereinander hören. Sagt der Ehrenwerte Ernst Albert. Und dann würden wir an einem Ort fahren, der nicht einfach wäre. Das aber nach den fünf Liedern, die ein Lied sind.

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Kleben / Bilder / Gedanken / Schrank / 019

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Es regnet und Lebbe geht weiter und zurück

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Der Regen wurde intensiver, nur kurz, aber umso heftiger. Mir, Archibald Mahler wurde freundlicherweise der Helm des Chauffeurs übergestülpt. Fand ich gut, da ich immer noch nicht ganz durchgetrocknet war und falls einem der Himmel auf den Kopp fallen sollte, sowieso. Der Chauffeur tanzte immer noch hemdlos auf der Wiese rum. Dann wurde auch er müde. Saßen wir also wieder rum auf der Bank vor dem Schloß (ohne Foto) und schwiegen mit den Resten des warmen Dosenbieres zu unseren Füßen. Und dann wurde es ernster. Also der Ernst Albert, der Ehrenwerte und mein Chauffeur sagte, er müsse jetzt mal wieder in den Rückspiegel schauen. Dachte ich also, ich auch tu das mal. Erinnern schadet nicht immer. Sehen wir also, welche Geschichten uns von hinten her anfassen werden.

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Kleben / Bilder / Gedanken / Schrank / 018

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Unter der Sitzbank und die Sache mit der Vorfreude

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Ja, ich, Archibald Mahler der Bär, hatte mich gefreut. Weiterfahren. Trotz mangelndem Tempo und Spritgestank. Aber jetzt muß ich mal petzen. Uff. Schon wieder über ein Wort nachdenken. Meine Vorfahren wurden gerne als Meister Petz benannt. Sind wir untreue Hintenrumtomaten, die sobald der Gefährte von der Bildfläche verschwunden mit dem langen Finger hinzeigen? Petze, Petze ging in Laden, wollt für ’nen Fünfer Käse, Lachs, Honig und Liebe haben? Das ist mir jetzt Bisonwurst. Also: Das Foto da oben. So reise ich. In Papiertüte neben Bisonwurstsemmel, Dosenbier, Tempotaschentüchern und einem Alibiapfel. Gesunde Ernährung und so! Natürlich kann man mich nicht sehen. Ich bin die Papiertüte. Und dann holt man mich raus und setzt mich auf den Zaun, schießt ein Foto und die Bierdose zoscht. Das sei ein Schloß. Nee! Nee! Nee! Das ist das Gesindehaus. Da habe ich schon was mehr erwartet. Dann wird der Mann, mit dem ich reise und der meine Gedanken lesen kann, etwas fuchtig und sagt: „Kannst auch laufen!“ Hat er jetzt nicht recht, aber vielleicht doch. Aber dann wird es doch noch schön, da oben auf dem JAMMERBERG über FREUDENTAL, quatsch, auf dem FREUDENBERG mit Blick auf das JAMMERTAL. Und sogar das ist hier unten im Heckerland einfach nur eine Augenweide. Muß ich jetzt mal petzen. Und dann krieg ich sogar ein Stück Apfel und einen Schluck Dosenbier ab. Letzteres war nicht so dolle. Ich habe es aber überlebt. Und es hat auch geregnet, als wir saßen und schwiegen und guckten ohne Kommentare, um keine Missverständnisse aufkeimen zu lassen. Sogar der Regen hier ist sehr sanft auf meinem Fell gelandet. Finde ich. Mein Chauffeur hat sich das Hemd vom Leib gemacht. Petze ich mal. Das war sehr lustig. Morgen wird es wieder ernst. Und ohne Verratungen.

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Kleben / Bilder / Gedanken / Schrank / 017

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Keine Bank heute, aber ein Liegestuhl auf dem Weg zum eigenen Schloß

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Manchmal gibt es Worte, die mich, Archibald Mahler, Bär aus Mittelhessen und derzeit im Heckerland durchnässt von lokalen Ergüssen auf einem Liegestuhl mit Blick jetzt nicht mehr nach Meersburg – liegt mir nun im Rücken und hinter der Hecke meines Gastgartens – zum Nachdenken zwingen. Wobei ich sagen muß, froher wäre ich, wenn mich der Nachdenkzwang etwas seltener heimsuchen würde. Na ja. Vielleicht trocknet man dann schneller wieder. Wenn man und es in einem denkt. Egal. Also das Wort. FREUDENTAL. Ich dachte eigentlich immer die Freude ist oben und im Tal der Jammer. Und dann schreibe ich mir vor meine Karusselgedanken hin: JAMMERBERG. So als Antithese. Nochmal ein na ja. Aber der Aufrechtgeher mit dem ich unterwegs bin, will mir ein Schloß schenken in Freudental. Und singt die ganze Zeit ein bescheuertes Lied, während ich mich auf das Trocknen meiner Innereien konzentriere. Manchmal ist Urlaub eine solche Zumutung wie das Leben. Ich befürchte, bald muß ich wieder ins nach Sprit stinkende Gepäckfach. Und Butter und Honig bei die Lachse: Ich freu mich drauf.

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