Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 018

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„Und jetzt schweres Gerät einsetzen? Was sagen Sie, Mahler?“

„Weshalb?“

„Na ja, die ganzen Steine im Acker!“

„Budnikowski, ich befürchte je schwerer das Gerät, welches wir einsetzen, desto größer die Anzahl der Steine, die wir noch nach oben befördern werden. Manche Steine fühlen sich wohler in der Unsichtbarkeit. Sollen sie doch!“

„Aber der Acker steinfrei, ist das nicht erstrebenswertes Ziel? Falls ich Sie zitieren darf?“

„Irgendwann schon. Die Betonung liegt auf irgendwann. Doch versuche ich eben von Ihro Geduldigkeit zu lernen.“

„Hä?“

„Nun denn. Wir wissen doch nicht wie viele Samen aus den letzten Jahren noch rumliegen im Feld. Und was da plötzlich alles aufploppt. Oder, wünschen wir es uns auch noch so sehr, einfach stille bleibt und nicht keimen will. Wir sollten vielleicht nur die Fingerspitzen benutzen! Das schwere Gerät fördert vielleicht Dinge noch oben, die wir so nicht sehen wollen! Aber, es gibt Samen, welche um Steine herum nach oben ranken können. Und es wollen.“

„Könnten Sie Recht haben. Aber Fingerspitzen? Haben wir Viecher nicht! Halt nur Pfoten!“

„Verzeihung, Meister Budnikowski, auch Ihnen ist das Metaphorische nicht gänzlich fremd!“

„Ah, der alte Moralbär Mahler haut wieder einen raus! Was tun?“

„Wichtig ist, daß es regnet!“

„Zur Not auch zwei bis drei Tränen?“

„Wenn es dem Wachstum dient!“

„Mahler? Wer reimt?“

„Der, der blöd fragt!“

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„blühender kirschbaum

wir tanzen unter blüten

die amsel erntet“

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 017 / Heute notwendige Abweichung und kein Reim

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„Mahler! Sie knirschen mit den Zähnen! Was ist!“

„Heute keine Reime!“

„Was dann?“

„Budnikowski, mein Hase im kalten Maiwind, eine kleine Erzählung!“

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Ein Bär und ein Hase saßen am ersten Mai, nackten Pöters, auf kalter Erde, die frisch umgepflügt. Ein kühler Ostwind kämmte ihnen das Fell. Man konnte, wenn man denn wollte, selbst in diesen Tagen der Untergänge, ein Wachsen ahnen. Unter sich. Der Hase, geringer an Gewicht und Alter denn der Bär, erwog die Flucht. Nicht nur genetisch bedingt, sondern aus Überzeugung. Der Himmel wölbte sich grau und schwer über den beiden Feldbesitzern. Im Bären rumorte es heute. Der erste Mai. Dieser Tag, der so vielen, denen das Alter schon am ergrauten Zopf zieht, stets ein kleines Ritual der Hoffnung auf gemeinsame Kräfte, Triebe und Erwartungen war, stand in diesen Zeiten seltsam unentschlossen in der Gegend rum. Was einen Bären ärgern kann. Gelegentlich. Na ja. Eigentlich stets. Die Samen seien gesät, ruhten in der Erde und die Erwartung in seinen Eingeweiden blähte so vor sich hin. Und nichts geschah. So sprang er auf und schrie der Scholle entgegen: Heraus zum ersten Mai! Heraus! Mutter Erde zuckte noch nicht einmal mit der Schulter. Auf der Schulter des Bären aber ruhte die kleine, feingliedrige Pfote des Hasen. Druck, bester Bär, Druck, nein, das ist Ihro Abwartigkeit doch nicht angemessen und fremd. Auch ich friere, alter Freund. Lassen Sie uns zuerst die Steine aus diesem Acker lesen und zur Seite räumen. Damit haben wir genug zu tun. Der Bär, dem es stets schwergefallen war, dem Hasen den Vortritt zu gewähren, nickte. Selbstverständlich so, daß es der Hase nicht sehen konnte.

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 016

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„Wo sind wir?“

„Offensichtlich nicht hier!“

„Aber hören kann ich sie!“

„Sehe ich Sie, Herr Budnikowski. Der Goldhase? Ich dachte, Sie hätten ihn verzehrt!“

„Mahler! Und Sie wären das Ei?“

„Sollte das nicht auch von Ihnen aufgefressen werden?“

„Ich raste kurzfristig. Verzeihen Sie!“

„Ziehen wir weiter!“

„Sind wir doch schon! Wir haben zu tun!“

„Budnikowski, lauschen wir!“

„Gut! Vielleicht schenkt uns der Wind einen Reim!“

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„nachdem wir gingen

ein holzscheit barst in teile

dann rief der kuckuck“

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 015

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„ich eilte durch mich hindurch

ein supermarkt gefüllt mit leeren regalen

ich stand trippelnd vor ihnen

machte mir keinen reim

bis ich verlor

die einkaufsliste

aus einer fremden bananenkiste

kroch die spinne

wünsch dir was“

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„Ist das von Ihnen, Budnikowski?“

„Vielleicht! Aber ich habe keine Zeit. Ich habe etwas gefunden.“

„Hatten Sie es gesucht?“

„Eher nicht! Aber wahrscheinlich schon. Man folgt ja immer dem eigenen Radar.“

„Und was werden Sie tun!“

„Ich werde den Hasen auffressen! Und das Schokoladen – Ei hinterher!“

„Kannibalismus?“

„Quatsch: Manchmal muß man sich selbst durch die eigenen Därme wandern lassen. Ist wie zweifelnd in den Spiegel schauen!“

„Nicht daß Ihnen davon schlecht wird, mein Freund!“

„Ich habe ja noch Ihr Lied von gestern im Ohr!“

„Und, haben Sie Goldstaub drüber gepinselt?“

„Yep!“

„Und wie hört sich das dann an?“

„Milder!“

„Und sonst?“

„Lieder, die man über andere singt, sind oft Lieder über einen selbst!“

„Dann man los! Schweigen ist Silber, Singen ist Gold!“

„Mit!“

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 014

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„Noch hängt sie in der Luft

Die feuchte Kälte welche

Eine lange Nacht uns hinterlassen

Die Farbe fließt von den Wänden

Das alte Haus knirscht

Im Schuppen wartet zukünftige Vergangenheit

Reinigen wir die Pinsel“

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„Ein Reim zu Beginn? Mahler, was ist los?“

„Nun, Freund Budnikowski, sie waren ja gestern nicht der, der sie waren. Da nutzte ich die Zeit.“

„Die Sonne ist zurück. Das ist gut. Was denken sie nach heute?“

„Was sie gestern sagten. Mit dem fremden, beschlagenen Spiegel und so. Und ob man ab und zu, was man von sich sieht, entrümpeln sollte. Also was kaputt gegangen war. Oder ob etwas neue Farbe das Ganze wieder nach vorne bringt. Sie verstehen?“

„Wenn den Japanern eine Tasse aus dem Schrank fällt, dann kleben sie die wieder zusammen und malen die Bruchlinien mit Goldfarbe an. Finde ich hübsch!

„Oh jemine!“

„Das heißt, Mahler?“

„Dann kann ich das versprochene Lied nicht singen!“

„Wieso? Ist es runtergefallen?“

„Nein! Es ist wütig! Und ungerecht!“

„Singen Sie es trotzdem. Ich höre es an und meine Löffel pinseln Goldstaub drüber!“

„Sie sind mir ja einer!“

„Nun denn!“

„Herr Zimmermann übernimmt!“

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Verschlungene Pfade suchen im Hinterland / 013

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„Budnikowski! Nicht, daß ich nun Erklärungen verlangen wollte! Wir sind drinnen wieder. Und wo ist unser Wald?“

„Es regnet Katzen! Na ja auch Hunde, aber vor allem Katzen!“

„Aber Ihre … ähem … Verkleidung … das Dings da?“

„Meister Mahler! Es ist quasi eine Klarmachung!“

„Aus Papier?“

„Heute ist der Tag des Aliens!“

„Verstehe ich nicht!“

„Eine Frage nur: sind Sie sich fremder selbst beim Blick in stumpfe Spiegel oder bin ich es, der Ihnen erscheint, als wäre er gestern von einem fernen Stern in ihr Leben gefallen?“

„Sie haben mich auf der richtigen Tatze erwischt. Morgen singe ich ein Lied für Sie!“

„Solange mein Reim!“

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„der regen prasselt

die kälte kriecht über mich

ist dies meine haut“

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