Mit der Heimkehr ist das immer so eine Sache. Auch bekennende Solitäre, wie sie Bären nun einmal sind, haben durchaus gewisse Erwartungen in Bezug auf einen ordentlichen Empfang nach etwas längerer Abwesenheit. Pochierter Lachs auf Preiselbeerbett, mit Honigschnaps flambiertes Aas, die Heizung auf voll, im Bilderapparat auf paar hübsche Naturfilme – egal ob über Alaska oder die Kurilen – und, wenn möglich, keine dummen Fragen: das sind schon ein paar Standards. Und dann ist die Tür verschlossen, keiner zu Hause und selbst die Nachbarin, die aushelfen könnte, ist an der Arbeit. Hallooo! (Kurze Entschuldigung für diesen Ausdruck an alle Leser jenseits der Zielgruppe 14 bis 49! Herzlichst: Der Setzer) Archibald hatte sich das alles ein wenig anders vorgestellt. Der Regen hatte zwar nachgelassen, aber so ein feuchtes Fell juckt und stinkt und ein anoperiertes Bein reagiert in solch einem Fall gerne mit rheumatischem Zucken. Archibald ließ seinen Magen knurren, eine sanfte Form des Protests gegen Ernst Alberts und Eva Pelagias unerwartete Abwesenheit.
Linderung brachte der nicht zu bremsende Mitteilungszwang des modernen Aufrechtgehers. Vor der verschlossenen Haustüre lagen dutzende dieser Umsonstzeitungen, mit denen ein durchschnittlicher Haushalt tagtäglich belästigt wird. In diesen Blättern, welche als Baum eine weit sinnvollere Erscheinungsform darstellen würden, äußern sich periphere Schreiberlinge zu peripheren oder an anderer Stelle schon hundertmal durchgekauten Ereignissen. Im Wesentlichen bestehen diese Papierberge aber aus beigelegten Empfehlungen für die umliegenden Kaufbuden. Aber Archibald war diese weitere humanoide Überflüssigkeit im Moment außerordentlich willkommen. Auch die guten alten Hobos, Penner und Clochards, mit denen Archibald Mahler, der Bär vom Brandplatz, sich heute sehr verbunden fühlte, wissen die wärmende Wirkung von Zellulose zu schätzen. Der Bär deckte sich zu und seine feine Nase rochlas diese Meldung:
„Hase und Maus mußten sterben. Ein Hase und eine Maus sind am Freitagabend Opfer eines Beziehungsstreits eines Paares geworden. Ein Mann und seine Lebenspartnerin hatten sich im bayrischen Schönau in angetrunkenem Zustand derart gezofft, daß sie das Haustier des jeweils anderen umbrachten. Eine Nachbarin hörte Hilferufe der Frau und alarmierte die Polizei, welche die Situation beruhigen konnte. Die Frau verbrachte die Nacht dann bei einer Verwandten.“
Und wieder hatte die Realität die Fiktion um Längen geschlagen. Vor wenigen Tagen noch, an historischer Stätte, hatte Archibald intensiv nachgedacht und fabuliert, wie denn einstens sein Bein abgegangen sein könnte. Und jetzt dies. Realität war leider auch, daß die Hausherren nicht anwesend waren und der durchnäßte Bär ante portas lag. So riecht ein Skandal! Doch Archibald war nicht gewillt sich auf die Ebene der zweibeinigen Überempfindlichkkeit und des Gejammers herabzulassen. Er nahm seine momentane Situation als eine weitere Übung in Sachen Akzeptanz an und schlief ein. Wird schon wer kommen! Sspakojnaj notschi!
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