Archibald atmete ein, Archibald atmete aus. Jeden Kubikzentimeter Luft sog er gewissenhaft durch seine Vibrissae und ließ ihn prüfend auf der Nasenschleimhaut zergehen. Ein wildes Gemisch schlug Archibald entgegen: der unvermeidliche stechende Geruch der Autoabgase, der Schweiß gehetzter Menschen auf dem Weg zur Arbeit, penetrante Duschgels, die den Angstschweiß übertünchen sollen und tausendfach verschieden duftende Atemluft, auf deren Flügeln tausendmal mehr unnötige Worte in die Luft entlassen werden. Und die können ordentlich stinken. Potzrembel aber auch! Archibald ging in sich, kam wieder heraus und hatte beschlossen, bevor er das schon angerissene Szenario „Das abbe Bein/Die Anoperation“ zu Ende führen würde, noch mal drüber nachzudenken, wieviel seiner Worte er sich in Zukunft sparen könnte. Dann roch er Alkohol, Zigaretten, Schweiß. Nein, nicht Ernst Albert, sondern vor dem Fenster standen sie wieder: Die Russen. Immer um diese Zeit fanden sie sich zusammen auf dem kleinen Platz in der Nähe der Höhle, tranken ihr gebranntes Kartoffelwasser, dazu extrem süße Fruchtsäfte und spülten das Ganze mit dem billigsten Bier, das es zu kaufen gab, herunter. Sie rauchten und tranken und lachten. Zwei bis drei Stunden später brüllten sie sich an und waren kurz danach verschwunden. Und jedesmal, wenn Archibald die rauhe, gurgelnde Sprache dieser Menschen vernahm, die aus hundert verschiedenen s-, ch- und sch- Lauten zu bestehen schien, wurde ihm ganz seltsam zu Mute. Zwar war Archibalds Vergangenheit bis heute noch ein ziemlich dunkles Loch, doch in den letzten Wochen, als da drüben in den Bergen jenseits des Meeres Menschen Metallscheiben um die Hälse gehängt worden waren, dachte Archibald oft, dort endlich das Land seiner Vorfahren gefunden zu haben. Doch der Klang der Worte dieser Trunkenbolde! „Sdrasstwujti, wissna! Dasswidan`ja sima!“ Altbekannte Glöcklein begannen zu klingeln. Konnte es vielleicht sein, daß er eigentlich? Archibald stutzte. Doch bevor ihn das Nachdenken über seine Wurzeln in eine veritable Identitätskrise stürzen sollte, besann er sich auf seine Aufgabe und atmete ein und atmete aus, konzentriert und ausdauernd. Doch so sehr er sich bemühte, den Frühling, ihn roch er nicht. Im Gegenteil, Schnee lag in der Luft. Morgen, übermorgen vielleicht. Nun gut, soll er kommen. Die Sonne blinzelte durch ein Wolkenloch und Archibald fletschte die Zähne. Denn die Zähne nehmen am schnellsten das für Knochen und Beißerchen lebenswichtige Vitamin D auf, so etwas weiß nun jeder Bär, egal ob aus dem Westen oder dem Osten stammend. Man sieht zwar mit gefletschten Zähnen etwas dämlich aus, das fand auch Archibald, aber man will ja auch noch morgen kraftvoll zubeissen können. „Wissna! Sskutschjaju!“ Da hörte Archibald in der Höhle einen alten Mann Lieder singen. Von Trost und Hoffnung und Morgen! Morgen! „Wissna! Sskutschjaju!“
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