DR. A. MAHLERS GESAMMELTE BÄNKE XIII (KOPFLOSER ENGEL / KAPITEL DREI)

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Und so geht die Geschichte weiter, die Archibald Mahler einfiel, als das Viech sein Bein hob:

……………..

Henriette von Stützerbach lag auf einer alten stinkenden Pferdedecke, in einer mit allerhand Gerümpel vollgepackten Garage irgendwo in der Weststadt und schlief. Die letzte Woche war anstrengend gewesen. Ein großer Mann mit einer tiefen und strengen Stimme hatte ihr erst einen Maulkorb verpaßt, dann sie an die Leine gelegt, ins Auto gepackt und irgendwo draußen im Wald wurden ihr seltsame Menschenklamotten angezogen, wieder ausgezogen und ständig war ein blitzende und blinkende Kamera auf sie gerichtet. Und der Mann bekam sich nicht mehr ein vor Lachen. Das Gewöhnungsbedürftige an der ganzen Angelegenheit war aber, daß ihr nicht mehr eine quietschend hohe Stimme in den Ohren lag, die sie abwechselnd als „Süße, Edelmäuschen, Herzblatt und mein ganzer Stolz!“ bezeichnete, sondern ein Baß ihr bestenfalls ein knappes „Platz!“ oder „Hier, Dein Fressen!“ hinwarf. Und wenn Sie darüber nachdachte, so weit eine adlige Boxerdame zur Reflexion fähig ist, sie hatte sich noch nie so sehr als richtige Hündin gefühlt wie in diesen Tagen. Und dieser einfache Pansen, den man ihr servierte, mundete ganz vorzüglich. Besser als gedünstete Karotten mit Lammhaschee.

„Nein, ich mache das nicht. Nein, ich mache das nicht. Ich denke nicht dran, mich dermaßen zu erniedrigen, wenn Du und Deine unfähigen Lakaien nicht in der Lage sind, in diesem kleinen Drecksnest eine entführte, gequälte und inzwischen höchstwahrscheinlich psychisch gebrochene Hundedame zu finden.“ Trotz Ihres vor wenigen Tagen erlittenen Nervenzusammenbruchs tobte Gisela Henriette Hellinger, geboren als Gisela Dill in Kelsterbach bei Frankfurt, recht kraftvoll durch das Einzelzimmer in der „Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie“ des Universitätsklinikums Gießen, während ihr Mann in inzwischen perfekt einstudierter Dulderpose auf dem Besucherstuhl neben ihrem Krankenbett saß.

„Liebling. Eine öffentliche Entschuldigung ohne Nennung Deines Namens. Mehr ist das nicht. Die wollen nicht mal Geld.“

„Ich mich für etwas entschuldigen? Öffentlich? Mit halbseitigen Anzeigen in beiden Käseblättern in diesem Kaff? Und wenn Henriette etwas nicht ist, dann ein profanes Haustier. Und ein Vieh schon gar nicht.“ Noch einmal reckte Frau Hellinger ihr Kinn wütend gegen die Decke des Krankenzimmers, um im nächsten Moment in operettenhafter Pose auf das Bett zu sinken und unter ruckartigen und tränennassen Seufzen hervorzustoßen: „Ich habe es kommen sehen. Alles. Ich wollte nie mit umziehen in dieses Siegen.“

„Gießen, Schatz, bitte, Gießen.“

„Das ist doch wohl völlig egal. Lieber Karl Arsch in Frankfurt als Chef in dieser Wüste.“

Und sie barg ihren vibrierenden Kopf unter dem Kopfkissen, zog die angewinkelten Beine in Richtung ihres schlanken, durchtrainierten Bauches und verharrte im Zustand der Regression, leise vibrierend.

Hellinger wußte um die tiefe Sinnlosigkeit der nun möglichen Diskussion über berufliche Chancen und private Abhängigkeiten, atmete tief hinab in seinen Unterleib, preßte die Handinnenflächen gegeneinander, wie er es einstens bei den Entspannungsseminaren an der Polizeihochschule gelernt hatte und strich dann seiner Frau geduldig übers Haar. Er liebte sie, was sollte er machen. Fünf Jahre hatte es gedauert, bis sie ihn das erste Mal erhörte, weitere fünf Jahren vergingen bis sie seinen ersten Heiratsantrag, welchen er ihr etwa fünf Tage nach dem ersten Erhörtwerden gemacht hatte, mit „Ja.“ beantwortete. Dies war wenige Tage nach seiner Beförderung zum Kriminalrat und der entsprechend gehaltvollen Anpassung der monatlichen Zahlungseingänge gewesen. Da Gisela Dill zu dieser Zeit auch ihre Anstellung als Dramaturgin, Kostümbildnerin und Eventmanagerin bei einer kleinen Privattheatergruppe in Frankfurt verloren hatte, weil die Truppe schlichtweg Pleite gegangen war, schmerzte sie das Zugeständnis angesichts ihrer Lage nicht allzusehr.

Hellinger räusperte sich. „Gut, Engel, Du hast ja recht. Wir lassen uns von diesen Verbrechern nicht weich kochen. Ich habe heute meinen besten Mann mit dem Fall betraut. Wir finden das Tier.“

„Das Tier heißt Henriette und jetzt geh bitte und sage der Schwester Bescheid, daß ich den Professor sprechen will.“

Hellinger richtete sich auf seinen Stuhl auf, hörte wie seine Rückenwirbel sich wieder in eine halbwegs aufrechte Position knackten, griff nach seinem Jackett, spürte wie sich eine unendliche Leere in ihm breit machte, stand auf, küßte seine große Liebe auf den noch immer leise vibrierenden Hinterkopf und verließ den Raum.

…………..

So! Pause erstmal. Archibald Mahler erhebt sich und macht sich auf zu einer neuen Bank. Und dem nächsten Kapitel. Bis morgen dann! Huch! Da hätte er fast etwas vergessen. Sehr geehrte Frau Eva Pelagia: Das ist für Sie!

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Autor: Christian Lugerth
Datum: Dienstag, 14. Juni 2011 5:44
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